ver.di-Chef Frank Werneke: Eine Mitgliederbefragung zeigt deutliche Ablehnung gegenüber einem höheren Renteneintrittsalter und einer Lockerung des Acht-Stunden-Tages.ver.di-Chef Frank Werneke: Eine Mitgliederbefragung zeigt deutliche Ablehnung gegenüber einem höheren Renteneintrittsalter und einer Lockerung des Acht-Stunden-Tages.ver.di

83 Prozent der ver.di-Mitglieder lehnen höheres Rentenalter ab

Veröffentlichung: 24.08.2026, 16:08 Uhr - Lesezeit 6 Minuten

Länger arbeiten – sowohl bis zur Rente als auch am einzelnen Arbeitstag? Unter ver.di-Mitgliedern stoßen beide Vorstellungen auf deutliche Ablehnung. Auch die Sorgen um die finanzielle Absicherung im Alter sind groß. Die Befragung zeigt aber vor allem, warum die Rentendebatte für viele weit vor dem Ruhestand beginnt.

(PDF)

Eine weitere Anhebung des Renteneintrittsalters findet unter den Mitgliedern der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di wenig Zustimmung. Das zeigt eine aktuelle Mitgliederbefragung, die mit Unterstützung des Meinungsforschungsinstituts infratest dimap durchgeführt wurde. Für die repräsentative Zufallsstichprobe wurden zwischen dem 8. und 27. Juli 2026 insgesamt 3.522 ver.di-Mitglieder befragt.

83 Prozent lehnen den Vorschlag ab, das gesetzliche Renteneintrittsalter an die statistische Lebenserwartung zu koppeln und damit schrittweise weiter anzuheben. Nur elf Prozent halten diesen Ansatz für richtig. „Die Umfrage-Ergebnisse senden ein starkes Signal an die Bundesregierung: Hände weg vom 8-Stunden-Tag und keine Verschlechterungen bei der Rente“, erklärt der ver.di-Vorsitzende Frank Werneke.

Mehr als die Hälfte zweifelt, bis zur Rente durchhalten zu können

Hinter der Ablehnung eines höheren Rentenalters steht offenbar auch die Frage, ob die Beschäftigten überhaupt davon ausgehen, ihre heutige Tätigkeit entsprechend lange ausüben zu können. 56 Prozent bezweifeln, gesundheitlich bis zum Renteneintritt wie bisher weiterarbeiten zu können. 21 Prozent antworten mit „nein, auf keinen Fall“, weitere 35 Prozent mit „eher nein“. Demgegenüber halten 40 Prozent dies grundsätzlich für möglich. 32 Prozent antworten mit „eher ja“, lediglich acht Prozent sind sich sicher, bis zur Rente gesundheitlich wie bisher arbeiten zu können. Damit berührt die politische Diskussion über ein höheres Renteneintrittsalter eine zweite Frage: Nicht nur, wie lange Menschen arbeiten sollen, sondern wie lange sie tatsächlich arbeiten können.

Sorge vor finanziellen Problemen im Ruhestand

Gleichzeitig macht sich die große Mehrheit der befragten Gewerkschaftsmitglieder Gedanken über ihre finanzielle Situation im Alter. 26 Prozent haben „sehr große“ und weitere 25 Prozent „große“ Sorgen. 30 Prozent berichten zumindest von „einigen“ Sorgen. Damit sorgen sich insgesamt 81 Prozent in unterschiedlichem Umfang um ihre finanzielle Absicherung im Alter. Lediglich drei Prozent geben an, überhaupt keine Sorgen zu haben. Werneke fordert deshalb eine Rentenreform, die nach seiner Auffassung die Lebensleistung stärker anerkennt und ein ausreichend hohes Niveau der gesetzlichen Rente sichert.

Acht-Stunden-Tag: 87 Prozent fürchten gesundheitliche Folgen

Die zweite große Konfliktlinie der Befragung betrifft die Arbeitszeit. Die Bundesregierung plant eine Reform des Arbeitszeitrechts, bei der die bislang geltende tägliche Höchstarbeitszeit stärker durch eine wöchentliche Betrachtung ersetzt werden soll. ver.di gehört zu den entschiedenen Gegnern dieses Vorhabens. Unter den befragten Mitgliedern ist die Skepsis entsprechend groß. 87 Prozent stimmen der Aussage zu, bei einer Abschaffung beziehungsweise Lockerung des Acht-Stunden-Tages größere Sorgen um ihre Gesundheit zu haben. Zwei Drittel stimmen dieser Aussage sogar „voll und ganz“ zu. 81 Prozent erwarten größere Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie beziehungsweise Freizeit. 60 Prozent rechnen zudem damit, dass Arbeitgeber Druck ausüben könnten, täglich oder zumindest an einzelnen Tagen länger zu arbeiten.

Mehr Selbstbestimmung? Mehrheit glaubt nicht daran

Befürworter flexiblerer Arbeitszeitregeln argumentieren dagegen unter anderem mit größeren Gestaltungsmöglichkeiten für Beschäftigte. Unter den ver.di-Mitgliedern verfängt dieses Argument kaum. Nur 21 Prozent glauben voll oder eher daran, ihre Arbeitszeit dadurch selbstbestimmter verteilen zu können. 71 Prozent erwarten diesen Effekt dagegen eher nicht oder überhaupt nicht. Für Werneke bestätigt das die Position der Gewerkschaft, an der täglichen Höchstarbeitszeit festzuhalten. Er warnt davor, durch eine Reform Arbeitszeiten von bis zu 13 Stunden zu ermöglichen.

81 Prozent befürworten Vermögensteuer

Die Befragung widmet sich außerdem der Finanzierung des Sozialstaats. Dabei zeigt sich unter den ver.di-Mitgliedern ebenfalls eine klare Präferenz. 81 Prozent sprechen sich für die Einführung einer Vermögensteuer aus, 14 Prozent lehnen sie ab. Werneke interpretiert die Ergebnisse als Verteilungskonflikt. Der Sozialstaat sei finanzierbar, wenn große Vermögen stärker zur Finanzierung herangezogen würden. Dabei verweist der Gewerkschaftsvorsitzende auf ein privates Nettovermögen von fast 20 Billionen Euro und eine starke Konzentration an der Spitze der Vermögensverteilung.

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Retirement savings golden nest egg in businessman handRetirement savings golden nest egg in businessman handBrian Jackson – stock.adobe.com
Fürs Alter

Die Rente zukunftsfähig gestalten

Es ist unabdingbar, dass in der aktuellen Legislaturperiode wichtige Weichen für die Zukunft der Altersvorsorge in Deutschland gestellt werden. Was werden die zukünftigen Herausforderungen des Altersvorsorgesystems in Deutschland sein und wie wirksam sind mögliche Reformansätze?
Das deutsche Rentensystem steht unter massivem Reformdruck (Symbolbild).Das deutsche Rentensystem steht unter massivem Reformdruck (Symbolbild).DALL-E
Fürs Alter

ifo-Gutachten: Rentenreform dringend nötig – Beitragssatz könnte bis 2050 auf 22 Prozent steigen

Das deutsche Rentensystem steht unter massivem Reformdruck. Zu diesem Schluss kommt ein aktuelles Gutachten des ifo Instituts Dresden im Auftrag der Friedrich-Naumann-Stiftung. Ohne grundlegende Strukturänderungen drohen nicht nur steigende Beitragssätze, sondern auch eine erhebliche finanzielle Überlastung künftiger Generationen.
Eine Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) hat untersucht, wie sich ein stabiles Rentenniveau auswirkt.Eine Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) hat untersucht, wie sich ein stabiles Rentenniveau auswirkt.geralt / pixabay
Fürs Alter

Stabilisierung des Rentenniveaus: Wer verliert und wer gewinnt wirklich?

Neue Berechnungen zeigen: Eine langfristige Stabilisierung des Rentenniveaus hätte für nahezu alle Geburtsjahrgänge zwischen den 1940ern und 2010 eine höhere Rendite der gesetzlichen Rente bedeutet. Besonders profitieren Versicherte aus den Jahrgängen 1960 bis 1980.
Yasmin Fahimi
Vorsitzende des Deutschen GewerkschaftsbundesYasmin Fahimi Vorsitzende des Deutschen GewerkschaftsbundesDGB/Benno Kraehahn
Politik

Fahimi stellt die Reformfrage neu: Wer soll für Deutschlands Krise bezahlen?

Der DGB wendet sich gegen Kürzungen im Sozialstaat und Einschnitte bei Arbeitnehmerrechten. Vor dem bundesweiten Aktionstag am 26. September bestreitet er nicht den Reformbedarf, wohl aber die behauptete Alternativlosigkeit der diskutierten Maßnahmen.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"
Ausgabe 07/26

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"

Klaus Liebig und Robert Schmidt, Geschäftsführer der vfm Gruppe
"Nicht laut, aber immer noch relevant"
Ausgabe 05/26

"Nicht laut, aber immer noch relevant"

Wibke Becker - Generalbevollmächtigte & Leiterin Maklervertrieb - Continentale - Mannheimer - EUROPA
"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht