Vom KI-Copiloten zum autonomen Schadenfall: adesso übernimmt omni:us

Veröffentlichung: 12.08.2026, 11:08 Uhr - Lesezeit 11 Minuten

Künstliche Intelligenz unterstützt Versicherer längst bei Dokumentenanalyse, Schadenaufnahme und Entscheidungen. Mit der Übernahme von omni:us durch adesso zeichnet sich nun die nächste Entwicklungsstufe ab: KI-Agenten sollen einfache Schadenfälle vom Eingang bis zur Auszahlung eigenständig bearbeiten – und direkt in die Kernsysteme der Versicherer einziehen.

(PDF)
Mit der Übernahme von omni:us integriert adesso agentische KI tiefer in seine Versicherungsplattform. Einfache Schadenfälle sollen künftig innerhalb definierter Grenzen automatisiert bearbeitet werden können.Mit der Übernahme von omni:us integriert adesso agentische KI tiefer in seine Versicherungsplattform. Einfache Schadenfälle sollen künftig innerhalb definierter Grenzen automatisiert bearbeitet werden können.Redaktion experten.de / KI-generiert

KI soll nicht mehr neben dem Kernsystem arbeiten

Künstliche Intelligenz im Schadenmanagement entwickelt sich vom Assistenzsystem zum ausführenden Akteur. Der IT-Dienstleister adesso übernimmt den Berliner Schaden-KI-Spezialisten omni:us und integriert dessen Technologie in die Versicherungsplattform in|sure Ecosphere seiner Tochtergesellschaft adesso insurance solutions. Damit geht es um mehr als die Erweiterung einer bestehenden Softwareplattform. Die Technologie von omni:us soll Teil des sogenannten Agentic Layer der in|sure Ecosphere werden. KI-Agenten können innerhalb definierter Rahmenbedingungen Informationen interpretieren, Daten miteinander verbinden und Transaktionen ausführen. Bei einfachen Schadenfällen soll die Technologie den Prozess von der ersten Meldung bis zur Auszahlung eigenständig bearbeiten können. In komplexeren Fällen unterstützt sie Mitarbeiter als KI-Copilot.

Vom Assistenten zum Agenten

Damit wird eine Entwicklung konkret, die sich im Schadenmanagement seit einiger Zeit abzeichnet. KI wird bislang vor allem eingesetzt, um Dokumente auszulesen, Informationen zu strukturieren, Betrugsmuster zu erkennen oder Entscheidungen vorzubereiten. Eine Analyse von Assekurata zeigte zuletzt, wie stark die Technologie bereits in die Schadenprozesse vordringt. Gleichzeitig blieb dabei ein Grundsatz erhalten: Die Entscheidungshoheit liegt bei den Mitarbeitern. experten.de hat diese Entwicklung im Beitrag „KI im Schadenmanagement: Wenn der Schaden zuerst mit einer KI spricht“ eingeordnet.
Agentische Systeme verschieben diese Grenze. Sie sollen nicht lediglich Informationen liefern, sondern innerhalb vorgegebener Regeln selbst Prozessschritte auslösen und vollständige Vorgänge bearbeiten. Genau diese nächste Entwicklungsstufe hatte sich bereits im KI-Netzwerk der V.E.R.S. Leipzig abgezeichnet. Dort ist adesso seit diesem Jahr als Fokuspartner beteiligt. Im Mittelpunkt stehen zunehmend konkrete KI-Anwendungen für Versicherer – einschließlich agentischer Systeme.

omni:us bringt zehn Jahre Schaden-KI mit

Für adesso ist die Übernahme deshalb vor allem ein Technologiezukauf für einen zentralen Versicherungsprozess. omni:us entwickelt seit rund zehn Jahren KI-Lösungen speziell für die Versicherungswirtschaft. Nach Unternehmensangaben wurden die eingesetzten Modelle mit mehreren Millionen annotierten Schadenfällen und mehr als 80 Millionen Versicherungsdokumenten trainiert. Zu den Anwendern der Technologie zählen nach Angaben der Unternehmen unter anderem Allianz, UNIQA und MS Amlin. omni:us beziffert die bei Kunden erreichten Effizienzsteigerungen auf bis zu 35 Prozent und Verbesserungen der Schaden-Kosten-Quote auf bis zu vier Prozentpunkte.
Diese Werte sind Anbieterangaben. Sie zeigen jedoch, woran sich die nächste KI-Generation im Versicherungsgeschäft messen lassen muss: nicht mehr allein an technologischen Möglichkeiten, sondern an Auswirkungen auf Bearbeitungszeiten, Kosten und operative Kennzahlen. Mark Lohweber, CEO der adesso SE, sieht genau darin die Bedeutung der Übernahme: „In der Versicherungswirtschaft zeigt sich besonders deutlich, was KI heute schon leisten kann, wenn sie in den Kernprozessen eines Unternehmens verankert ist. Mit omni:us gewinnen wir eine Lösung, die sich im Tagesgeschäft bereits bewährt hat.“

KI zieht in die Versicherungsplattform ein

Strategisch besonders interessant ist, wo die Technologie künftig sitzt. Versicherer sollen die Schaden-KI nicht als zusätzliche, isolierte Anwendung neben ihren bestehenden Systemen einsetzen. Sie wird direkt in die in|sure Ecosphere integriert. Die cloudfähige Plattform bildet zentrale Versicherungsprozesse von der Bestandsführung bis zum Schadenmanagement ab. Damit verschiebt sich auch die IT-Architektur hinter dem KI-Einsatz. Statt Daten aus dem Kernsystem an ein separates KI-Werkzeug zu übergeben und Ergebnisse anschließend wieder zurückzuführen, soll die KI selbst Bestandteil der operativen Prozesslandschaft werden. Andreas Nolte, Sprecher der Geschäftsführung der adesso insurance solutions GmbH, beschreibt diesen Ansatz so: „Künstliche Intelligenz wird nicht einfach dadurch zum Teil des Versicherungskerns, indem sie als zusätzliche Anwendung daneben gestellt wird. Sie muss in den Prozesskern und damit in die Systeme, Daten und Kontrollmechanismen verankert werden, über die Versicherer ihr Geschäft steuern.“ Für bestehende Kunden soll die zusätzliche Funktionalität innerhalb ihrer bisherigen Systemumgebung verfügbar werden, ohne dass dafür ein Wechsel des Kernsystems notwendig ist.

Autonomie braucht Leitplanken

Je weiter KI in die eigentliche Schadenentscheidung vordringt, desto wichtiger wird allerdings die Frage nach Kontrolle und Verantwortung. adesso und omni:us nennen Erklärbarkeit, menschliche Aufsicht, operative Zuverlässigkeit und Nachvollziehbarkeit ausdrücklich als Leitplanken ihrer gemeinsamen Produktstrategie. Die KI soll also nicht außerhalb bestehender Governance-Strukturen agieren, sondern innerhalb definierter Entscheidungs- und Kontrollmechanismen. Gerade im Schadenmanagement ist diese Abgrenzung relevant. Hier entscheidet Technologie nicht nur über interne Prozessschritte, sondern kann unmittelbar die Leistung gegenüber dem Versicherungsnehmer betreffen.
Dass Kunden dieser Entwicklung keineswegs uneingeschränkt folgen, zeigte bereits eine Doppelbefragung der Versicherungsforen Leipzig. Während Versicherer Geschwindigkeit und Digitalisierung im Schadenmanagement vorantreiben, wünschen sich Kunden insbesondere finanzielle Sicherheit und persönliche Ansprechpartner. 59 Prozent der Befragten wollten die finale Entscheidung im Schadenfall nicht einer KI überlassen. experten.de berichtete darüber im Beitrag „Schadenmanagement: Kunden wollen Geld und Menschen – Versicherer setzen auf Tempo und KI“. Die technische Möglichkeit zur Automatisierung beantwortet damit noch nicht die Frage, an welchen Stellen Versicherer sie tatsächlich einsetzen sollten.

Die Grenze zwischen Copilot und Autonomie verschiebt sich

Thomas Hauschild, CEO von omni:us, sieht gerade den Einsatz unter realen Bedingungen als entscheidenden Maßstab: „Im Schadengeschäft muss Künstliche Intelligenz beweisen, dass sie unter realen finanziellen, regulatorischen und operativen Bedingungen zuverlässig arbeitet. Diese Zuverlässigkeit ist das Ergebnis jahrelanger Entwicklungsarbeit.“ Gemeinsam mit adesso soll die Technologie künftig einem größeren Versicherungsmarkt zugänglich gemacht und perspektivisch auch auf weitere Versicherungsprozesse übertragen werden. omni:us bleibt nach Abschluss der Transaktion unter seinem bisherigen Markennamen und mit der bestehenden Geschäftsführung Teil der adesso Group. Auch Bestandskunden sollen weiterhin in ihren bisherigen Produkt- und Technologieumgebungen betreut werden.

Schadenmanagement wird zum Testfeld für Agentic AI

Die Übernahme zeigt damit exemplarisch, wie sich die Diskussion über Künstliche Intelligenz in der Versicherungswirtschaft verändert. Die erste Phase drehte sich um die Frage, welche Tätigkeiten KI unterstützen kann. Danach folgte die Integration von Copiloten, die Informationen aufbereiten und Entscheidungen vorbereiten. Mit agentischen Systemen beginnt nun eine weitere Stufe: KI erhält innerhalb definierter Grenzen die Möglichkeit, selbst zu handeln.
Das Schadenmanagement dürfte dafür zu einem der wichtigsten Testfelder werden. Standardisierte Prozesse und große Datenmengen bieten erhebliche Automatisierungspotenziale. Gleichzeitig berühren Entscheidungen unmittelbar Leistungsansprüche und damit das Vertrauen der Kunden.
Die entscheidende Frage lautet deshalb künftig weniger, ob KI Schadenfälle bearbeiten kann. Technisch wird diese Grenze bereits verschoben. Entscheidend wird sein, welche Entscheidungen Versicherer ihren KI-Agenten tatsächlich überlassen – und an welcher Stelle der Mensch wieder ins Spiel kommt.

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Künstliche Intelligenz unterstützt Versicherer zunehmend bei der Aufnahme, Analyse und Vorprüfung von Schadenfällen. Ziel ist eine schnellere Bearbeitung von Standardprozessen, während die Entscheidungshoheit weiterhin bei den Mitarbeitern bleibt.Künstliche Intelligenz unterstützt Versicherer zunehmend bei der Aufnahme, Analyse und Vorprüfung von Schadenfällen. Ziel ist eine schnellere Bearbeitung von Standardprozessen, während die Entscheidungshoheit weiterhin bei den Mitarbeitern bleibt.Redaktion experten.de / KI-generiert
Digitalisierung

KI im Schadenmanagement: Wenn der Schaden zuerst mit einer KI spricht

Künstliche Intelligenz entwickelt sich zunehmend vom Experimentierfeld zur Alltagstechnologie der Versicherungswirtschaft. Besonders im Schadenmanagement setzen viele Unternehmen auf automatisierte Prozesse, intelligente Dokumentenanalyse und digitale Betrugserkennung. Nach Einschätzung von Assekurata liegen die Potenziale vor allem in schnelleren Abläufen und einer effizienteren Schadenregulierung.
Der Vermittler von 2030 ist kein Datenverwalter mehr, sondern ein fast reiner Beziehungsmanager und strategischer Berater, meintDer Vermittler von 2030 ist kein Datenverwalter mehr, sondern ein fast reiner Beziehungsmanager und strategischer Berater, meintblau direkt GmbH
Digitalisierung

„Der Vermittler von 2030 ist kein Datenverwalter mehr“

Viele Makler nutzen heute bereits KI-gestützte Assistenten. Für Hans-Peter Wolf, Chief Product & Technology Officer von blau direkt, ist das jedoch erst der Anfang. Im Interview erklärt er, warum klassische Plattformen und KI-Copiloten nur Zwischenschritte sind, welche Aufgaben autonome KI-Agenten künftig übernehmen sollen und weshalb der Vermittler trotzdem die zentrale Figur im Beratungsprozess bleibt.
Dr. Philipp Kanschik, Co-Founder und Chief Financial Officer (CFO) der MoIn GroupDr. Philipp Kanschik, Co-Founder und Chief Financial Officer (CFO) der MoIn GroupNicolas Herwig
Unternehmen

„Vertrauen bleibt menschlich“: Wo KI im Maklergeschäft an ihre Grenzen stößt

Künstliche Intelligenz kann Prozesse beschleunigen und Routinen übernehmen. Doch viele Vermittler begegnen der Technologie weiterhin mit Skepsis. Im zweiten Teil des Interviews erklärt Dr. Philipp Kanschik, Co-Founder und Chief Financial Officer (CFO) der MoIn Group, warum KI aus seiner Sicht keine Arbeitsplätze ersetzen soll und welche Aufgaben dauerhaft dem Menschen vorbehalten bleiben.
Dr. Philipp Kanschik, Co-Founder und Chief Financial Officer (CFO) der MoIn GroupDr. Philipp Kanschik, Co-Founder und Chief Financial Officer (CFO) der MoIn GroupNicolas Herwig
Unternehmen

„KI muss Ballast abnehmen“: Wie die MoIn Group Maklerhäuser produktiver machen will

Konsolidierung und künstliche Intelligenz wachsen in der Maklerbranche zunehmend zusammen. Die MoIn Group bezeichnet sich als erstes AI-Roll-up der Branche und setzt nach eigenen Angaben auf KI-Agenten, die Verwaltungsprozesse automatisieren und Makler im Tagesgeschäft entlasten. Im Interview erläutert Dr. Philipp Kanschik, Co-Founder und Chief Financial Officer (CFO) der MoIn Group, wie das Modell funktioniert und woran sich sein Erfolg messen lassen muss.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"
Ausgabe 07/26

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"

Klaus Liebig und Robert Schmidt, Geschäftsführer der vfm Gruppe
"Nicht laut, aber immer noch relevant"
Ausgabe 05/26

"Nicht laut, aber immer noch relevant"

Wibke Becker - Generalbevollmächtigte & Leiterin Maklervertrieb - Continentale - Mannheimer - EUROPA
"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht