Paradigmenwechsel in der Rentenpolitik? - „Boomer-Soli“ in der Kritik
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) schlägt vor, ein neue Umverteilungsinstrument—den sogenannten „Boomer-Soli“—einzuführen. Ziel ist es, ältere Personen mit geringen Alterseinkünften zu unterstützen, indem höhere Renteneinkommen umverteilt werden. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) bewertet diesen Vorschlag nun kritisch – und warnt vor systematischen Fehlanreizen und mangelnder Treffsicherheit.
Fehlender Finanzierungssicherheit der gesetzlichen Rente
Angesichts des bevorstehenden Renteneintritts der geburtenstarken Jahrgänge mehren sich die Sorgen vor wachsender Altersarmut und die Finanzierungssicherheit der gesetzlichen Renten. Bereits die Wirtschaftsweisen hatten 2023 eine Umverteilung innerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung angeregt. Wie experten.de zuletzt berichtete, schlug das DIW vor, einen sogenannten „Boomer-Soli“ einzuführen, der auf sämtliche Alterseinkünfte anzuwenden ist.
Systembruch mit begrenztem Nutzen
Aus Sicht des IW markiert der DIW-Vorschlag einen grundlegenden Systembruch. Statt wie bisher individuelle Versicherungsleistungen zu berücksichtigen, soll nun die gesamte Einkommenssituation im Alter pauschal besteuert werden – unabhängig von individuellen Vorsorgeentscheidungen.
Der Vorschlag sieht eine lineare Abgabe (z. B. 10 %) auf Alterseinkommen oberhalb eines noch zu definierenden Freibetrags vor. Die Einnahmen sollen gezielt niedrigeren Alterseinkünften zugutekommen. Die gesetzliche Rente würde damit nicht mehr isoliert betrachtet – ein Paradigmenwechsel mit weitreichenden Konsequenzen.
Kritisch ist, dass Vermögen außen vor bleiben. Dabei verfügen Haushalte über 65 im Median über ein Nettovermögen von rund 172.500 Euro – einschließlich Immobilien und Finanzvermögen. Gerade dieses Vermögen trägt aber wesentlich zur Alterssicherung bei. Die Folge: Der Boomer-Soli belastet regelmäßig laufende Rentenzahlungen, verschont aber hohe Vermögen.
Fehlanreize für die Altersvorsorge
Zudem befürchtet das IW Fehlanreize bei der Altersvorsorge. Wer eine Betriebsrente als Einmalzahlung bezieht, könnte so den Boomer-Soli umgehen – laufende Rentenzahlungen wären dagegen voll abgabepflichtig. Das kann dazu führen, dass sinnvolle Vorsorgemodelle systematisch unattraktiver werden.
„Boomer-Soli“ schafft neue Ungleichheiten
IW-Rentenexperte Jochen Pimpertz warnt daher: „Der vorgeschlagene Boomer-Soli mag auf den ersten Blick charmant sein, doch wer die Vermögen bei Rentnerhaushalten nicht mit einbezieht, schießt am Ziel vorbei.“
Statt neuer Sonderabgaben verweist Pimpertz auf bestehende Instrumente des Sozialstaats, die Bedürftigkeit bereits berücksichtigen – etwa die Grundsicherung im Alter.
Auch der Rentenversicherung selbst attestiert Pimpertz funktionale Leistungsanreize: Wer länger einzahlt, erhält im Alter mehr – ein Prinzip, das erhalten bleiben müsse.
Außerdem wird die Haushaltslage durch pauschale Freibeträge oft ungenau abgebildet – etwa bei Teilzeitkarrieren, Alleinstehenden oder Paarhaushalten mit ungleicher Einkommensverteilung.Der Boomer-Soli soll helfen, schafft aber neue Ungleichheiten. Der Vorschlag ist laut IW kaum geeignet, Altersarmut wirksam und zielgenau zu bekämpfen.
Eine zielgenaue Entlastung einkommensschwacher Rentner sei nur möglich, wenn die gesamte ökonomische Lage berücksichtigt werde – inklusive Vermögen. Der Boomer-Soli setzt aus Sicht des IW dagegen an der falschen Stelle an und droht, neue Ungleichheiten und Fehlverhalten zu erzeugen.
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