Arbeiten, wo andere Urlaub machen – Tiroler Makler wirbt gezielt um deutsche Fachkräfte
Der Fachkräftemangel kennt offenbar keine Grenzen mehr. Ein Innsbrucker Maklerhaus wirbt gezielt um Mitarbeiter aus Deutschland – und setzt dabei nicht nur auf die Alpenkulisse, sondern auch auf Spezialisierung, Digitalisierung und bestehende Kundenbestände. Was einen Wechsel attraktiv macht und welche Formalitäten Beschäftigte beachten sollten.
Der Fachkräftemangel treibt die Vermittlerbranche diesseits wie jenseits der Grenze um. Ein Innsbrucker Maklerbetrieb dreht den Spieß um und fragt offensiv: Warum in Deutschland arbeiten, wenn man das Gleiche auch in den Alpen tun kann? Damit zeigt sich eine Entwicklung, die zunehmend auch die Versicherungswirtschaft erfasst: Der Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte macht längst nicht mehr an Landesgrenzen halt.
Walter Egger stellt die Frage ganz direkt: „Warum sollen Leute in Deutschland arbeiten, wenn sie das Gleiche in Innsbruck tun können – am Ort, an dem andere Urlaub machen?“ Der Geschäftsführer der Freihand-SVD sucht Verstärkung – für den Innen- wie für den Außendienst –, und er sucht sie bewusst auch nördlich der Grenze. Am liebsten Menschen mit Erfahrung im Versicherungsmaklergeschäft. Aber, wie sich zeigt, längst nicht nur.
Innsbruck als Argument – aber nicht das einzige
Eggers erstes Argument ist der Standort. Innsbruck bietet nach seiner Einschätzung die Infrastruktur einer Großstadt, ohne deren Nachteile. Gleichzeitig beginne die Natur unmittelbar vor der Bürotür. Mountainbike-Touren nach Feierabend oder die Rückkehr mit den Skiern bis in die Innenstadt gehören für ihn zum Alltag. Hinzu komme ein robuster Arbeitsmarkt: „Bei uns ist es einfach, einen Job zu finden. Alle Betriebe suchen händeringend Mitarbeiter."
Spezialisierung statt Generalistentum
Bleibt die zweite Frage: Warum gerade Freihand-SVD? Egger verweist zunächst auf die Organisation des Maklerhauses. Während viele Betriebe ihre Teams nach Vertrag und Schaden strukturieren, setzt Freihand-SVD auf eine Aufteilung nach Sparten. Eigene Teams kümmern sich ausschließlich um Kfz-, Gewerbe- oder Gebäudeversicherungen und bearbeiten dort sowohl Vertrags- als auch Schadenangelegenheiten. Das ermögliche eine deutlich stärkere fachliche Spezialisierung. Kundenseitig betreut das Unternehmen Privatkunden, Gewerbebetriebe, Landwirtschaft sowie Hausverwaltungen – ausschließlich in Österreich. „Wir haben hier so viel zu tun, dass ein Gang über die Grenze für uns keinen Sinn ergibt“, sagt Egger.
Digitalisierung soll Zeit für Beratung schaffen
Ein weiteres Argument sieht Egger in der Digitalisierung. Das Unternehmen verfolgt nach eigenen Angaben das Ziel, Routinearbeiten weitgehend zu automatisieren, damit Innen- und Außendienst mehr Zeit für anspruchsvolle Aufgaben und persönliche Kundengespräche gewinnen. Ein Beispiel ist der jährliche Datenabgleich bei Firmenkunden: Statt dieselben Angaben mehrfach für verschiedene Versicherer zu erfassen, werden relevante Unternehmensdaten nur einmal eingegeben und anschließend für alle betroffenen Gesellschaften genutzt. „Es gibt keinen Softwareanbieter, der das macht. Wir haben es selbst entwickelt“, sagt Egger. Auch KI-Anwendungen übernähmen inzwischen zahlreiche Verwaltungsaufgaben.
Zukunftsbild statt kurzfristiger Personalbedarf
Der Personalaufbau ist Teil einer langfristigen Strategie. Das öffentlich einsehbare „Zukunftsbild“ des Unternehmens beschreibt bis 2034 ein Wachstum auf 150 Mitarbeiter. Langfristig möchte Freihand-SVD nach eigenen Angaben sogar dazu beitragen, Versicherungsprodukte einfacher und verständlicher zu gestalten.
Haltung wichtiger als Lebenslauf
Idealerweise sucht Egger erfahrene Branchenprofis. Gleichzeitig zeigt er sich ausdrücklich offen für Quereinsteiger und akademisch ausgebildete Bewerber aus Deutschland, die dort nur schwer eine passende Stelle finden. Zu seinen erfolgreichsten Mitarbeitern gehörten unter anderem ein ursprünglich ausgebildeter Lehrer und eine gelernte Kindergärtnerin.
„Wir suchen keine Verkäufer“, betont Egger. „Wir brauchen Menschen, die dafür brennen, dem Kunden seine Versicherungsthemen abzunehmen.“
Nach seiner Einschätzung gewinnen genau diese Fähigkeiten an Bedeutung. Während KI immer mehr Routinearbeiten übernimmt, rücken Empathie, Problemlösungskompetenz und persönliche Beratung stärker in den Mittelpunkt. Ein weiterer Pluspunkt aus Sicht potenzieller Bewerber: Außendienstmitarbeiter sollen keine Neukunden akquirieren müssen. „Wir haben Bestände, die auf einen neuen Betreuer warten“, sagt Egger.
Der Fall Freihand-SVD zeigt, dass sich der Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte verändert. Gesucht werden längst nicht mehr ausschließlich Mitarbeiter vor der eigenen Haustür. Gleichzeitig verschiebt sich das Anforderungsprofil: Automatisierung und Künstliche Intelligenz übernehmen zunehmend Routineaufgaben – gefragt sind immer stärker Menschen, die beraten, Zusammenhänge verstehen und Kunden langfristig begleiten.
Was deutsche Fachkräfte beim Wechsel nach Österreich beachten sollten
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Arbeitserlaubnis
EU-/EWR-Bürger und Schweizer haben freien Zugang zum österreichischen Arbeitsmarkt und benötigen weder für eine unselbstständige noch für eine selbstständige Tätigkeit eine behördliche Arbeitserlaubnis. -
Wohnsitz anmelden
Wer in Österreich einen Wohnsitz begründet, muss sich binnen drei Tagen beim zuständigen Meldeamt anmelden. Den Meldezettel braucht man später u. a. für Wohnungsanmietung und Kontoeröffnung; mitzubringen sind der vom Vermieter unterschriebene Meldezettel, Reisepass/Personalausweis und ggf. Geburtsurkunde. -
Anmeldebescheinigung
Bei einem Aufenthalt über drei Monate ist bei der Niederlassungsbehörde (Magistrat bzw. Bezirkshauptmannschaft) persönlich eine Anmeldebescheinigung zu beantragen – spätestens vier Monate nach Einreise, sonst droht eine Geldstrafe. Nachzuweisen sind die Erwerbstätigkeit (z. B. Dienstvertrag/Lohnzettel) oder ausreichende Existenzmittel plus Krankenversicherungsschutz. Das Dokument ist unbefristet gültig. -
Kranken- und Sozialversicherung
Angestellte werden vom Arbeitgeber angemeldet und sind über die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) pflichtversichert; die e-card kommt binnen 14 Tagen. Es gilt das Beschäftigungslandprinzip – Beiträge fallen dort an, wo gearbeitet wird. Rentenzeiten aus beiden Ländern werden nach EU-Recht zusammengerechnet, sodass keine Lücken entstehen. Familienangehörige lassen sich beitragsfrei mitversichern. -
Steuern
Wer den Hauptwohnsitz nach Österreich verlegt, ist dort unbeschränkt steuerpflichtig. Das Doppelbesteuerungsabkommen Deutschland–Österreich verhindert eine Doppelbesteuerung (für Deutschland gilt die Befreiungsmethode mit Progressionsvorbehalt). Der Ausgleich erfolgt über die Arbeitnehmerveranlagung (Formulare L1/L1i). -
Führerschein
Der deutsche EU-Führerschein bleibt in Österreich gültig; ein Umtausch ist nicht erforderlich. -
Auto
Der wohl unterschätzte Punkt: Wird der Hauptwohnsitz nach Österreich verlegt, muss das mitgebrachte Fahrzeug innerhalb eines Monats umgemeldet werden (Verlängerung um einen weiteren Monat möglich); danach drohen empfindliche Strafen bis zur Kennzeichenabnahme. Vor der Zulassung fällt die Normverbrauchsabgabe (NoVA) an, die beim Wohnsitzfinanzamt zu entrichten ist – berechnet nach CO₂-Ausstoß und Fahrzeugwert; reine Elektrofahrzeuge sind befreit. Zudem ist eine technische Begutachtung/Typisierung nötig, und die motorbezogene Versicherungssteuer wird über die Kfz-Haftpflicht abgeführt. -
Wohnungssuche
Der Innsbrucker Wohnungsmarkt ist angespannt und mit rund 13 €/m² nicht günstig. Wer aus der Ferne sucht, plant besser Vorlauf ein.
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