KI verändert den Arbeitsmarkt: 1,58 Millionen Jobs in Bewegung
Künstliche Intelligenz dürfte den deutschen Arbeitsmarkt kräftig durchmischen. Eine aktuelle Analyse der Bertelsmann Stiftung verweist auf ein Szenario, in dem innerhalb von 15 Jahren rund 790.000 Arbeitsplätze neu entstehen – und ebenso viele verschwinden. Bemerkenswert ist dabei nicht nur die Größenordnung. Auch die bisherigen Gewinner und Verlierer der Digitalisierung könnten ihre Rollen tauschen.
Die Frage, ob Künstliche Intelligenz Arbeitsplätze schafft oder vernichtet, greift zu kurz. Zu diesem Ergebnis kommt das Focus Paper „Volkswirtschaftliche Effekte der KI“ der Bertelsmann Stiftung. Autor Dr. Thieß Petersen untersucht darin auf Grundlage bestehender Studien, wie sich ein verstärkter KI-Einsatz in den kommenden zehn bis 15 Jahren auf Produktivität, Beschäftigung, Wirtschaftswachstum und Klimaschutz auswirken könnte.
Gerade beim Arbeitsmarkt zeigt sich ein widersprüchliches Bild. KI kann menschliche Arbeit ersetzen, zugleich aber über Investitionen, sinkende Preise, neue Geschäftsmodelle und eine höhere Wettbewerbsfähigkeit zusätzliche Beschäftigung entstehen lassen. Ob unter dem Strich mehr oder weniger Arbeitsplätze verbleiben, lässt sich deshalb nicht pauschal beantworten.
Erst entstehen Arbeitsplätze
Besonders anschaulich wird die Entwicklung anhand einer Simulationsrechnung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) aus dem Jahr 2025, die die Bertelsmann Stiftung in ihrem Papier aufgreift. Das IAB vergleicht über einen Zeitraum von 15 Jahren ein Referenzszenario mit einem Szenario, in dem KI-Anwendungen in Deutschland deutlich stärker eingesetzt werden. Zunächst fällt die Beschäftigungsbilanz positiv aus. Bereits im ersten Jahr entstehen demnach rund 100.000 neue Arbeitsplätze, während etwa 50.000 wegfallen. Unter dem Strich wären damit rund 50.000 Menschen mehr beschäftigt als im Referenzszenario. Dafür gibt es einen zunächst paradox klingenden Grund: Die Einführung arbeitssparender Technologie kann erst einmal mehr Arbeit verursachen.
Unternehmen müssen KI-Systeme installieren, Beschäftigte qualifizieren und ihre Prozesse anpassen. Gleichzeitig erfordert eine stärkere KI-Nutzung Investitionen in Rechenzentren, Stromversorgung und Breitbandnetze. All das bindet Arbeitskräfte. Die Bertelsmann-Analyse erwartet deshalb kurzfristig einen beschäftigungssteigernden Effekt.
Nach zehn Jahren dreht sich die Bilanz
Mit zunehmender Verbreitung der Technologie verändert sich das Bild. Nach zehn Jahren liegt die Zahl der Erwerbstätigen im KI-Szenario laut IAB-Simulation rund 80.000 unter derjenigen des Referenzszenarios. Bis dahin sind also kumuliert mehr Arbeitsplätze verschwunden als neu entstanden. Langfristig greifen die Produktivitätseffekte stärker. Tätigkeiten können mit weniger menschlicher Arbeit erledigt werden, während ein Teil der anfänglichen Arbeit für Einführung, Qualifizierung und Infrastruktur nicht dauerhaft benötigt wird. Doch auch das ist nicht das Ende der Geschichte.
Nach 15 Jahren haben sich die Beschäftigungseffekte in der Simulation nahezu ausgeglichen: Rund 790.000 Arbeitsplätze sind kumuliert neu entstanden und rund 790.000 weggefallen. Die Bertelsmann Stiftung führt den Ausgleich insbesondere auf die gestiegene Arbeitsproduktivität und eine dadurch verbesserte internationale Wettbewerbsfähigkeit zurück. Die entscheidende Botschaft lautet damit weniger: KI vernichtet Arbeit. Sie lautet vielmehr: KI verändert, wo und von wem gearbeitet wird.
Ausgerechnet Spezialisten und Experten verlieren
Noch bemerkenswerter als die Gesamtzahl ist deshalb ein zweites Ergebnis der Simulation. Bisherige Digitalisierung und Automatisierung trafen in Deutschland vor allem Tätigkeiten mit niedrigen und mittleren Qualifikationsanforderungen. Bei KI könnte sich dieses Muster verändern. Moderne KI-Systeme können insbesondere Tätigkeiten übernehmen, für die bislang hohe Qualifikationen erforderlich waren.
Im 15. Jahr des IAB-Szenarios liegt deshalb die Zahl der beschäftigten Hilfs- und Fachkräfte über derjenigen des Basisszenarios. Bei Spezialisten und Experten ist es umgekehrt: Ihre Zahl fällt im KI-Szenario geringer aus. Die Bertelsmann Stiftung bezeichnet KI mit Blick auf diese Verschiebung ausdrücklich als „Gamechanger“.
Das passt zur technischen Entwicklung. Während etwa Helfertätigkeiten im Hochbau nach einer im Papier zitierten Schätzung langfristig lediglich zu rund einem Prozent automatisierbar sein könnten, wird das Potenzial beim Korrekturlesen auf rund 95 Prozent beziffert.
Neue Technik schafft auch neue Berufe
Dass Automatisierung nicht automatisch weniger Beschäftigung bedeutet, zeigt die Analyse zudem an mehreren gegenläufigen Effekten. Produktivitätssteigerungen können Preise senken und damit die Nachfrage erhöhen. Eine höhere Wettbewerbsfähigkeit kann Exporte und Produktion stärken. Der Aufbau der erforderlichen Infrastruktur schafft ebenfalls Arbeit.
Hinzu kommt ein Effekt, der sich nur schwer im Voraus beziffern lässt: Neue Technologien bringen neue Geschäftsmodelle und Berufsbilder hervor. Allein zwischen 2019 und 2022 entstanden in Deutschland laut dem Papier mehr als 280 neue Berufe. Als Beispiele nennt die Studie KI-Manager und Machine-Learning-Ingenieure. Damit entscheidet über die Arbeitsmarktfolgen von KI nicht allein, welche Tätigkeiten automatisiert werden können. Ebenso wichtig ist, welche neuen Tätigkeiten, Unternehmen und Märkte aus der Technologie entstehen.
Der Umbau ist größer als die Beschäftigungsbilanz
Die Zahlen der IAB-Simulation sind keine Prognose, die exakt so eintreten muss. Das Focus Paper weist grundsätzlich auf die erhebliche Unsicherheit der bisherigen Schätzungen hin: Moderne KI-Anwendungen werden erst vergleichsweise kurze Zeit genutzt, ihre weitere technische Entwicklung ist offen und viele Berechnungen beruhen zwangsläufig auf Annahmen.
Gerade deshalb ist die Größenordnung von 790.000 neu entstehenden und ebenso vielen wegfallenden Arbeitsplätzen interessant. Selbst wenn sich die Zahl der Beschäftigten langfristig kaum verändert, kann darunter ein erheblicher Strukturwandel stattfinden.
Für Unternehmen und Beschäftigte verschiebt sich damit die entscheidende Frage. Nicht nur, wie viele Arbeitsplätze durch KI entstehen oder verschwinden, wird relevant sein – sondern zunehmend, welche Qualifikationen auf dem Arbeitsmarkt künftig noch gebraucht werden.
Quelle: Bertelsmann Stiftung, Focus Paper 01/2026 „Volkswirtschaftliche Effekte der KI“, Dr. Thieß Petersen.
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