Barbara Liebermeister leitet das Institut für Führungskultur im digitalen Zeitalter (IFIDZ), Wiesbaden (www.ifidz.de). Sie ist u.a. Autorin des Buchs „Führen mit Alpha Intelligence: Startklar für die Arbeitswelt der Zukunft“. Sie betreibt die beiden Podcasts „Digital ist egal… Was zählt bist DU!“ und „Business Secrets: Warum Frauen gelikt werden und Männern gefolgt wird!”.Barbara Liebermeister leitet das Institut für Führungskultur im digitalen Zeitalter (IFIDZ), Wiesbaden (www.ifidz.de). Sie ist u.a. Autorin des Buchs „Führen mit Alpha Intelligence: Startklar für die Arbeitswelt der Zukunft“. Sie betreibt die beiden Podcasts „Digital ist egal… Was zählt bist DU!“ und „Business Secrets: Warum Frauen gelikt werden und Männern gefolgt wird!”.IFIDZ

Digitale Souveränität: Wer entscheidet künftig – Unternehmen oder Algorithmen?

Veröffentlichung: 15.06.2026, 14:06 Uhr - Lesezeit 7 Minuten

Cloud-Dienste, KI-Anwendungen und digitale Plattformen versprechen Effizienzgewinne und neue Geschäftsmöglichkeiten. Gleichzeitig entstehen neue Abhängigkeiten, die viele Unternehmen unterschätzen. Führungsexpertin Barbara Liebermeister warnt davor, digitale Entscheidungen zunehmend an Technologieanbieter und Algorithmen auszulagern.

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Künstliche Intelligenz, Cloud-Lösungen und digitale Plattformen verändern die Arbeitswelt mit hoher Geschwindigkeit. Viele Unternehmen investieren derzeit in neue Technologien, automatisieren Prozesse und verlagern Daten in externe Systeme. Die Chancen sind offensichtlich: höhere Effizienz, schnellere Entscheidungen und neue Geschäftsmodelle. Doch parallel wächst ein Risiko, das in vielen Digitalisierungsprojekten bislang nur am Rande diskutiert wird: die zunehmende Abhängigkeit von Technologieanbietern, Plattformen und Algorithmen.

Von Lieferketten zu Datenströmen

Die vergangenen Jahre haben Unternehmen schmerzhaft vor Augen geführt, wie verletzlich globale Abhängigkeiten sein können. Unterbrochene Lieferketten, Energiekrisen und geopolitische Konflikte führten dazu, dass Fragen der Versorgungssicherheit plötzlich auf Vorstandsebene diskutiert wurden.
Ähnliche Entwicklungen sieht Barbara Liebermeister, Leiterin des Instituts für Führungskultur im digitalen Zeitalter (IFIDZ), inzwischen im digitalen Raum. „Digitale Souveränität ist kein IT-Spezialthema. Sie ist eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit, Verantwortung und Zukunftssicherheit“, betont die Führungsexpertin. Während früher Rohstoffe, Energie oder Zulieferer im Mittelpunkt standen, geraten heute Daten, Software und digitale Infrastrukturen stärker in den Fokus.

Wenn Wissen ausgelagert wird

Nach Einschätzung Liebermeisters entsteht digitale Abhängigkeit meist nicht durch eine einzelne strategische Entscheidung. Vielmehr entwickle sie sich schrittweise. Unternehmen lagern IT-Aufgaben aus, nutzen spezialisierte Dienstleister oder implementieren neue Systeme, weil diese als technologischer Standard gelten. Gleichzeitig wird internes Know-how seltener aufgebaut, sondern bei Bedarf eingekauft. Dadurch droht langfristig ein Verlust eigener Bewertungs- und Entscheidungskompetenz. „Digitale Souveränität bedeutet, dass die Entscheider die Entscheider bleiben und nicht die Algorithmen oder Technologieanbieter“, sagt Liebermeister. Die eigentliche Herausforderung bestehe deshalb nicht darin, moderne Technologien einzusetzen. Vielmehr gehe es darum, deren Funktionsweise und Auswirkungen ausreichend zu verstehen.

KI verschärft die Debatte

Besonders sichtbar wird diese Entwicklung derzeit beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Immer mehr Unternehmen nutzen KI-Systeme zur Analyse, Entscheidungsunterstützung oder Prozessautomatisierung. In vielen Fällen liefern die Systeme beeindruckende Ergebnisse. Gleichzeitig wächst die Versuchung, die Resultate ungeprüft zu übernehmen. Genau darin sieht Liebermeister ein erhebliches Risiko. „Der zentrale Risikofaktor ist nicht die Technik, sondern deren unreflektierte Nutzung.“
Wenn Führungskräfte oder Projektverantwortliche die Ergebnisse von KI-Systemen nicht mehr kritisch hinterfragen, drohe ein schleichender Verlust von Urteilsfähigkeit und Verantwortung. Die Diskussion erinnert dabei an eine zentrale Frage der aktuellen KI-Debatte: Welche Entscheidungen dürfen Algorithmen vorbereiten – und welche sollten weiterhin beim Menschen liegen?

Transparenz wird zum Wettbewerbsfaktor

Digitale Souveränität bedeutet nach Ansicht der Expertin nicht, auf externe Partner oder moderne Technologien zu verzichten. Eine vollständige digitale Autarkie sei in einer arbeitsteiligen Wirtschaft weder realistisch noch sinnvoll. Entscheidend sei vielmehr, die eigenen Abhängigkeiten bewusst zu kennen und aktiv zu steuern.
Dazu gehört beispielsweise die Frage,

  • wo Daten gespeichert werden,
  • wer auf diese Daten zugreifen kann,
  • wie Algorithmen Entscheidungen treffen,
  • welche Alternativen zu bestehenden Lösungen existieren.

Unternehmen, die diese Fragen nicht beantworten können, verlieren nach Einschätzung vieler Experten schrittweise ihre strategische Handlungsfähigkeit.

Führung wird zur Schlüsselfrage

Die Diskussion über digitale Souveränität ist deshalb weit mehr als ein technisches Thema. Sie betrifft unmittelbar die Unternehmensführung. „Digitale Souveränität beginnt im Kopf der Führungskräfte“, sagt Liebermeister. Für sie ist der souveräne Umgang mit Technologie Ausdruck professioneller Führung. Dazu gehöre die Fähigkeit, Chancen und Risiken gleichzeitig zu betrachten, Unsicherheiten auszuhalten und technologische Entwicklungen kritisch zu bewerten.
Gerade in Zeiten rasanter KI-Entwicklung gewinnt diese Perspektive an Bedeutung.

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