Naturgefahren: Niedrigere Schäden, aber kein sinkendes Risiko
Deutschland ist im ersten Halbjahr 2026 vergleichsweise glimpflich durch die Naturgefahrensaison gekommen. Auch weltweit blieben die versicherten Katastrophenschäden unter dem langjährigen Durchschnitt. Doch GDV, Munich Re und Swiss Re warnen vor einer trügerischen Schlussfolgerung: Die Risikotreiber entwickeln sich weiter in die entgegengesetzte Richtung.
Die Naturgefahrenschäden haben den deutschen Versicherern im ersten Halbjahr 2026 vergleichsweise wenig abverlangt. Nach Berechnungen des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) summierten sich die versicherten Schäden auf rund 950 Millionen Euro. Das entspricht dem Vorjahresniveau und liegt unter dem langjährigen Durchschnitt. Vor allem größere Winterstürme blieben Deutschland erspart.
Die Halbjahresbilanz könnte damit zunächst wie eine Entspannung aussehen. Die langfristige Entwicklung spricht jedoch dagegen. Allein die durchschnittlichen Elementarschäden in der Sachversicherung sind laut GDV von rund 1,4 Milliarden Euro im Zehnjahreszeitraum 2000 bis 2009 auf rund 2,4 Milliarden Euro zwischen 2016 und 2025 gestiegen. Bemerkenswert ist dabei die Wortwahl des Verbandes: Bereits die vergleichsweise niedrige Schadenbilanz des Jahres 2025 hatte der GDV vor allem als Glückssache eingeordnet. Damals summierten sich die versicherten Naturgefahrenschäden auf rund 2,6 Milliarden Euro und lagen damit etwa drei Milliarden Euro unter dem Vorjahresniveau, wie experten.de berichtete. Nun fällt die Einordnung für das erste Halbjahr 2026 nahezu identisch aus. „Die geringen Schäden im ersten Halbjahr waren schlicht Glück“, ordnet GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen die Zahlen ein.
Starkregen und Überschwemmungen verursachen doppelt so hohe Schäden
Auch innerhalb der insgesamt günstigen deutschen Schadenbilanz zeigen sich Verschiebungen. Auf Sturm und Hagel entfielen in den ersten sechs Monaten rund 400 Millionen Euro versicherte Sachschäden. Das waren 100 Millionen Euro weniger als im Vorjahreszeitraum.
Bei weiteren Elementargefahren verlief die Entwicklung dagegen in die andere Richtung. Starkregen, Überschwemmungen und andere Elementarereignisse verursachten rund 200 Millionen Euro versicherte Schäden – doppelt so viel wie im ersten Halbjahr 2025. Hinzu kamen erneut rund 350 Millionen Euro Naturgefahrenschäden in der Kraftfahrtversicherung.
Für das Gesamtjahr erwartet der GDV bei einem durchschnittlichen zweiten Halbjahr rund zwei Milliarden Euro Schäden durch Sturm und Hagel einschließlich der landwirtschaftlichen Pflanzenversicherung. Bei Elementargefahren werden rund eine Milliarde Euro erwartet. Beide Werte lägen unter dem jeweiligen langjährigen Durchschnitt. Für die Kraftfahrtversicherung prognostiziert der Verband rund 300.000 Schadenfälle und einen Schadenaufwand zwischen 1,2 und 1,3 Milliarden Euro. Deutschland wäre damit 2026 bislang vergleichsweise günstig durch die Naturgefahrensaison gekommen. Der Blick auf die internationalen Katastrophenbilanzen zeigt ein ähnliches Bild – und zugleich, weshalb daraus keine Entwarnung folgt.
Munich Re spricht von einer „Atempause“
Nach Berechnungen von Munich Re verursachten Naturkatastrophen weltweit im ersten Halbjahr Schäden von rund 112 Milliarden US-Dollar. Davon waren etwa 44 Milliarden US-Dollar versichert. Die Gesamtschäden lagen damit knapp unter dem inflationsbereinigten Zehnjahresdurchschnitt von 113 Milliarden US-Dollar, die versicherten Schäden unter dem Vergleichswert von 50 Milliarden US-Dollar.
Gegenüber dem Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre fällt der Unterschied noch deutlicher aus. Dieser liegt bei 136 Milliarden US-Dollar Gesamtschäden beziehungsweise 66 Milliarden US-Dollar versicherten Schäden. Munich Re bezeichnet das erste Halbjahr deshalb als „Atempause“. Thomas Blunck, Mitglied des Vorstands von Munich Re, warnt jedoch davor, daraus eine strukturelle Verbesserung abzuleiten. Klimawandel und Wertezuwachs erhöhten weiterhin das Risiko höherer Schäden in der Zukunft. Auch die Versicherungslücke bleibt groß: Von den weltweit entstandenen Schäden waren nach Berechnungen des Rückversicherers rund 60 Prozent nicht versichert.
Europa liegt bereits über dem Zehnjahresdurchschnitt
Dass ein relativ günstiges globales Halbjahr regionale Entwicklungen verdecken kann, zeigt Europa. Hier verursachten Naturkatastrophen nach Angaben von Munich Re rund 22 Milliarden US-Dollar Gesamtschäden. Gut sieben Milliarden US-Dollar davon waren versichert.
Damit lagen sowohl die wirtschaftlichen als auch die versicherten Schäden über dem inflationsbereinigten Zehnjahresdurchschnitt von 18 Milliarden beziehungsweise 6,6 Milliarden US-Dollar. Haupttreiber waren neun Winterstürme, die Portugal und Spanien innerhalb von kaum mehr als einem Monat trafen. Auf sie entfielen rund 80 Prozent der europäischen Gesamtschäden und 70 Prozent der versicherten Schäden.
Gleichzeitig prägten außergewöhnliche Hitzewellen Europa und Nordamerika. Solche Ereignisse tauchen in klassischen Versicherungsschadenbilanzen nur eingeschränkt auf: Hitze verursacht häufig keine unmittelbar versicherten Sachschäden, kann aber Produktivität, Infrastruktur, Transport und Landwirtschaft erheblich beeinträchtigen.
Swiss Re: Entscheidend ist auch, wo ein Unwetter trifft
Auch das Swiss Re Institute kommt zu einer vergleichsweise günstigen Halbjahresbilanz. Swiss Re schätzt die weltweiten wirtschaftlichen Naturkatastrophenschäden auf rund 100 Milliarden US-Dollar und die versicherten Schäden auf 42 Milliarden US-Dollar. Damit lagen die versicherten Schäden 16 Prozent unter dem Zehnjahresdurchschnitt und erreichten den niedrigsten Wert für ein erstes Halbjahr seit 2020.
Bemerkenswert ist jedoch der Grund. Schwere konvektive Stürme blieben mit rund 28 Milliarden US-Dollar der weltweit größte Treiber versicherter Naturkatastrophenschäden. Die Sturmaktivität in den USA war sogar überdurchschnittlich. Vergleichsweise wenige der schwersten Ereignisse trafen jedoch Regionen wie Texas, die Southern Plains oder den Südosten, in denen besonders viele versicherte Werte konzentriert sind. Damit wird ein entscheidender Mechanismus sichtbar: Die Höhe versicherter Naturkatastrophenschäden hängt nicht allein davon ab, wie viele oder wie schwere Ereignisse auftreten, sondern auch davon, wo sie auftreten und welche Werte dort exponiert sind.
Versicherung deckte einen größeren Anteil der Schäden
Ein zweiter Befund zeigt die Bedeutung der Versicherungsdurchdringung. Nach Berechnungen von Swiss Re waren im ersten Halbjahr rund 42 Prozent der weltweiten wirtschaftlichen Schäden versichert. Im langfristigen Durchschnitt der vergangenen 30 Jahre sind es lediglich 33 Prozent. Das liegt nach Einschätzung des Rückversicherers unter anderem daran, dass sich ein vergleichsweise großer Teil der Schäden auf gut versicherte Märkte und Gefahren konzentrierte, für die Versicherungsschutz weit verbreitet ist.
Das Gegenbeispiel liefern Ereignisse in Ländern mit geringer Versicherungsdurchdringung: Dort können hohe volkswirtschaftliche Schäden entstehen, von denen nur ein kleiner Teil auf Versicherer entfällt. Eine niedrige versicherte Schadenbilanz bedeutet deshalb nicht zwangsläufig einen geringen wirtschaftlichen Verlust.
Das zweite Halbjahr trägt traditionell das größere Risiko
Hinzu kommt: Die Halbjahresbilanz ist nur eine Momentaufnahme. Nach Daten von Swiss Re entfallen historisch durchschnittlich 58 Prozent der weltweiten versicherten Naturkatastrophenschäden auf die zweite Jahreshälfte. Einen wesentlichen Anteil daran hat die nordatlantische Hurrikansaison. Munich Re verweist zudem auf die Entwicklung des Klimaphänomens El Niño. Dieses kann die Hurrikanaktivität im Nordatlantik zwar dämpfen, gleichzeitig aber Wetterextreme in anderen Weltregionen verstärken. Der Rückversicherer erwartet für die zweite Jahreshälfte unter anderem erhöhte Risiken durch Trockenheit und Waldbrände sowie regional durch Starkregen und Überschwemmungen.
Auch Swiss Re warnt insbesondere vor der Entwicklung des Waldbrandrisikos. Die realen versicherten Waldbrandschäden in Europa sind nach Berechnungen des Instituts seit 1970 jährlich um schätzungsweise acht bis elf Prozent gestiegen. Feuerperioden werden länger, und gefährliche Bedingungen treten zunehmend auch in Regionen auf, die historisch weniger exponiert waren.
Ein günstiges Jahr verändert den langfristigen Trend nicht
Die Halbjahreszahlen von GDV, Munich Re und Swiss Re unterscheiden sich in Abgrenzung, Methodik und geografischer Perspektive. In einem Punkt weisen sie jedoch in dieselbe Richtung: Niedrigere Schäden sind nicht mit einem sinkenden Risiko gleichzusetzen. Ob aus einer Naturgefahr ein hoher Versicherungsschaden wird, hängt vom Zusammenspiel mehrerer Faktoren ab – von der Intensität des Ereignisses, seinem Ort, den dort konzentrierten Werten, deren Verletzlichkeit und der Versicherungsdurchdringung.
Genau deshalb kann ein Halbjahr gleichzeitig ungewöhnlich heiß, regional schadenträchtig und dennoch global vergleichsweise günstig für die Versicherungswirtschaft ausfallen. Der langfristige Risikotreiber bleibt bestehen: Während sich Gefahren verändern, wachsen vielerorts zugleich die exponierten Werte.
Themen:
LESEN SIE AUCH
Naturgefahrenschäden 2025: GDV warnt trotz Rückgang vor wachsendem Extremwetter-Risiko
70 Prozent der Naturkatastrophen-Schäden durch schwere Gewitter
Hagelsaison startet: DWD warnt vor Unwettern – Versicherer blicken mit Sorge auf den Sommer
Unwetterschäden an Kraftfahrzeugen: Kfz-Versicherer leisten 1,3 Milliarden Euro
Unsere Themen im Überblick
Themenwelt
Wirtschaft
Management
Recht
Finanzen
Assekuranz
Hannover Rück: Im deutschen Industriegeschäft wächst der Preisdruck
Monte Carlo 2026: Im Rückversicherungsmarkt dreht sich der Wind
Wenn der Lichtbogen überspringt: Wer zahlt für Schäden an der PV-Anlage?
Industrieversicherung wird wieder käuferfreundlicher
Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk
Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.
















