Altersarmut neu bewertet: Warum Vermögen in der Rentendebatte stärker berücksichtigt werden könnte
Die Armutsgefährdung älterer Menschen fällt deutlich geringer aus, wenn neben dem Einkommen auch vorhandenes Vermögen berücksichtigt wird. Eine aktuelle IW-Studie stellt damit zentrale Argumente der laufenden Rentenreformdebatte infrage.
Die Diskussion über Altersarmut in Deutschland konzentriert sich seit Jahren vor allem auf die Höhe gesetzlicher Renten. Eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt nun allerdings, dass sich das Bild deutlich verändert, wenn zusätzlich vorhandenes Vermögen berücksichtigt wird. Nach den Berechnungen sinkt das Armutsgefährdungsrisiko bei Altersrentnern von 17,8 Prozent auf 11 Prozent, sobald neben dem laufenden Einkommen auch Nettovermögen einbezogen wird. Grundlage der Analyse sind Mikrodaten der Deutschen Bundesbank, für die rund 4.000 Haushalte detaillierte Angaben zu Einkommen und Vermögen gemacht haben.
Vermögen verändert die Bewertung von Altersarmut
Die bisher üblichen Armutsgefährdungsquoten orientieren sich ausschließlich am Einkommen. Als armutsgefährdet gilt demnach, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoäquivalenzeinkommens zur Verfügung hat. Für Alleinstehende lag diese Schwelle zuletzt bei 1.380 Euro pro Monat. Das IW argumentiert jedoch, dass diese Betrachtung die tatsächliche wirtschaftliche Lage vieler Haushalte nur unvollständig abbilde. Denn gerade im Alter verfügen viele Menschen zusätzlich über Immobilien, Ersparnisse oder andere Vermögenswerte. Im Durchschnitt besitzen Haushalte mit einem Altersrentner als Hauptverdiener laut Studie ein Nettovermögen von rund 313.000 Euro. Der Median liegt bei knapp 140.000 Euro. Besonders auffällig fällt der Effekt bei älteren Menschen insgesamt aus: Bei den über 64-Jährigen sinkt die Armutsgefährdungsquote laut IW von 15,8 Prozent auf 10,4 Prozent, wenn Vermögen berücksichtigt wird.
Viele Haushalte kombinieren Einkommen und Vermögen
Die Daten der Bundesbank zeigen zugleich, dass Vermögensaufbau für viele Haushalte eine zentrale Rolle in der persönlichen Vorsorgestrategie spielt. Als häufigstes Motiv für Vermögensbildung nannten die Befragten die Absicherung für Notfälle – noch vor der klassischen Altersvorsorge. Nach Einschätzung der Studienautoren planen viele Haushalte ihre finanzielle Stabilität im Ruhestand offenbar bewusst über zwei Säulen: laufende Einkommen und angespartes Vermögen.
Kritik an aktueller Reformdebatte
Die Ergebnisse treffen auf eine politisch sensible Phase. Die Bundesregierung hat eine Alterssicherungskommission eingesetzt, die bis Sommer 2026 Vorschläge zur Weiterentwicklung des Rentensystems vorlegen soll. Diskutiert werden dabei unter anderem Modelle wie ein sogenannter „Boomer-Soli“, eine stärkere Umverteilung innerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung oder progressive Staffelungen bei Rentenansprüchen. Das IW sieht die Gefahr, dass die politische Debatte zu stark auf Einkommensdaten fokussiert bleibt und vorhandene Vermögenswerte ausblendet. „Wir führen die Rentendebatte auf der Basis nicht überzeugender Befunde“, sagt IW-Rentenexperte Jochen Pimpertz. In der Bewertung des Armutsrisikos werde bislang nicht ausreichend berücksichtigt, ob Haushalte zusätzlich erhebliches Vermögen aufgebaut hätten – etwa in Form von Immobilien oder Kapitalanlagen.
Versicherungscharakter der Rente im Fokus
Nach Ansicht des IW könnte eine ausschließliche Orientierung an Einkommensarmut zu Fehlanreizen im Rentensystem führen. Bereits heute würden bedürftigkeitsgeprüfte Sicherungssysteme sowohl Einkommen als auch Vermögen berücksichtigen. „Wer den Versicherungscharakter der Rente mit unvollständigen Armutszahlen aufweicht, riskiert teure Fehlanreize“, warnt Pimpertz.
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