KI verlässt das Innovationslabor – und wird zum Aufsichtsthema

Veröffentlichung: 29.07.2026, 11:07 Uhr - Lesezeit 8 Minuten

Künstliche Intelligenz hält zunehmend Einzug in die Kernprozesse von Banken und Versicherern. Mit dem Inkrafttreten des deutschen Durchführungsgesetzes zur europäischen KI-Verordnung erhält die BaFin nun neue Aufgaben bei der Überwachung entsprechender Systeme. Die Aufsicht versteht ihre Rolle dabei ausdrücklich nicht als Innovationsbremse – sondern als Wegbereiter für einen sicheren und vertrauenswürdigen KI-Einsatz.

(PDF)
Mit der KI-Verordnung wird Künstliche Intelligenz in Banken und Versicherungen zunehmend Teil der regulatorischen Marktüberwachung. Die BaFin soll Innovation und Aufsicht künftig miteinander verbinden.Mit der KI-Verordnung wird Künstliche Intelligenz in Banken und Versicherungen zunehmend Teil der regulatorischen Marktüberwachung. Die BaFin soll Innovation und Aufsicht künftig miteinander verbinden.Redaktion experten.de / KI-generiert

Künstliche Intelligenz war in der Finanzbranche lange vor allem ein Digitalisierungsprojekt. Banken und Versicherer testeten neue Anwendungen, automatisierten Prozesse und sammelten Erfahrungen mit Chatbots, Risikomodellen oder Schadenbearbeitung. Mit dem Inkrafttreten des deutschen Durchführungsgesetzes zur europäischen KI-Verordnung beginnt nun eine neue Phase: KI wird Teil der regulären Finanzaufsicht.
Die BaFin übernimmt künftig die Marktüberwachung von KI-Systemen, die unmittelbar mit regulierten Finanz- und Versicherungsgeschäften zusammenhängen. Betroffen sind Kreditinstitute, Versicherungsunternehmen und weitere Finanzdienstleister unter Aufsicht der Behörde. Ziel ist es, Innovationen zu ermöglichen und zugleich Grundrechte sowie einen diskriminierungsfreien Zugang zu Finanzdienstleistungen zu schützen.

Nicht jedes KI-System gerät unter Aufsicht

Die neue Zuständigkeit bedeutet jedoch keine flächendeckende Kontrolle sämtlicher KI-Anwendungen in Finanzunternehmen. Vielmehr konzentriert sich die Marktüberwachung auf Systeme, die unmittelbar für regulierte Finanzdienstleistungen eingesetzt werden. „Wir kontrollieren nicht jedes einzelne KI-System in jedem Finanzunternehmen. Der Auftrag der KI-Verordnung lautet nicht Aufsicht. Er lautet Überwachung“, erläutert Jens Obermöller, Leiter der Abteilung Cyberrisiken und Technologie im Finanzsektor der BaFin. So fallen beispielsweise KI-Systeme zur Kreditwürdigkeitsprüfung oder zur Risikobewertung und Preisbildung in der Lebens- und Krankenversicherung künftig in den Zuständigkeitsbereich der Finanzaufsicht. Anwendungen außerhalb des eigentlichen Finanzgeschäfts – etwa im Personalmanagement – werden dagegen von anderen Behörden überwacht.

Transparenz, Fairness und Risikomanagement rücken in den Mittelpunkt

Bereits mit Inkrafttreten des Gesetzes beginnt die BaFin, die Einhaltung der Transparenzpflichten und der Vorgaben zu verbotenen KI-Praktiken zu überwachen. Ab Dezember 2027 kommen die Anforderungen an Hochrisiko-KI-Systeme hinzu. Dazu zählen unter anderem Anwendungen zur Bonitätsprüfung oder zur Risikobewertung in der Personenversicherung. Für die Aufsicht geht es dabei nicht allein um technische Fragen. Im Mittelpunkt stehen vielmehr Transparenz, Diskriminierungsfreiheit und ein wirksames Risikomanagement.
Bereits im Mai hatte Julia Wiens, Exekutivdirektorin Versicherungs- und Pensionsfondsaufsicht der BaFin, auf der InsureNXT darauf hingewiesen, dass Versicherer KI künftig vor allem in sensiblen Bereichen wie Underwriting, Pricing oder Schadenregulierung einsetzen werden. Gleichzeitig wachse die Verantwortung der Unternehmen, mögliche Risiken frühzeitig zu erkennen und zu beherrschen.

Vertrauen wird zur regulatorischen Aufgabe

Für Wiens ist deshalb ein Aspekt von zentraler Bedeutung: „KI braucht das Vertrauen der Kundinnen und Kunden.“
Dieses Vertrauen entstehe nur dann, wenn Anwendungen nachvollziehbar, fair und sicher gestaltet seien. Risiken wie Diskriminierung durch ungeeignete Trainingsdaten, eingeschränkte Erklärbarkeit von Modellen oder fehlerhafte Ergebnisse müssten deshalb systematisch adressiert werden. Gleichzeitig seien klare Governance-Strukturen und ein wirksames Risikomanagement erforderlich.
Nach Einschätzung der BaFin verfügen viele Finanzunternehmen dafür bereits über wichtige Grundlagen. Bestehende regulatorische Rahmenwerke wie DORA oder etablierte Governance- und Compliance-Strukturen könnten den Unternehmen den Einstieg in die Anforderungen der KI-Verordnung erleichtern. Gleichzeitig erwartet die Aufsicht, dass die Unternehmen ihre KI-Kompetenz kontinuierlich ausbauen und ihre Prozesse an die neuen Vorgaben anpassen.

Innovation bleibt ausdrücklich erwünscht

Trotz der zusätzlichen Regulierung versteht sich die BaFin ausdrücklich nicht als Innovationsbremse. „Die Vorschriften der KI-Verordnung setzen nur Leitplanken. Es bleibt viel Raum für Innovation“, betont Obermöller. Reallabore und Tests unter Realbedingungen sollen Unternehmen ermöglichen, neue Anwendungen unter regulatorischer Begleitung zu entwickeln. Ziel sei eine ausgewogene Balance zwischen Innovationsförderung und dem Schutz der Grundrechte. Auch der bereits 2023 eingerichtete AI-Roundtable mit Vertretern der Finanzbranche, der Deutschen Bundesbank, des BSI und der Bundesnetzagentur soll den kontinuierlichen Austausch zwischen Aufsicht und Unternehmen fördern. Auf diese Weise will die BaFin regulatorische Anforderungen frühzeitig vermitteln und gleichzeitig Einblicke in die praktische Entwicklung neuer KI-Anwendungen gewinnen.

KI wird Teil des regulatorischen Alltags

Mit der neuen Zuständigkeit verändert sich der Stellenwert von Künstlicher Intelligenz in der Finanzbranche grundlegend. KI ist damit nicht länger ausschließlich Innovationsprojekt oder Digitalisierungsinitiative, sondern wird Bestandteil der regulatorischen Kernanforderungen. Für Banken und Versicherer bedeutet das, technologische Entwicklung und regulatorische Compliance künftig gemeinsam zu denken. Wer KI erfolgreich einsetzen will, muss nicht nur leistungsfähige Modelle entwickeln, sondern auch Transparenz, Governance und Risikomanagement von Beginn an mitplanen.
Julia Wiens brachte diesen Anspruch bereits im Mai auf den Punkt: „Move fast – but stay compliant!“

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Künstliche Intelligenz verändert Prozesse in der Versicherungswirtschaft grundlegend. Die DAV betont dabei die Bedeutung mathematischer Expertise, transparenter Modelle und regulatorischer Kontrolle beim KI-Einsatz.Künstliche Intelligenz verändert Prozesse in der Versicherungswirtschaft grundlegend. Die DAV betont dabei die Bedeutung mathematischer Expertise, transparenter Modelle und regulatorischer Kontrolle beim KI-Einsatz.Redaktion experten.de / KI-generiert
Digitalisierung

KI in der Versicherungswirtschaft: DAV sieht Aktuare in Schlüsselrolle

Künstliche Intelligenz verändert die Versicherungsbranche rasant. Die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) warnt jedoch davor, KI lediglich als Technologieprojekt zu betrachten. Entscheidend seien mathematische Expertise, regulatorisches Verständnis und nachvollziehbare Modelle – insbesondere in sensiblen Bereichen wie Tarifierung, Risikobewertung und Schadenbearbeitung.
Julia Wiens, Exekutivdirektorin Versicherungs- und PensionsfondsaufsichtJulia Wiens, Exekutivdirektorin Versicherungs- und PensionsfondsaufsichtMatthias Sandmann
Assekuranz

BaFin: KI ja – aber nicht um jeden Preis

Künstliche Intelligenz ist für Versicherer unverzichtbar – doch die Aufsicht setzt klare Leitplanken. Wo aus Sicht der BaFin die Grenzen verlaufen, erklärt Julia Wiens im Gespräch mit insureNXT.
Die EZB fordert bedeutende Banken auf, ihre Cyberresilienz angesichts KI-gestützter Angriffe kurzfristig zu stärken. Zugleich rückt die Vorbereitung auf quantensichere Verschlüsselung stärker in den Fokus.Die EZB fordert bedeutende Banken auf, ihre Cyberresilienz angesichts KI-gestützter Angriffe kurzfristig zu stärken. Zugleich rückt die Vorbereitung auf quantensichere Verschlüsselung stärker in den Fokus.Redaktion experten.de / KI-generiert
Cyber

EZB fordert von Banken Aktionspläne gegen KI-Cyberangriffe

Die Bankenaufsicht sieht Künstliche Intelligenz nicht mehr als Zukunftsrisiko, sondern als strukturellen Wandel der Bedrohungslage. Bedeutende Institute sollen deshalb bis Ende Oktober konkrete Maßnahmen zur Stärkung ihrer Cyberresilienz vorlegen. Gleichzeitig kündigt die EZB weitere Vorgaben zur Vorbereitung auf das Quantenzeitalter an.
Der Bundesrat hat das KI-Durchführungsgesetz beschlossen. Entscheidend ist nicht nur die neue Aufsicht – sondern wie sie Investitionen, Wettbewerb und Governance in Unternehmen dauerhaft verändert.Der Bundesrat hat das KI-Durchführungsgesetz beschlossen. Entscheidend ist nicht nur die neue Aufsicht – sondern wie sie Investitionen, Wettbewerb und Governance in Unternehmen dauerhaft verändert.Experten/KI
Wirtschaft

KI-Aufsicht in Deutschland: Der Staat ordnet den Markt – und verschiebt die Wettbewerbsparameter

Das Durchführungsgesetz zum AI Act schafft die deutsche KI-Aufsicht. Analyse der Folgen für Unternehmen, Versicherer, Banken und den Wettbewerb.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"
Ausgabe 07/26

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"

Klaus Liebig und Robert Schmidt, Geschäftsführer der vfm Gruppe
"Nicht laut, aber immer noch relevant"
Ausgabe 05/26

"Nicht laut, aber immer noch relevant"

Wibke Becker - Generalbevollmächtigte & Leiterin Maklervertrieb - Continentale - Mannheimer - EUROPA
"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht