Der neue Wettbewerb um Lebenszeit

Veröffentlichung: 23.07.2026, 12:07 Uhr - Lesezeit 7 Minuten

Zeitwertkonten, Mobilitätsbudgets und Wahlleistungen haben auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun. Tatsächlich stehen sie für denselben Wandel: Arbeitgeber konkurrieren zunehmend um die Lebensgestaltung ihrer Beschäftigten.

(PDF)
Unternehmen erweitern ihre Benefit-Strategien: Statt standardisierter Zusatzleistungen gewinnen flexible Angebote wie Zeitwertkonten oder alternative Mobilitätsmodelle im Wettbewerb um Fachkräfte an Bedeutung.Unternehmen erweitern ihre Benefit-Strategien: Statt standardisierter Zusatzleistungen gewinnen flexible Angebote wie Zeitwertkonten oder alternative Mobilitätsmodelle im Wettbewerb um Fachkräfte an Bedeutung.Redaktion experten.de / KI-generiert

Noch vor wenigen Jahren galten Firmenwagen, Boni oder eine betriebliche Altersversorgung als die klassischen Instrumente, mit denen Unternehmen um qualifizierte Mitarbeiter warben. Heute verschieben sich die Prioritäten. Beschäftigte erwarten zunehmend Angebote, die sich an unterschiedlichen Lebensphasen orientieren und individuelle Entscheidungen ermöglichen. Zwei aktuelle Untersuchungen zeigen diesen Wandel aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Während eine Studie von Fidelity International und der Universität Hamburg die Verbreitung von Zeitwertkonten untersucht, analysiert die aktuelle International Car Policy Survey von WTW die Entwicklung betrieblicher Mobilitätsangebote. Auf den ersten Blick haben beide Themen wenig miteinander zu tun. Tatsächlich erzählen sie dieselbe Geschichte.

Weg vom Standard, hin zur Wahlfreiheit

Zeitwertkonten ermöglichen es Beschäftigten, Arbeitszeit oder Entgeltbestandteile über längere Zeiträume anzusparen und später für Sabbaticals, Weiterbildungen, Eltern- oder Pflegezeiten sowie einen gleitenden Übergang in den Ruhestand zu nutzen. Bereits die Einleitung der Fidelity-Studie macht deutlich, dass dieses Instrument vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und veränderter Erwerbsbiografien an Bedeutung gewinnt.
Noch sind solche Modelle allerdings keineswegs flächendeckend verbreitet. Lediglich 29,57 Prozent der befragten Organisationen mit mehr als 300 Beschäftigten verfügen über ein entsprechendes Zeitwertkonto. Gleichzeitig zeigt die Untersuchung, dass größere Unternehmen solche Modelle deutlich häufiger einsetzen als kleinere Betriebe.
Dabei geht es längst nicht nur um den Vorruhestand. Zwar bleibt dieser der wichtigste Anwendungsfall, doch auch Sabbaticals, Eltern- und Pflegezeiten sowie Weiterbildungsphasen gewinnen an Bedeutung. Zeitwertkonten entwickeln sich damit zu einem Instrument, das unterschiedliche Lebensphasen innerhalb eines Erwerbslebens abbilden soll.

Der Firmenwagen verliert seine Exklusivität

Einen ähnlichen Trend beobachtet WTW bei den Mobilitätsleistungen. Der Firmenwagen bleibt zwar ein zentrales Vergütungsinstrument. Gleichzeitig verabschieden sich Unternehmen zunehmend vom Einheitsmodell. Bereits 46 Prozent der deutschen Unternehmen ermöglichen ihren Beschäftigten die Wahl zwischen einem Firmenwagen und einer Geldlösung – deutlich mehr als im europäischen Durchschnitt. Bemerkenswert ist dabei weniger die Alternative selbst als das dahinterliegende Prinzip: Arbeitgeber schaffen Wahlmöglichkeiten, statt allen Beschäftigten dieselbe Leistung anzubieten. Zwar entscheiden sich die meisten Mitarbeiter weiterhin für den Firmenwagen, doch die Möglichkeit zur individuellen Entscheidung wird selbst zum Bestandteil des Angebots. Auch bei weiteren Mobilitätsleistungen zeigt sich diese Entwicklung. Zuschüsse zum öffentlichen Nahverkehr, Fahrräder oder E-Bikes ergänzen zunehmend den klassischen Dienstwagen und erweitern die betriebliche Mobilitätsstrategie.

Der Benefit wird zur Plattform

Die Gemeinsamkeit beider Studien liegt deshalb nicht in ihren Einzelthemen. Sowohl Zeitwertkonten als auch moderne Mobilitätsangebote spiegeln einen grundlegenden Wandel der Personalpolitik wider. Unternehmen bieten immer seltener starre Standardleistungen an. Stattdessen entstehen Benefits, die unterschiedliche Lebensentwürfe berücksichtigen und individuelle Entscheidungen ermöglichen. Der Wettbewerb um Fachkräfte verlagert sich damit zunehmend von der Höhe einzelner Zusatzleistungen auf deren Flexibilität. Nicht jeder Beschäftigte benötigt dieselben Angebote – wohl aber die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Optionen zu wählen.

Komplexität bleibt die größte Hürde

Dass sich dieser Wandel bislang nur langsam vollzieht, zeigt wiederum die Fidelity-Studie. Unternehmen verzichten häufig nicht wegen mangelnden Interesses auf Zeitwertkonten, sondern weil sie den administrativen Aufwand scheuen oder rechtliche Unsicherheiten sehen. Fehlende Informationen zählen ebenfalls zu den wichtigsten Hinderungsgründen. Gerade hierin dürfte sich entscheiden, wie schnell sich neue Modelle künftig verbreiten. Denn mit dem Eintritt der Babyboomer in den Ruhestand und dem anhaltenden Fachkräftemangel wächst der Druck auf Unternehmen, attraktive und zugleich flexible Arbeitsbedingungen zu schaffen.

Der Wettbewerb verändert seine Richtung

Der klassische Wettlauf um das höchste Gehalt dürfte damit zunehmend von einer anderen Frage ergänzt werden: Wie viel Gestaltungsspielraum bietet ein Arbeitgeber seinen Beschäftigten? Zeitwertkonten, Mobilitätsbudgets oder flexible Benefit-Systeme stehen exemplarisch für diese Entwicklung. Sie zeigen, dass Unternehmen nicht mehr nur zusätzliche Leistungen anbieten, sondern ihren Mitarbeitern mehr Möglichkeiten eröffnen wollen, das eigene Berufs- und Privatleben individuell zu gestalten.
Der neue Wettbewerb entscheidet sich damit immer weniger an einzelnen Benefits – sondern an der Freiheit, zwischen ihnen wählen zu können.

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Patrick Steeger ist unabhängiger Berater für betriebliche Gesundheitsvorsorge und Mitarbeiter-Benefits.Patrick Steeger ist unabhängiger Berater für betriebliche Gesundheitsvorsorge und Mitarbeiter-Benefits.Brandbenefits GmbH, Hamburg
bKV

Von Benefit zu Bindungsbooster: Wie eine bKV im Unternehmen Fluktuation spürbar senkt

Die betriebliche Krankenversicherung gilt als einer der gefragtesten Benefits im Wettbewerb um Fachkräfte. Doch nicht jede bKV entfaltet automatisch Wirkung. Patrick Steeger, unabhängiger Berater für betriebliche Gesundheitsvorsorge, zeigt in seinem Gastbeitrag, warum eine bKV nur dann Fluktuation senkt und Recruiting erleichtert, wenn sie strategisch eingeführt und im Unternehmen aktiv kommuniziert wird.
Patric Fedlmeier, stellvertretender Vorstandsvorsitzender im Provinzial Konzern unterzeichnet im Beisein der UKV-Vorstände Frank A. Werner (r.) und Martin Fleischer (l.), den Vertrag zur betrieblichen Krankenversicherung.Patric Fedlmeier, stellvertretender Vorstandsvorsitzender im Provinzial Konzern unterzeichnet im Beisein der UKV-Vorstände Frank A. Werner (r.) und Martin Fleischer (l.), den Vertrag zur betrieblichen Krankenversicherung.Anastasia Kapluggin
Unternehmen

Provinzial führt betriebliche Krankenversicherung für Beschäftigte ein

Die betriebliche Krankenversicherung gilt seit Jahren als wichtiges Instrument zur Mitarbeiterbindung. Nun führt auch der Provinzial Konzern einen arbeitgeberfinanzierten Gesundheitsschutz für seine Beschäftigten ein. Im Mittelpunkt stehen Vorsorgeleistungen mit der Möglichkeit, den Versicherungsschutz individuell auszubauen.
Kerstin HendriksKerstin HendriksRalph Steckelbach
Management

Wechseljahremanager, bKV und Prävention: Wie Unternehmen Betroffene unterstützen können

Aufklärung allein reicht nicht aus, sagt Kerstin Hendricks. Im zweiten Teil des Interviews erklärt sie, welche Maßnahmen im Arbeitsalltag tatsächlich helfen, welche Rolle betriebliche Krankenversicherung und Gesundheitsangebote spielen können und warum Unternehmen klare Zuständigkeiten schaffen sollten.
Kerstin HendriksKerstin HendriksRalph Steckelbach
Management

Wechseljahre im Job: Warum Unternehmen ihre erfahrensten Mitarbeiterinnen verlieren

Millionen Frauen erleben die Wechseljahre während ihres Berufslebens. Dennoch bleibt das Thema in vielen Unternehmen unsichtbar. Kerstin Hendricks erklärt im Interview, warum die Lebensphase längst zu einer Managementfrage geworden ist – und weshalb Fachkräftemangel und Mitarbeiterbindung dabei eine größere Rolle spielen als viele Arbeitgeber denken.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"
Ausgabe 07/26

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"

Klaus Liebig und Robert Schmidt, Geschäftsführer der vfm Gruppe
"Nicht laut, aber immer noch relevant"
Ausgabe 05/26

"Nicht laut, aber immer noch relevant"

Wibke Becker - Generalbevollmächtigte & Leiterin Maklervertrieb - Continentale - Mannheimer - EUROPA
"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht