Stabilisierung des Rentenniveaus: Wer verliert und wer gewinnt wirklich?

Veröffentlichung: 17.02.2025, 10:02 Uhr - Lesezeit 6 Minuten

Neue Berechnungen zeigen: Eine langfristige Stabilisierung des Rentenniveaus hätte für nahezu alle Geburtsjahrgänge zwischen den 1940ern und 2010 eine höhere Rendite der gesetzlichen Rente bedeutet. Besonders profitieren Versicherte aus den Jahrgängen 1960 bis 1980.

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Eine Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) hat untersucht, wie sich ein stabiles Rentenniveau auswirkt.Eine Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) hat untersucht, wie sich ein stabiles Rentenniveau auswirkt.geralt / pixabay

Die Diskussion um eine Stabilisierung des Rentenniveaus bleibt auch nach dem Scheitern des Rentenpakets II ein zentrales Thema in der Sozialpolitik. Eine aktuelle Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung zeigt, dass eine Stabilisierung der Renten dazu beigetragen hätte, die interne Rendite für nahezu alle Geburtsjahrgänge zu verbessern. Das betrifft nicht nur die ältere Generation, sondern auch junge Menschen, die aktuell ins Berufsleben einsteigen.

Höhere Rendite durch stabiles Rentenniveau

Die interne Rendite der gesetzlichen Rentenversicherung gibt an, wie sich die gezahlten Beiträge im Verhältnis zur späteren Rente entwickeln. Die neuen Berechnungen des IMK zeigen, dass eine Stabilisierung des Rentenniveaus für alle betrachteten Jahrgänge zu einer Erhöhung der Rendite geführt hätte – mit Spitzenwerten zwischen 3,3 % und 4,1 %.

Besonders stark wäre die Verbesserung für Geburtsjahrgänge zwischen 1960 und 1980 ausgefallen. Während diese Gruppe bislang eine unterdurchschnittliche Rendite pro eingezahltem Euro verzeichnete, hätte die Stabilisierung das Ungleichgewicht zumindest teilweise ausgeglichen. Bei den ältesten und jüngsten Geburtsjahrgängen ist der Effekt geringer, aber dennoch positiv.

Kein Nachteil für jüngere Generationen

Die Studienautoren João Domingues Semeano, Prof. Dr. Sebastian Dullien, Prof. Dr. Camille Logeay und Dr. Ulrike Stein widersprechen der These, eine Rentenniveaustabilisierung würde zulasten der jüngeren Generation gehen.

„Die Zahlen zeigen, dass sich die Mitgliedschaft in der umlagefinanzierten Rentenversicherung lohnt, denn sie wirft für alle betrachteten Jahrgänge ordentliche Renditen ab, die spürbar über der erwarteten Inflation liegen. Das gilt ausdrücklich auch für die Jungen“, betont IMK-Direktor Sebastian Dullien. „Eine Stabilisierung des Rentenniveaus verbessert das Verhältnis zwischen individuellen Beiträgen und daraus erwachsenden Renten sogar weiter.“

Auch künftige Rentenjahrgänge profitieren demnach von der Maßnahme, da höhere Auszahlungen im Alter mehr Gewicht haben als die erhöhten Beiträge.

Bundeszuschüsse in Relation zur Wirtschaftsleistung moderat

Ein oft genanntes Argument gegen die Stabilisierung des Rentenniveaus sind steigende Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt. Die Forscher stellen jedoch klar, dass der Anteil dieser Zuschüsse am Bruttoinlandsprodukt (BIP) über die Jahre relativ stabil geblieben ist.

„Von 2020 bis 2035 steigen die Bundeszuschüsse von 2,2 % auf 2,4 % des BIP. Damit wären die Zuschüsse selbst 2035 noch niedriger als im Jahr 2003 mit 2,8 % des BIP“, erklärt Dullien. „Ein relevantes Haushaltsproblem für den Bund lässt sich aus diesem Anstieg nicht erkennen.“

Rentenbeiträge steigen, aber mit Gegenwert

Die Berechnungen des DyReMo-Rentenmodells, das von der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin in Zusammenarbeit mit der Hans-Böckler-Stiftung entwickelt wurde, prognostizieren einen Anstieg des Beitragssatzes zur gesetzlichen Rentenversicherung.

Bis 2035 soll der Beitragssatz von derzeit 18,6 % auf 22,4 % steigen, um dann über Jahrzehnte stabil zu bleiben. Danach sei ein leichter weiterer Anstieg zu erwarten.

Die Forscher betonen jedoch, dass es sich dabei nicht um eine steuerähnliche Abgabe handelt, sondern um eine Form der obligatorischen Altersvorsorge. „Da den steigenden Beiträgen auch steigende Leistungen gegenüberstehen, wirken die Rentenbeiträge nicht wie Steuern“, erläutert Dullien. „Die steigenden Rentenbeiträge haben gesamtwirtschaftlich auch keine negativen Wachstums- oder Beschäftigungseffekte.“

Wissenschaftlich fundierte Debatte gefordert

Das IMK fordert eine faktenbasierte Rentendebatte und kündigt an, das DyReMo-Modell künftig als Open-Source-Plattform für weitere wissenschaftliche Untersuchungen zur Verfügung zu stellen. Damit sollen Reformvorschläge transparenter und nachvollziehbarer gemacht werden.

Die komplette Studie „Stabilisierung des Rentenniveaus: Wer verliert und wer gewinnt wirklich? ist auf der Webseite der Hans-Böckler-Stiftung abrufbar.

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