Mehrfachinsolvenzen: Warum die zweite Pleite oft die Fortsetzung der ersten ist

Veröffentlichung: 01.09.2026, 15:09 Uhr - Lesezeit 9 Minuten

Görtz, Depot oder KFC Uerdingen: Unternehmen geraten mitunter erneut in die Insolvenz, obwohl ein vorheriges Verfahren erfolgreich abgeschlossen wurde. Doch warum reicht die Entschuldung für einen dauerhaften Neustart nicht aus? Insolvenzverwalter Thomas Ellrich sieht einen entscheidenden Fehler darin, finanzielle Sanierung mit einer nachhaltigen Neuaufstellung des Unternehmens zu verwechseln.

(PDF)
Ein abgeschlossenes Insolvenzverfahren bedeutet noch keine nachhaltige Sanierung. Werden Geschäftsmodell, Kostenstrukturen, Organisation und Controlling nicht konsequent neu ausgerichtet, kann der Weg schneller als erwartet in die nächste Krise führen.Ein abgeschlossenes Insolvenzverfahren bedeutet noch keine nachhaltige Sanierung. Werden Geschäftsmodell, Kostenstrukturen, Organisation und Controlling nicht konsequent neu ausgerichtet, kann der Weg schneller als erwartet in die nächste Krise führen.Redaktion experten.de / KI-generiert

Ein abgeschlossenes Insolvenzverfahren bedeutet nicht zwangsläufig, dass auch die Ursachen einer Unternehmenskrise beseitigt sind. Wie schnell wirtschaftliche Probleme zurückkehren können, zeigen mehrere prominente Beispiele.
Der Hamburger Schuhhändler Görtz geriet Anfang 2025 erneut in die Insolvenz. Erst im Juli 2023 war ein vorheriges Insolvenzverfahren nach dem Einstieg eines Investors beendet worden. Auch die Deko-Kette Depot befindet sich seit Mai 2026 zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahre in einem Insolvenzverfahren. Das erste Verfahren in Eigenverwaltung hatte das Unternehmen 2024 eingeleitet.

Besonders häufig musste der KFC Uerdingen den Gang zum Insolvenzgericht antreten. Das jüngste Verfahren des Fußballvereins wurde Ende April 2026 nach Bestätigung eines Insolvenzplans aufgehoben. Warum Unternehmen nach einem vermeintlichen Neustart erneut in Schwierigkeiten geraten, lässt sich nach Einschätzung von Thomas Ellrich, Rechtsanwalt, Insolvenzverwalter und Fachanwalt für Insolvenz- und Sanierungsrecht bei VOIGT SALUS, nicht allein mit neuen äußeren Krisen erklären.
„Eine Insolvenz kann akute finanzielle Not lindern, beseitigt aber nicht automatisch die tieferen Ursachen einer Unternehmenskrise“, erklärt Ellrich. Werden Marktposition, Kosten, Geschäftsmodell oder Organisation nicht konsequent überprüft, bleibe der Betrieb anfällig. Eine erneute Insolvenz könne dann weniger eine neue Krise als vielmehr die Fortsetzung der alten sein.

Entschuldung allein reicht nicht

Ein Insolvenzverfahren eröffnet Unternehmen weitreichende Möglichkeiten, finanzielle Altlasten zu ordnen, Liquidität zu sichern und eine Fortführung zu ermöglichen. Eine nachhaltige Sanierung verlangt nach Ellrichs Einschätzung jedoch mehr. Entscheidend sei, auch die leistungswirtschaftlichen Ursachen der Krise zu bearbeiten. Dazu gehört die Frage, ob Produkte und Dienstleistungen noch ausreichend nachgefragt werden und Preise sowie Margen tragfähig sind. Ebenso müssen Kostenstruktur, Finanzierung, Einkauf und Vertrieb, Organisation und Controlling auf den Prüfstand.
Genau darin sieht Ellrich einen häufigen Schwachpunkt von Sanierungen: Konzentriert sich ein Unternehmen vor allem darauf, wieder zahlungsfähig zu werden und Schulden abzubauen, können die strukturellen Probleme bestehen bleiben, die ursprünglich zur wirtschaftlichen Schieflage beigetragen haben. Das Insolvenzrecht kann einen finanziellen Neustart ermöglichen. Ein nicht mehr tragfähiges Geschäftsmodell repariert es dagegen nicht automatisch.

Nach dem Verfahren beginnt die Bewährungsprobe

Auch die Aufhebung des Insolvenzverfahrens kann deshalb einen falschen Eindruck vermitteln. Rechtlich ist ein wichtiger Schritt abgeschlossen. Betriebswirtschaftlich kann die eigentliche Sanierungsarbeit jedoch gerade erst beginnen. „Die Aufhebung des Verfahrens ist nicht das Ende der Sanierung, sondern oft erst der eigentliche Start der langfristigen Umsetzung erarbeiteter Maßnahmen“, sagt Ellrich.
Gerade in dieser Phase drohe die Rückkehr in alte Muster. Stabilisieren sich Liquidität und Umsatz zunächst, könne der Druck sinken, tiefer liegende Schwachstellen konsequent weiter zu bearbeiten. Die Insolvenz werde dann als überwundene Episode betrachtet, obwohl der langfristige Umbau des Unternehmens noch nicht abgeschlossen ist.
Wie relevant dieser Unterschied sein kann, zeigt ausgerechnet der KFC Uerdingen, dessen jüngstes Insolvenzverfahren Ellrich selbst als Insolvenzverwalter begleitete. Nach Angaben des Vereins erwirtschaftete der KFC bereits nach der vorherigen Entschuldung Anfang 2022 erneut operative Verluste. Bis zum Beginn der Saison 2024/25 waren demnach kumuliert mehr als 825.000 Euro aufgelaufen; bis zur Eröffnung des nächsten Insolvenzverfahrens am 1. April 2025 stieg der Betrag laut Insolvenzplan auf mehr als zwei Millionen Euro.

Beim zweiten Mal steht auch Vertrauen auf dem Spiel

Eine erneute Insolvenz bringt zudem ein Problem mit sich, das sich nicht unmittelbar in der Bilanz ablesen lässt: Das Vertrauen wichtiger Partner muss ein weiteres Mal gewonnen werden. Gläubiger, Finanzierer und Lieferanten wollen wissen, ob die Erkenntnisse aus dem ersten Verfahren tatsächlich umgesetzt wurden. Kunden und Beschäftigte müssen darauf vertrauen können, dass der Neustart dauerhaft trägt.
Gerade deshalb reicht es nach Ellrichs Einschätzung nicht aus, lediglich auf externe Ursachen wie schwache Konjunktur, gestiegene Kosten oder schwierige Finanzierungsbedingungen zu verweisen. Solche Faktoren können eine Krise auslösen oder verschärfen. Für eine nachhaltige Sanierung müsse aber ebenso untersucht werden, warum das betreffende Unternehmen diesen Belastungen nicht standhalten konnte. Die entscheidende Frage lautet damit nicht nur: Was hat die Krise ausgelöst? Sondern auch: Was muss sich im Unternehmen verändern, damit derselbe oder ein vergleichbarer Schock nicht erneut existenzbedrohend wird?

Sanierung wird zum Ausdauerlauf

Damit gewinnt die Zeit nach dem Insolvenzverfahren besondere Bedeutung. Klare Zielvorgaben, eine belastbare Liquiditätsplanung und regelmäßiges Maßnahmencontrolling sollen verhindern, dass beschlossene Veränderungen nach dem Ende des unmittelbaren Krisendrucks versanden. Hinzu kommt die Kommunikation mit Finanzierungspartnern, Beschäftigten, Kunden und Lieferanten. Gerade nach einer Insolvenz muss Vertrauen häufig neu aufgebaut werden. Nach einem wiederholten Verfahren dürfte diese Aufgabe noch anspruchsvoller werden.
Mehrfachinsolvenzen lassen sich dennoch nicht grundsätzlich verhindern. Märkte verändern sich, Projekte können scheitern, geopolitische Entwicklungen Lieferketten beeinträchtigen oder neue Wettbewerber ein Geschäftsmodell unter Druck setzen. Das Risiko einer erneuten Krise lässt sich nach Ellrichs Einschätzung aber reduzieren, wenn eine Sanierung nicht beim finanziellen Neustart endet, sondern auch strukturelle und leistungswirtschaftliche Veränderungen nach sich zieht.
Sein Fazit fällt entsprechend deutlich aus: „Wer nur oberflächlich ausbessert und dann weitermacht wie vorher, dreht im Zweifel ein paar Jahre oder gar Monate später eine unangenehme Extrarunde.“

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Wenn ein Unternehmen insolvent wird, stehen Beschäftigte vor vielen Fragen zu Lohnzahlungen, Kündigungsfristen und Insolvenzgeld.Wenn ein Unternehmen insolvent wird, stehen Beschäftigte vor vielen Fragen zu Lohnzahlungen, Kündigungsfristen und Insolvenzgeld.Redaktion experten.de / KI-generiert
Recht

Wenn der Arbeitgeber insolvent wird: Welche Rechte Beschäftigte haben

Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland steigt deutlich. Für Beschäftigte stellt sich dann schnell eine Reihe existenzieller Fragen: Droht eine Kündigung? Wer zahlt den Lohn? Und was passiert bei einem Betriebsübergang? Sanierungs- und Restrukturierungsberater Michael M. Pfüller erklärt, worauf Arbeitnehmer in der Insolvenz ihres Arbeitgebers achten sollten.
Seraphim Ung Kim, Fachanwalt für Arbeitsrecht bei Schultze & BraunSeraphim Ung Kim, Fachanwalt für Arbeitsrecht bei Schultze & BraunSchultze & Braun
Fürs Alter

Insolvenzwelle erreicht die Betriebsrente: Worauf Unternehmen jetzt achten müssen

Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen steigt seit Monaten deutlich an. Für Millionen Beschäftigte stellt sich damit eine Frage, die bislang oft wenig Beachtung findet: Was passiert eigentlich mit der betrieblichen Altersversorgung, wenn der Arbeitgeber in wirtschaftliche Schieflage gerät? Experten warnen davor, die betriebliche Altersversorgung erst im Krisenfall auf die Agenda zu setzen.
Der Anstieg der Insolvenzen verdeutlicht, wie entscheidend rechtzeitige Antragstellung und Sorgfaltspflichten für Geschäftsführer geworden sind.Der Anstieg der Insolvenzen verdeutlicht, wie entscheidend rechtzeitige Antragstellung und Sorgfaltspflichten für Geschäftsführer geworden sind.DALL-E
Kommentar

Hohe Insolvenzzahlen: Geschäftsführer*innen sollten ihre Risiken in Krisensituationen kennen und Vorsorge treffen

Die wirtschaftliche Lage bleibt angespannt, die Zahl der Insolvenzen hoch. Davon betroffen sind auch Geschäftsführer*innen. Welche Fallstricke bei Unternehmens-Insolvenzen lauern und wie sich Geschäftsführer*innen wirksam schützen können, zeigt Stephanie Hotopp, Rechtsanwältin, Insolvenzverwalterin und Partnerin bei VOIGT SALUS Rechtsanwaltsgesellschaft mbH, in ihrem Gastbeitrag.
Fachanwältin Dr. Elke Trapp-Blocher erklärt, was Personalverantwortliche über arbeitsrechtliche Konsequenzen einer Insolvenz wissen müssen und welche Rechte Arbeitnehmer haben.Fachanwältin Dr. Elke Trapp-Blocher erklärt, was Personalverantwortliche über arbeitsrechtliche Konsequenzen einer Insolvenz wissen müssen und welche Rechte Arbeitnehmer haben.Grok
Recht

Arbeitsrecht bei Insolvenz: Was Mitarbeitende und Personalverantwortliche wissen müssen

Die Insolvenz von Unternehmen wie der Element Insurance AG zeigt: Wirtschaftliche Schieflagen können plötzlich auftreten — mit weitreichenden Folgen für Mitarbeitende. Fachanwältin Dr. Elke Trapp-Blocher erklärt, was Personalverantwortliche über arbeitsrechtliche Konsequenzen einer Insolvenz wissen müssen und welche Rechte Arbeitnehmer haben.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"
Ausgabe 07/26

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"

Klaus Liebig und Robert Schmidt, Geschäftsführer der vfm Gruppe
"Nicht laut, aber immer noch relevant"
Ausgabe 05/26

"Nicht laut, aber immer noch relevant"

Wibke Becker - Generalbevollmächtigte & Leiterin Maklervertrieb - Continentale - Mannheimer - EUROPA
"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht