Hannover Rück: Im deutschen Industriegeschäft wächst der Preisdruck
Der deutsche Versicherungsmarkt war zuletzt profitabel, das Kfz-Geschäft hat sich nach umfangreichen Sanierungsmaßnahmen stabilisiert. Doch in der Industrieversicherung erkennt Hannover Rück bereits weichere Marktbedingungen. Bleiben außergewöhnliche Großschäden aus, dürfte der Preisdruck 2027 weiter zunehmen.
Im deutschen Industrieversicherungsgeschäft verschiebt sich das Kräfteverhältnis weiter zugunsten der Versicherungsnehmer. Hannover Rück beobachtet bereits Aufweichungstendenzen und rechnet im kommenden Jahr mit zusätzlichem Druck auf die Preise. Voraussetzung ist allerdings, dass außergewöhnliche Großschäden ausbleiben. Damit zeichnet der Rückversicherer für Deutschland ein differenziertes Bild. Insgesamt sei der Versicherungsmarkt im vergangenen Jahr profitabel gewesen. Auch die Lage in der Kfz-Versicherung habe sich nach umfangreichen Sanierungsmaßnahmen zuletzt stabilisiert. Ganz verschwunden sind die Belastungen dort allerdings nicht. Hannover Rück nennt insbesondere die weiterhin hohe Schadeninflation sowie die Entwicklung der Eigenschäden als Herausforderungen. Zu Letzteren zählen vor allem Schäden infolge von Hagelereignissen.
Industrieversicherung zeigt erste Aufweichungstendenzen
Anders entwickelt sich das Industriegeschäft. Dort erkennt Hannover Rück bereits weichere Marktbedingungen. Für das kommende Jahr erwartet der Rückversicherer weiteren Preisdruck, sofern außergewöhnliche Schadenereignisse ausbleiben. Für die anstehenden Erneuerungen rückt damit die Frage stärker in den Vordergrund, wie weit Versicherer dem wachsenden Wettbewerb bei der Preisgestaltung folgen können, ohne die risikoadäquate Kalkulation aus den Augen zu verlieren. Hannover Rück will deshalb nach eigener Aussage insbesondere auf risikoadäquate Preise und eine nachhaltige Geschäftsentwicklung achten.
Die Entwicklung in Deutschland fügt sich in eine breitere Verschiebung des internationalen Rückversicherungsmarkts ein. Wie sich beim diesjährigen Branchentreffen in Monte Carlo bereits abzeichnete, wächst das Angebot an Rückversicherungskapazität und damit der Wettbewerb. experten.de berichtete über die veränderten Kräfteverhältnisse im Rückversicherungsmarkt beim Treffen in Monte Carlo 2026.
Hannover Rück erwartet leicht sinkende Rückversicherungspreise
Auch Hannover Rück geht für die Vertragserneuerungen zum 1. Januar 2027 von einem zunehmend wettbewerbsintensiven Markt aus. Im Schaden- und Unfallgeschäft erwartet der Rückversicherer leicht niedrigere Preise bei weitgehend stabilen Bedingungen und Selbstbehalten. Hinter dem zunehmenden Wettbewerb steht unter anderem die gute Kapitalausstattung des Rückversicherungsmarkts. Das Angebot an Kapazität wächst, während die Nachfrage nach hochwertigem Rückversicherungsschutz nach Einschätzung der Hannover Rück weiterhin hoch bleibt.
Bereits während der Erneuerungsrunden im laufenden Jahr sind die Preise insgesamt zurückgegangen. Besonders ausgeprägt war der Wettbewerbsdruck bei Naturkatastrophendeckungen und in schadenfreien Programmen. Andere Segmente zeigten sich bislang stabiler. Hannover Rück sieht dennoch Möglichkeiten für profitables Wachstum. Voraussetzung seien risikoadäquate Preise. Sven Althoff, im Vorstand der Hannover Rück für die Schaden-Rückversicherung verantwortlich, formuliert die Linie entsprechend klar: Das Unternehmen wolle dort wachsen, wo die Preise den Risiken entsprechen, und Geschäft abgeben, das die eigenen Profitabilitätsanforderungen nicht erfüllt.
Risiken sinken nicht mit den Preisen
Bemerkenswert ist die Marktbewegung vor allem deshalb, weil sinkende Preise nicht mit einem Rückgang der langfristigen Risiken einhergehen. Hannover Rück nennt geopolitische Spannungen, Inflation, digitale Bedrohungen und klimabedingte Risiken als Faktoren, die eine Einschätzung langfristiger Schadenkosten zunehmend erschweren. Auch bei Naturgefahren bleibt die Lage angespannt. Zwar fiel die Belastung durch Naturkatastrophen im bisherigen Jahresverlauf insgesamt moderat aus. Langfristige Schadentreiber wie Klimawandel und steigende Wertekonzentrationen in exponierten Regionen bestehen jedoch fort. Zugleich gewinnen wetterbedingte Naturgefahren wie Überschwemmungen, Dürren, Hagel, Waldbrände und schwere Stürme nach Einschätzung des Rückversicherers weiter an Bedeutung.
Kfz zwischen Stabilisierung und Schadeninflation
Für Deutschland entsteht damit eine bemerkenswerte Konstellation. Einerseits hat sich gerade die Kfz-Versicherung nach den erheblichen Preisanpassungen der vergangenen Jahre stabilisiert. Andererseits beginnt der Wettbewerb in anderen Bereichen bereits wieder stärker auf die Preise zu drücken. Wie weit diese Entwicklung reicht, dürfte wesentlich vom Schadenverlauf der kommenden Monate abhängen. Das gilt sowohl für den deutschen Erstversicherungsmarkt als auch für die internationalen Rückversicherungserneuerungen.
Denn mehr verfügbare Kapazität schafft Spielraum für niedrigere Preise. Die Risiken, die Versicherer und Rückversicherer damit übernehmen, werden dadurch allerdings nicht kleiner.
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