Fratzscher erhöht den Druck: Streit um die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren spaltet die Koalition

Veröffentlichung: 03.08.2026, 13:08 Uhr - Lesezeit 8 Minuten

Die Debatte um die Zukunft der abschlagsfreien Altersrente für besonders langjährig Versicherte gewinnt weiter an Dynamik. Nachdem in den vergangenen Tagen mehrere Ministerpräsidenten aus Ostdeutschland gegen eine Abschaffung der Regelung mobil gemacht hatten, erhöht nun DIW-Präsident Marcel Fratzscher den Druck auf die Politik. Seine Botschaft ist eindeutig: Ohne die Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren sei die geplante Rentenreform finanziell nicht tragfähig.

(PDF)
DIW-Präsident Marcel Fratzscher erhöht den den Druck auf die Politik.DIW-Präsident Marcel Fratzscher erhöht den den Druck auf die Politik.Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung e.V.

Fratzscher: "Finanziell wichtigste Element" der Reform

Im Deutschlandfunk bezeichnete Fratzscher die Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren als das finanziell entscheidende Element der geplanten Rentenreform. Ohne diesen Schritt sei die Reform faktisch "tot". Nach seinen Berechnungen könnten langfristig Einsparungen von rund zehn Milliarden Euro pro Rentnerjahrgang erzielt werden. Gleichzeitig rechnet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung mit rund 125.000 zusätzlichen Beschäftigten, weil mehr Menschen länger im Erwerbsleben blieben.

Unterstützung erhält diese Sichtweise von Pascal Reddig (CDU), stellvertretender Vorsitzender der Rentenkommission. Er warnt davor, einzelne Bestandteile des Reformpakets herauszulösen. Die Vorschläge der Kommission seien als Gesamtkonzept entwickelt worden. Würden zentrale Elemente gestrichen, gerate die gesamte Reform ins Wanken.

Was die abschlagsfreie Rente tatsächlich bedeutet

In der öffentlichen Diskussion wird häufig noch von der "Rente mit 63" gesprochen. Tatsächlich trifft diese Bezeichnung längst nur noch auf wenige ältere Jahrgänge zu.

Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung handelt es sich um die Altersrente für besonders langjährig Versicherte. Voraussetzung sind 45 Jahre mit anrechenbaren Versicherungszeiten. Für die vor 1953 Geborenen war ein abschlagsfreier Renteneintritt tatsächlich bereits mit 63 Jahren möglich. Seitdem wurde die Altersgrenze schrittweise angehoben. Wer 1964 oder später geboren wurde, kann diese Rentenart erst mit 65 Jahren beziehen. Ein früherer Renteneintritt ist bei dieser Rentenart ausdrücklich ausgeschlossen – auch gegen Rentenabschläge.

Zu den 45 Versicherungsjahren zählen dabei nicht ausschließlich Pflichtbeiträge aus einer Beschäftigung. Berücksichtigt werden unter anderem Kindererziehungszeiten, Pflegezeiten, zahlreiche Anrechnungszeiten wegen Krankheit oder Arbeitslosigkeit sowie weitere rentenrechtliche Zeiten. Die Deutsche Rentenversicherung weist ausdrücklich darauf hin, dass unterschiedliche Zeitarten zusammengerechnet werden und die Voraussetzungen je nach individueller Erwerbsbiografie geprüft werden.

Widerstand wächst über Parteigrenzen hinweg

Gerade weil die Regelung für viele Beschäftigte eine langfristige Lebensplanung darstellt, formiert sich inzwischen erheblicher politischer Widerstand. Bereits Ende vergangener Woche hatten die CDU-Ministerpräsidenten Michael Kretschmer, Reiner Haseloff und Mario Voigt gefordert, an der abschlagsfreien Rente festzuhalten. Ihre Begründung: In Ostdeutschland existierten häufiger lange, durchgehende Erwerbsbiografien, während Betriebsrenten und private Altersvorsorge deutlich seltener verbreitet seien. Deshalb treffe eine Abschaffung dort besonders viele Menschen.

Inzwischen haben sich auch mehrere SPD-Politiker dieser Position angeschlossen. SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf erklärte, Menschen mit 45 Beitragsjahren hätten sich die Möglichkeit eines früheren abschlagsfreien Renteneintritts verdient. Gleichzeitig stellte er die Frage, ob sich die CDU inzwischen von ihrer bisherigen Forderung nach einer Abschaffung entferne.

Besonders deutlich äußerte sich Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig. Sie argumentiert, dass gerade im Osten Deutschlands überdurchschnittlich viele Menschen 45 oder sogar mehr Beitragsjahre erreichen. Wer länger arbeite und länger Beiträge zahle, müsse gegenüber anderen Versicherten besser gestellt bleiben. Mecklenburg-Vorpommern werde einem Rentenpaket ohne die abschlagsfreie Rente im Bundesrat nicht zustimmen. Unterstützung erhielt sie inzwischen auch von der saarländischen Ministerpräsidentin Anke Rehlinger, die ebenfalls Änderungen am Reformpaket fordert.

Warum es derzeit so viele Gegenstimmen gibt

Die aktuelle Kritik richtet sich nicht allein gegen eine mögliche Kürzung von Rentenleistungen. Im Mittelpunkt stehen vor allem drei Argumente.

Zum einen verweisen die Gegner auf den Vertrauensschutz. Viele Arbeitnehmer hätten ihre persönliche Finanz- und Lebensplanung über Jahrzehnte auf die bestehende Rechtslage ausgerichtet und seien inzwischen nur noch wenige Jahre vom Renteneintritt entfernt.

Zum zweiten wird auf die unterschiedlichen Erwerbsbiografien verwiesen. Gerade Beschäftigte in körperlich belastenden Berufen könnten oftmals nicht ohne gesundheitliche Einschränkungen bis zur regulären Altersgrenze arbeiten. Für sie sei die abschlagsfreie Rente nach 45 Versicherungsjahren eine Anerkennung jahrzehntelanger Beitragszahlungen.

Zum dritten spielt die unterschiedliche Altersvorsorge zwischen Ost- und Westdeutschland eine große Rolle. Während Betriebsrenten und private Vorsorge in vielen westdeutschen Regionen stärker verbreitet sind, bildet die gesetzliche Rente im Osten häufig die wichtigste oder sogar einzige Säule der Alterssicherung.

Diese Argumentation findet auch außerhalb der Politik Resonanz. Eine Online-Petition gegen die geplante Abschaffung der Altersrente für besonders langjährig Versicherte hat innerhalb kurzer Zeit das notwendige Quorum deutlich überschritten. Die Initiatoren begründen ihren Protest mit der Anerkennung der Lebensleistung, der besonderen Belastung vieler Berufe, dem Vertrauensschutz sowie der Gefahr dauerhafter finanzieller Nachteile für Betroffene.


(PDF)

LESEN SIE AUCH

Die Debatte über eine mögliche Rente mit 70 gewinnt angesichts des demografischen Wandels und steigender Rentenausgaben zunehmend an Dynamik.Die Debatte über eine mögliche Rente mit 70 gewinnt angesichts des demografischen Wandels und steigender Rentenausgaben zunehmend an Dynamik.Redaktion experten.de / KI-generiert
Fürs Alter

Rente mit 70? Debatte über längere Lebensarbeitszeit gewinnt an Fahrt

Die Diskussion über eine mögliche Anhebung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre nimmt an Dynamik zu. Hintergrund sind Medienberichte über Überlegungen innerhalb der Rentenkommission. Neue Daten des Statistischen Bundesamts zeigen zugleich, wie stark der demografische Wandel das deutsche Rentensystem unter Druck setzt.
BVK-Präsident Michael H. HeinzBVK-Präsident Michael H. HeinzBVK
Fürs Alter

„Es ist widersprüchlich, an der Rente mit 63 festzuhalten und zugleich Altersrentner steuerlich zu fördern“

Der BVK kritisiert die geplante Aktivrente der Bundesregierung als halbherzig und konzeptlos. Zwar könne eine steuerfreie Hinzuverdienstgrenze für Rentner den Fachkräftemangel abmildern, doch Selbstständige würden benachteiligt, und ein übergreifender Reformrahmen fehle. Auch die versprochene Frühstartrente lasse weiter auf sich warten.
Vito Micoli, Betriebswirtschafter, Treuhänder und geschäftsführender Direktor bei FI InvestmentsVito Micoli, Betriebswirtschafter, Treuhänder und geschäftsführender Direktor bei FI InvestmentsThomas Feith
Fürs Alter

„Unser Rentensystem steht unter Druck“ – Fratzschers Vorschlag im Gegenwind

Ein verpflichtendes soziales Jahr für Rentner? Der Vorstoß von Ökonom Marcel Fratzscher sorgt für Diskussionen. Doch statt ältere Generationen stärker in die Pflicht zu nehmen, fordert Finanzexperte Vito Micoli eine grundlegende Reform des deutschen Rentensystems – mit Blick in die Schweiz.
Das deutsche Rentensystem steht unter massivem Reformdruck (Symbolbild).Das deutsche Rentensystem steht unter massivem Reformdruck (Symbolbild).DALL-E
Fürs Alter

ifo-Gutachten: Rentenreform dringend nötig – Beitragssatz könnte bis 2050 auf 22 Prozent steigen

Das deutsche Rentensystem steht unter massivem Reformdruck. Zu diesem Schluss kommt ein aktuelles Gutachten des ifo Instituts Dresden im Auftrag der Friedrich-Naumann-Stiftung. Ohne grundlegende Strukturänderungen drohen nicht nur steigende Beitragssätze, sondern auch eine erhebliche finanzielle Überlastung künftiger Generationen.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"
Ausgabe 07/26

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"

Klaus Liebig und Robert Schmidt, Geschäftsführer der vfm Gruppe
"Nicht laut, aber immer noch relevant"
Ausgabe 05/26

"Nicht laut, aber immer noch relevant"

Wibke Becker - Generalbevollmächtigte & Leiterin Maklervertrieb - Continentale - Mannheimer - EUROPA
"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht