Warentransportversicherung: Der Wettbewerb nimmt trotz steigender Risiken zu
Geopolitische Konflikte, Cyberkriminalität und Ladungsdiebstahl verschärfen die Risiken im internationalen Warenverkehr. Trotzdem entwickelt sich der Versicherungsmarkt derzeit zugunsten der Unternehmen. Überkapazitäten und wenige Großschäden erhöhen den Wettbewerb – und eröffnen laut Aon wieder Spielraum bei Preisen und Konditionen.
Bereits im Frühjahr zeichnete sich ab, dass der Versicherungsmarkt trotz wachsender geopolitischer und wirtschaftlicher Risiken weicher werden könnte. In der Warentransportversicherung hat sich diese Entwicklung inzwischen deutlich verstärkt. Während Aon im März noch von einem leichten Prämienrückgang ohne intensiven Wettbewerb ausging, beschreibt der aktuelle Marktreport eine „ausgeprägte Wettbewerbsphase“. Überkapazitäten und wenige Großschäden verschieben die Verhandlungsmacht zunehmend zugunsten der Unternehmen.
Überkapazitäten erhöhen den Wettbewerb
Nach den von Aon angeführten GDV-Zahlen beliefen sich die Beitragseinnahmen in der Warentransportversicherung 2025 auf 710 Millionen Euro. Im Vorjahr waren es 706 Millionen Euro. Gleichzeitig sank die Eingangsschadenquote von 62 auf 59 Prozent. Aon weist allerdings darauf hin, dass die GDV-Statistik nach dem Austritt einiger großer Warentransportversicherer nur noch einen kleiner werdenden Teil des deutschen Marktes abbildet.
Für Unternehmen ist derzeit vor allem die Angebotsseite interessant. Überkapazitäten bei den Versicherern und eine überschaubare Zahl größerer Schäden in den vergangenen Jahren sorgen nach Einschätzung des Maklers dafür, dass Ausschreibungen und Neuplatzierungen wieder bessere Konditionen ermöglichen. Damit folgt die Warentransportversicherung einem Muster, das derzeit auch in anderen Teilen der Industrieversicherung sichtbar wird: Steigende Kapazitäten und intensiver Wettbewerb verschieben die Verhandlungsmacht wieder stärker in Richtung der Versicherungsnehmer.
Politische Risiken können binnen zwei Tagen aus der Deckung fallen
Die günstigere Marktlage darf allerdings nicht mit einer Entspannung der Risiken verwechselt werden. Besonders geopolitische Konflikte können sich sehr kurzfristig auf den Versicherungsschutz auswirken.
Politische Risiken wie Krieg, Streik, Terror oder Beschlagnahme können nach Darstellung von Aon entsprechend der jeweiligen vertraglichen Vereinbarungen mit einer Frist von lediglich zwei Tagen gekündigt werden. Unternehmen können die Risiken anschließend vielfach wieder einschließen – allerdings gegen eine erhebliche Zusatzprämie und in Deutschland üblicherweise nach einer Einzelfallprüfung. Internationale Märkte bieten teilweise pauschalere Lösungen.
Gerade für Unternehmen mit internationalen Lieferketten kann sich die Versicherbarkeit damit sehr schnell verändern, wenn eine Region geopolitisch in den Risikobereich gerät.
Der Frachtführer existiert – nur nicht wirklich
Auch digitale Risiken nehmen zu. Aon verweist insbesondere auf die wachsende Bedeutung sogenannter Phantomfrachtführer, die sich als legitime Transportunternehmen ausgeben und Ladungen übernehmen. Das Phänomen beschäftigt die Transportversicherer bereits seit Längerem. Zuletzt hatte etwa die KRAVAG von steigenden Fallzahlen und Schadensummen berichtet.
Neue Klauseln sollen Deckungslücken verhindern
Auch bei der Absicherung politischer Risiken verändert sich der Markt. Der GDV hat seine Klausel-Empfehlungen aktualisiert. Politische Risiken müssen demnach nicht mehr zwingend weltweit gekündigt werden, um anschließend die weiterhin versicherbaren Regionen wieder einzuschließen. Stattdessen kann die Kündigung auf einen konkret definierten geografischen Bereich begrenzt werden.
Verbessert sich dort die geopolitische Lage wieder, kann der Versicherungsschutz zudem automatisch zurückkehren. Bei Konsortialdeckungen muss der Schutz damit nicht für jeden beteiligten Versicherer einzeln wiederhergestellt werden. Aon sieht darin auch einen Schutz vor zumindest vorübergehenden Deckungslücken.
Die Warentransportversicherung befindet sich damit in einer ungewöhnlichen Marktphase: Unternehmen können derzeit von größerem Wettbewerb und besseren Konditionen profitieren – während gleichzeitig die Risiken entlang internationaler Lieferketten komplexer und kurzfristiger werden. Für Versicherer wird damit immer entscheidender, nicht nur welches Gut transportiert wird, sondern auch wohin, über welche Route und mit welcher Datenqualität das Risiko beurteilt werden kann.
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