Urlaub ohne Abschalten: Warum Erholung zur Führungsaufgabe wird
Ob Anruf, Messenger oder E-Mail: Für viele Beschäftigte endet die Arbeit nicht mit dem Beginn des Urlaubs. Eine aktuelle Bitkom-Umfrage zeigt, dass zwei Drittel der Berufstätigen auch während ihrer Auszeit beruflich erreichbar bleiben. Dahinter steckt weniger ein technisches als ein organisatorisches Problem.
Abschalten gelingt vielen Beschäftigten nur eingeschränkt
Der Sommerurlaub gilt als Zeit der Erholung. Für viele Berufstätige bedeutet er jedoch keine vollständige Auszeit vom Job. Nach einer aktuellen Bitkom-Befragung bleiben 66 Prozent der Beschäftigten, die in diesem Jahr einen Sommerurlaub machen, währenddessen beruflich erreichbar. Damit bewegt sich der Wert seit drei Jahren nahezu unverändert auf einem hohen Niveau. Vor allem Kurznachrichten und Anrufe erreichen Beschäftigte auch im Urlaub. 62 Prozent reagieren auf Messenger-Dienste oder SMS, 61 Prozent auf Telefonanrufe. E-Mails beantworten 22 Prozent, an Videokonferenzen nehmen 14 Prozent teil. Selbst Kollaborationsplattformen wie Microsoft Teams oder Slack spielen mit sieben Prozent noch eine Rolle.
Nicht die Technik, sondern Erwartungen halten den Kontakt aufrecht
Auffällig ist, dass die Erreichbarkeit nur selten auf eigenem Antrieb erfolgt. Mehr als die Hälfte derjenigen, die im Urlaub erreichbar bleiben, begründet dies mit den Erwartungen der Kollegen. Fast jeder Zweite sieht entsprechende Erwartungen bei Vorgesetzten. Auch Kunden, Geschäftspartner oder eigene Mitarbeiter spielen für einen Teil der Befragten eine Rolle. Lediglich 16 Prozent geben an, aus eigener Motivation heraus beruflich erreichbar zu sein. Die Ergebnisse sprechen damit weniger für ein technisches Problem als für eine Frage der Unternehmenskultur. Mobile Kommunikation macht Erreichbarkeit zwar jederzeit möglich. Ob Beschäftigte sie tatsächlich nutzen, hängt jedoch maßgeblich von den Erwartungen ihres beruflichen Umfelds ab.
Erholung wird zur Organisationsaufgabe
Für Unternehmen rückt damit eine Frage in den Mittelpunkt, die weit über Urlaubsregelungen hinausgeht: Wie lässt sich Erholung tatsächlich ermöglichen? Vertretungsregelungen, klare Zuständigkeiten und transparente Absprachen gewinnen an Bedeutung, wenn Beschäftigte während ihrer Abwesenheit nicht ständig als Ansprechpartner eingeplant werden sollen. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass mobile Arbeitsformen allein keine ständige Erreichbarkeit erzwingen. Entscheidend ist vielmehr, welche Regeln und Erwartungen im Unternehmen gelebt werden.
Führung entscheidet über die Qualität der Auszeit
Aus Sicht des Digitalverbands Bitkom sollten flexible Arbeitsformen nicht dazu führen, dass Beschäftigte das Gefühl entwickeln, auch im Urlaub permanent verfügbar sein zu müssen. Ziel müsse sein, Vertretungen rechtzeitig zu organisieren und Erwartungen im Vorfeld klar zu kommunizieren. Die Ergebnisse zeigen damit einen Wandel der Führungsaufgabe. Erholung entsteht nicht allein dadurch, dass Urlaubstage gewährt werden. Sie hängt zunehmend davon ab, ob Unternehmen ihre Arbeitsorganisation so gestalten, dass Beschäftigte während ihrer Auszeit tatsächlich loslassen können.
Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels und steigender Anforderungen an Leistungsfähigkeit könnte diese Fähigkeit zu einem wichtigen Baustein moderner Personalpolitik werden. Denn Erholung ist längst nicht mehr nur Privatsache – sie entwickelt sich zunehmend zu einem Faktor nachhaltiger Arbeitsfähigkeit.
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