Psychische Belastung: 74 Prozent der betroffenen Azubis denken an Abbruch
Neun von zehn Auszubildenden sind mit ihrer Ausbildung zufrieden. Doch hinter diesem positiven Gesamtbild verbirgt sich eine problematische Gruppe: Bei Azubis mit stark eingeschränktem psychischem Wohlbefinden denken 74 Prozent ernsthaft über einen Ausbildungsabbruch nach. Eine neue Untersuchung von Bertelsmann Stiftung und Institut der deutschen Wirtschaft zeigt zugleich, warum Unternehmen das Problem teilweise nur schwer erreichen.
Die meisten Auszubildenden in Deutschland beurteilen ihre Ausbildung positiv. Rund 90 Prozent sind damit zufrieden, wie eine Mitte Juli veröffentlichte Befragung der Bertelsmann Stiftung zeigte. Dennoch können psychische Belastungen für einen Teil der jungen Menschen zu einem erheblichen Risiko für den Ausbildungserfolg werden.
Das zeigt eine neue gemeinsame Untersuchung der Bertelsmann Stiftung und des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Dafür wurden sowohl Auszubildende als auch Unternehmen befragt. Knapp 20 Prozent der Azubis geben an, sich durch ihre Ausbildung häufig oder fast immer emotional belastet zu fühlen. Frauen berichten dabei deutlich häufiger von psychischen Belastungen als Männer. Bei rund 15 Prozent der Befragten – etwa jedem siebten Auszubildenden – stufen die Studienautoren das psychische Wohlbefinden als besorgniserregend niedrig ein.
74 Prozent denken über Ausbildungsabbruch nach
Besonders deutlich wird die Bedeutung der mentalen Gesundheit beim Blick auf mögliche Ausbildungsabbrüche. Von den Auszubildenden mit stark eingeschränktem Wohlbefinden denken 74 Prozent ernsthaft darüber nach, ihre Ausbildung abzubrechen. Unter jungen Menschen mit stabilem Wohlbefinden beträgt der Anteil lediglich zwölf Prozent. Auch rückblickend zeigt sich der Zusammenhang: Auszubildende, die bereits eine Ausbildung abgebrochen oder einen Abbruch erwogen haben, nennen psychische Belastungen am häufigsten als Grund.
Damit steht ein Problem im Raum, das nicht nur die beruflichen Perspektiven der Betroffenen berührt. Für Ausbildungsbetriebe bedeutet ein Abbruch ebenfalls einen Verlust: Nachwuchskräfte gehen verloren, bereits investierte Zeit und Ressourcen ebenfalls. Die Untersuchung beziffert die Kosten eines Ausbildungsabbruchs für einen Betrieb im Durchschnitt auf schätzungsweise rund 20.000 Euro. Zudem geben 62 Prozent der befragten Unternehmen an, dass psychische Belastungen die Produktivität ihrer Auszubildenden beeinträchtigen.
„Die mentale Gesundheit der Auszubildenden ist eine wesentliche Grundlage für eine erfolgreiche Ausbildung“, sagt Fabian Schaffer, Experte der Bertelsmann Stiftung für berufliche Bildung. Belastungen wirkten sich nicht nur auf das Wohlbefinden und die Produktivität aus, sondern erhöhten auch das Risiko eines Ausbildungsabbruchs. Für Unternehmen liege es deshalb im eigenen Interesse, entsprechende Unterstützung zu organisieren.
Angebote gibt es – doch viele Azubis kennen sie nicht
Viele Ausbildungsbetriebe haben bereits Maßnahmen etabliert. Dazu gehören Gesundheitsinformationen, Sport- und Präventionskurse, Trainings zum Stressmanagement oder interne Ansprechpartner. Allerdings bestehen deutliche Unterschiede nach Unternehmensgröße. Kleine und mittlere Betriebe verfügen seltener über entsprechende Angebote als Unternehmen mit mindestens 250 Beschäftigten. Hinzu kommt ein grundsätzliches Kommunikationsproblem: Nur jeweils etwas mehr als ein Drittel der Auszubildenden weiß von den einzelnen Unterstützungsangeboten im eigenen Ausbildungsbetrieb. Selbst bekannte Angebote helfen zudem wenig, wenn junge Menschen Hemmungen haben, Probleme anzusprechen. Genau darauf deutet ein weiterer Befund hin: 35 Prozent der befragten Auszubildenden sprechen mentale Belastungen nicht an, weil sie dadurch Nachteile für sich befürchten.
Damit besteht die Herausforderung für Arbeitgeber nicht allein darin, Unterstützungsangebote bereitzustellen. Sie müssen ihre Auszubildenden auch erreichen – und die jungen Menschen müssen darauf vertrauen können, dass Offenheit ihnen nicht zum Nachteil gereicht. Bertelsmann Stiftung und IW empfehlen deshalb einen offenen Umgang mit mentaler Gesundheit sowie einen Ausbau und eine bessere Kommunikation von Präventionsangeboten. Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen seien dabei auf externe Unterstützung angewiesen.
Mehr als die Hälfte der Betriebe sieht Weiterbildungsbedarf
Eine Schlüsselrolle kommt dabei auch den Ausbildern zu. Sie müssen Belastungen erkennen und angemessen reagieren können, bevor daraus Konflikte oder ein Ausbildungsabbruch entstehen. Gut die Hälfte der befragten Unternehmen sieht zusätzlichen Bedarf an entsprechenden Weiterbildungsangeboten für Ausbilder. Gleichzeitig betrachten die Betriebe psychische Belastungen nicht ausschließlich als innerbetriebliches Problem. Ein Drittel der ausbildenden Unternehmen berichtet von einer Zunahme von Konflikten und Problemen während der Ausbildung.
„Der größte Wunsch der Unternehmen zur Stärkung der psychischen Gesundheit ist eine bessere Prävention in der Schule und der Berufsschule, um den Einstieg in Ausbildung und einen erfolgreichen Ausbildungsverlauf zu fördern“, erklärt Dirk Werner, Ausbildungsexperte des IW.
Die Studienautoren sehen deshalb mehrere Akteure in der Verantwortung. Schulen könnten junge Menschen frühzeitig stärken, Berufsschulen und Ausbildungsbetriebe Belastungen erkennen und gemeinsam darauf reagieren. Kammern, Sozialpartner, Bildungsträger und Beratungsstellen könnten insbesondere kleinere Unternehmen unterstützen.
Nachwuchs gewinnen reicht nicht
Die Ergebnisse treffen auf einen Ausbildungsmarkt, auf dem Unternehmen vielerorts um geeignete Nachwuchskräfte konkurrieren. Gute Vergütung, attraktive Ausbildungsbedingungen und erfolgreiches Recruiting sind dabei nur ein Teil der Aufgabe. Denn wer junge Menschen für eine Ausbildung gewinnt, muss sie anschließend auch erfolgreich durch diese Zeit begleiten. Die insgesamt hohe Zufriedenheit der Auszubildenden zeigt, dass dies in der großen Mehrheit der Fälle gelingt. Gleichzeitig macht die Untersuchung deutlich, wie stark sich die Situation einer kleineren, psychisch belasteten Gruppe davon unterscheidet. Wenn bei stark eingeschränktem Wohlbefinden fast drei Viertel über einen Ausbildungsabbruch nachdenken, wird mentale Gesundheit damit auch zu einem Faktor der Fachkräftesicherung.
Entscheidend könnte dabei weniger die Zahl der vorhandenen Programme sein als die Frage, ob Auszubildende sie kennen und tatsächlich nutzen können. Wenn 35 Prozent Belastungen aus Sorge vor möglichen Nachteilen verschweigen, beginnt Prävention deshalb nicht erst beim nächsten Gesundheitskurs – sondern beim Vertrauen im Ausbildungsbetrieb.
Zur Studie
Für die Perspektive der jungen Menschen befragte das Institut iconkids & youth im Auftrag der Bertelsmann Stiftung 929 Auszubildende zwischen 15 und 25 Jahren, die eine duale Ausbildung absolvieren. Die repräsentative Online-Befragung fand von Anfang März bis Mitte April 2026 statt. Zur Beurteilung des psychischen Wohlbefindens wurden Fragen verwendet, die an einen Fragebogen der Weltgesundheitsorganisation angelehnt sind.
Die Unternehmensperspektive basiert auf der 41. Welle des IW-Personalpanels. Dafür wurden zwischen dem 10. Februar und 4. Mai 2026 repräsentative Angaben von 1.188 Unternehmen erhoben.
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