Frühstartrente: Ökonominnen fordern reine Aktienanlage als Standard

Veröffentlichung: 11.09.2026, 09:09 Uhr - Lesezeit 8 Minuten

Wer für sein Kind bei der Frühstartrente keine Anlage auswählt, soll nicht auf einem vorsichtigen Auffangprodukt landen. Fünf Finanzökonominnen empfehlen für die automatische Standardlösung eine vollständig aktienbasierte, passive und breit gestreute Anlage. Dahinter steckt mehr als die Hoffnung auf höhere Renditen.

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Die Frühstartrente soll Kindern frühzeitig den Einstieg in die Altersvorsorge ermöglichen. Fünf Finanzökonominnen empfehlen für die automatische Standardanlage eine vollständig aktienbasierte, passive und breit gestreute Strategie – auch um langfristig die Kapitalmarkterfahrung einer ganzen Generation zu prägen.Die Frühstartrente soll Kindern frühzeitig den Einstieg in die Altersvorsorge ermöglichen. Fünf Finanzökonominnen empfehlen für die automatische Standardanlage eine vollständig aktienbasierte, passive und breit gestreute Strategie – auch um langfristig die Kapitalmarkterfahrung einer ganzen Generation zu prägen.Redaktion experten.de / KI-generiert

Die geplante Frühstartrente soll Kindern nicht nur erstes Altersvorsorgekapital verschaffen. Sie könnte nach Einschätzung von fünf Finanzökonominnen auch beeinflussen, wie eine ganze Generation später mit dem Kapitalmarkt umgeht. Entscheidend dafür sei insbesondere die Ausgestaltung der automatischen Standardanlage für Familien, die selbst keine Anlageoption auswählen.

In einem aktuellen White Paper des Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung SAFE empfehlen Tabea Bucher-Koenen vom ZEW Mannheim und der Universität Mannheim, Christine Laudenbach und Claudia Schaffranka von SAFE, Ulrike Malmendier von der University of California, Berkeley und SAFE sowie Milena Schwarz vom Sachverständigenrat Wirtschaft eine klare Konstruktion: Die Default-Lösung sollte ausschließlich in Aktien investieren und einer passiven, breit gestreuten und regelgebundenen Strategie folgen. Damit würde ausgerechnet die automatische Auffanglösung zu einer konsequent renditeorientierten Kapitalanlage.

Default-Lösung könnte Millionen Anlageentscheidungen prägen

Die Bedeutung dieser Konstruktion geht aus Sicht der Wissenschaftlerinnen über die Rendite der ersten Sparjahre hinaus. Denn persönliche Erfahrungen mit Kapitalanlagen beeinflussen späteres Finanzverhalten. „Aus der Forschung wissen wir, dass Menschen aus Erfahrungen lernen und persönliche Erfahrungen mit dem Kapitalmarkt einen starken Einfluss auf ihr späteres Anlageverhalten haben“, erklärt Ulrike Malmendier, Direktorin des O’Donnell Centers for Behavioral Economics an der UC Berkeley und Distinguished Policy Advisor am Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung SAFE.
Damit erhält die Frühstartrente aus Sicht der Forscherinnen eine zweite Funktion: Kinder und Familien sollen nicht nur Vermögen aufbauen, sondern frühzeitig praktische Erfahrungen mit breit diversifizierten Aktienanlagen sammeln.
Gerade in Deutschland könnte das relevant sein. Eine wahrgenommene hohe Komplexität der Geldanlage hält nach Einschätzung der Forscherinnen Menschen davon ab, überhaupt am Kapitalmarkt zu investieren. Christine Laudenbach, Leiterin der Abteilung Household Finance bei SAFE, sieht deshalb in der automatischen Einbindung eine Möglichkeit, diese Einstiegshürde zu senken. Die Frühstartrente könne „die Aktienkultur in Deutschland nachhaltig ändern“. Voraussetzung seien hohe Transparenz und geringe Komplexität.

Warum ausgerechnet 100 Prozent Aktien?

Für die konsequente Aktienorientierung führen die Autorinnen vor allem den langen Anlagehorizont an. Aktien hätten historisch reale Renditen von etwa sieben Prozent jährlich erzielt und damit deutlich höhere Erträge als Anleihen. Über mehrere Jahrzehnte können sich vergleichsweise kleine Renditeunterschiede durch den Zinseszinseffekt erheblich auf das angesparte Kapital auswirken.
Die Wissenschaftlerinnen plädieren zugleich gegen aktives Markt-Timing. Eine passive und regelgebundene Strategie soll Kosten begrenzen und verhindern, dass kurzfristige Einschätzungen oder politische Interessen die Anlageentscheidungen beeinflussen.
Als etablierten Standard nennen sie eine Gewichtung der Aktien nach Marktkapitalisierung. Denkbar seien aber auch alternative Konstruktionen wie eine Gewichtung nach Wirtschaftsleistung, um starke Konzentrationen auf einzelne Länder oder Unternehmen zu reduzieren.

Schweden zeigt die Macht des Standards

Warum der sogenannten Default-Lösung eine derart große Bedeutung zukommt, zeigt nach Einschätzung der Autorinnen das schwedische Altersvorsorgesystem. „Erfahrungen aus Schweden zeigen, dass die Ausgestaltung des Standardportfolios das Anlageverhalten der großen Mehrheit über Jahrzehnte prägt“, erklärt Tabea Bucher-Koenen, Leiterin des ZEW-Forschungsbereichs Altersvorsorge und nachhaltige Finanzmärkte.
Das dahinterliegende Prinzip ist aus der Verhaltensökonomie bekannt: Wo Menschen zwischen mehreren Optionen wählen können, bleibt ein erheblicher Teil bei der voreingestellten Lösung. Der Default ist damit keine bloße technische Rückfalloption. Seine Ausgestaltung kann wesentlich darüber entscheiden, wie das Vorsorgekapital tatsächlich investiert wird.
Gerade deshalb verlangen die Autorinnen eine klare Trennung zwischen politischen Vorgaben und operativer Kapitalanlage. Das System benötige eine langfristige Renditeorientierung, professionelles Management und eine unabhängige Aufsicht durch Kapitalmarktexperten.

Kapitalanlage soll vor kurzfristigem politischen Einfluss geschützt werden

Dieser Punkt dürfte für die weitere politische Ausgestaltung der Frühstartrente besonders relevant werden. Wenn über Jahre beziehungsweise Jahrzehnte staatlich gefördertes Kapital für Millionen Kinder angelegt wird, stellt sich zwangsläufig die Frage, wer über dessen Investmentstrategie entscheidet. Nach Vorstellung der Ökonominnen sollte die Politik die Rahmenbedingungen setzen, nicht jedoch laufend in Anlageentscheidungen eingreifen können. Die regelgebundene Strategie soll deshalb neben niedrigen Kosten auch Schutz vor kurzfristigem politischem Einfluss bieten. Die im bisherigen Entwurf vorgesehene aktienbasierte Anlage müsse nach Einschätzung der Wissenschaftlerinnen erhalten bleiben.

Frühstartrente soll 2027 beginnen

Das Bundeskabinett hatte die Frühstartrente am 12. August beschlossen. Nach den bisherigen Planungen soll sie zum 1. Januar 2027 starten. Das Gesetzgebungsverfahren soll bis November abgeschlossen werden. Die Entscheidung über die konkrete Ausgestaltung der kollektiven Standardanlage ist dabei weit mehr als eine technische Detailfrage. Werden Familien ohne eigene Anlageentscheidung automatisch einbezogen, könnte gerade dieses Portfolio langfristig zu einem der prägendsten Bestandteile des Systems werden.
Für die fünf Ökonominnen liegt darin eine Chance: Die Frühstartrente könnte nicht nur Altersvorsorgekapital schaffen, sondern erstmals breite Bevölkerungsschichten automatisch mit langfristiger Aktienanlage in Berührung bringen.
Ob daraus tatsächlich eine neue Aktienkultur entsteht, dürfte deshalb weniger davon abhängen, wie viele Anlageoptionen die Frühstartrente anbietet – sondern davon, was passiert, wenn niemand eine auswählt.

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