Sondervermögen: Milliardenschwere Mogelpackung?

Veröffentlichung: 11.11.2025, 08:11 Uhr - Lesezeit 5 Minuten

Mit dem Sondervermögen wollte die Bundesregierung zusätzliche Investitionen ermöglichen – ergänzend zum Haushalt und jenseits der Schuldenbremse. Doch aktuelle Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigen: Fast jeder zweite Euro fließt nicht in neue Projekte, sondern ersetzt Ausgaben, die ohnehin geplant waren. Statt Aufbruch droht eine politische Weichenstellung in die falsche Richtung.

(PDF)
cms.kgtnoDALL-E

Von den bis 2029 vorgesehenen neuen Krediten in Höhe von 271 Milliarden Euro würden rund 133 Milliarden Euro zur Finanzierung bereits geplanter Maßnahmen. Das entspricht fast 50 Prozent – und widerspricht dem ursprünglichen Ziel des Sondervermögens.

Ursprünglicher Zweck: Investitionen außerhalb des Haushalts ermöglichen

Das Sondervermögen wurde ins Leben gerufen, um trotz Schuldenbremse dringend benötigte Investitionen in Infrastruktur, Digitalisierung und Klimaneutralität zu ermöglichen. Es sollte zusätzliche Mittel bereitstellen, um etwa marode Brücken zu sanieren, Schulen zu modernisieren und den Ausbau der Bahn voranzutreiben. Die Mittel sollten nicht bestehende Haushaltsausgaben ersetzen, sondern den staatlichen Investitionsspielraum erweitern.

Formell legal, faktisch am Ziel vorbei

Zwar erfülle die Bundesregierung formal das Kriterium der „Zusätzlichkeit“, das gesetzlich vorgeschrieben ist – allerdings auf eine Weise, die das Ziel unterläuft. Das IW kritisiert, dass die Hürde bewusst niedrig angesetzt wurde: Ab einer Investitionsquote von zehn Prozent gelten alle weiteren Ausgaben als zusätzlich. Diese Quote wurde bereits 2024 (über elf Prozent) erreicht, ohne dass tatsächlich neue Projekte in größerem Umfang gestartet wurden.

Zudem würden auch Verteidigungsausgaben als Investitionen gezählt – obwohl diese nach geltendem Haushaltsrecht ohnehin von der Schuldenbremse ausgenommen sind. Für den Länderanteil des Sondervermögens existiert überhaupt keine verpflichtende Investitionsquote.

Milliarden für ohnehin bereits Geplantes

Ein zentrales Problem sieht das IW in der Verschiebung bereits geplanter Projekte ins Sondervermögen. So wandern z.B. Investitionen für Schulen, Brücken oder Krankenhäuser in den Sonderhaushalt – obwohl sie ursprünglich aus dem regulären Haushalt oder von Ländern und Krankenkassen finanziert werden sollten.

Ein konkretes Beispiel: Für das Jahr 2026 sind sechs Milliarden Euro aus dem Sondervermögen für Krankenhäuser vorgesehen. Diese Ausgaben waren laut ursprünglicher Planung Aufgabe der Länder und der gesetzlichen Krankenversicherung. Gleichzeitig erhöht die Bundesregierung andere Posten im Kernhaushalt, die zwar als Investitionen deklariert werden – wie Rückstellungen oder Umschuldungen – aber keinen realen Infrastrukturbeitrag leisten.

Chance auf Zukunftsinvestitionen wird verspielt

IW-Ökonom Tobias Hentze zieht ein kritisches Fazit: „Mit diesem Verschiebebahnhof gefährden Bund und Länder die Zukunftsfähigkeit Deutschlands.“ Das Sondervermögen sei grundsätzlich sinnvoll, werde aber zweckentfremdet, um politische Projekte zu finanzieren – etwa die Ausweitung der Mütterrente.

Hentze fordert, das Versprechen zusätzlicher Investitionen einzuhalten, um langfristiges Wachstum und die nötige Transformation zu sichern. Andernfalls verliere das Sondervermögen seine wirtschaftliche und gesellschaftliche Legitimation.

Politisches Instrument verliert an Glaubwürdigkeit

Die IW-Studie zeigt deutlich, dass das Sondervermögen zunehmend als haushaltspolitisches Ausweichmanöver dient. Um die ursprünglichen Ziele zu erreichen, braucht es laut IW eine präzisere Definition von „Zusätzlichkeit“, verbindliche Quoten auch für die Länder und mehr Transparenz bei der Mittelverwendung. Nur so könne das Vertrauen in staatliche Investitionspolitik gestärkt werden.

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Versprochen als Zusatz, genutzt als Ersatz: Das Sondervermögen stopft zunehmend Lücken im Bundeshaushalt.Versprochen als Zusatz, genutzt als Ersatz: Das Sondervermögen stopft zunehmend Lücken im Bundeshaushalt.DALL-E
Politik

Sondervermögen als Schattenhaushalt: Wie die Bundesregierung Haushaltslöcher stopft

Was als Investitionsoffensive für Infrastruktur und Klimaschutz begann, wird laut neuer Analyse zum Schattenhaushalt: Die Bundesregierung nutzt das Sondervermögen zunehmend, um Löcher im Kernhaushalt zu stopfen – auf Kosten von Transparenz und Glaubwürdigkeit.
Sondervermögen stößt auf breite Zustimmung in der Bevölkerung.Sondervermögen stößt auf breite Zustimmung in der Bevölkerung.pixabay
Studien

Mehrheit der Bevölkerung befürwortet gelockerte Schuldenbremse

Eine repräsentative Umfrage des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) zeigt: Die im Frühjahr beschlossene Lockerung der Schuldenbremse trifft auf breite Zustimmung in der Bevölkerung. Vor allem das geplante Sondervermögen für Investitionen in Infrastruktur und Klimaschutz überzeugt.
Das Sondervermögen sollte Investitionen in Infrastruktur und Klimaschutz anstoßen – neue Auswertungen zeigen jedoch, dass ein Großteil der Mittel bislang keine zusätzliche Wirkung entfaltet.Das Sondervermögen sollte Investitionen in Infrastruktur und Klimaschutz anstoßen – neue Auswertungen zeigen jedoch, dass ein Großteil der Mittel bislang keine zusätzliche Wirkung entfaltet.Redaktion experten.de / KI-generiert
Politik

Sondervermögen: Die Mogelpackung bekommt neue Zahlen

Das Sondervermögen sollte Milliarden in Infrastruktur und Klimaschutz lenken. Neue Zahlen zeigen jedoch: Ein Großteil der Mittel entfaltet bislang kaum zusätzliche Wirkung – und bestätigt früh geäußerte Kritik.
Reichstagsgebäude in Berlin – Sitz des Deutschen BundestagsReichstagsgebäude in Berlin – Sitz des Deutschen BundestagsAdobe
Wirtschaft

Haushaltsabschluss 2025: Investitionsmittel steigen – Umsetzung bleibt träge

Der Bundeshaushalt 2025 zeigt steigende Investitionen bei moderater Neuverschuldung – doch der Mittelabfluss bleibt strukturell verzögert.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht