Psychische Erkrankungen belasten Arbeitsmarkt: Produktivitätsverluste steigen deutlich
Psychische Erkrankungen entwickeln sich zunehmend zu einem wirtschaftlichen Risikofaktor. Eine aktuelle Analyse zeigt, dass nicht kurzfristige Fehlzeiten, sondern langfristige Effekte auf die Erwerbsbeteiligung die größten Kosten verursachen.
Psychische Erkrankungen wirken sich in Deutschland zunehmend auf Arbeitsmarkt und Wirtschaft aus. Laut dem Bericht „The Value of Mental Health“ der Zurich Insurance Group könnten die jährlichen Produktivitätsverluste bis 2030 auf bis zu 120 Milliarden Euro steigen. Bereits im Jahr 2026 belaufen sich die wirtschaftlichen Verluste auf rund 87 Milliarden Euro – das entspricht 1,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Erwerbsbeteiligung als zentraler Faktor
Der größte Teil dieser Verluste entsteht nicht durch kurzfristige Fehlzeiten, sondern durch eine dauerhaft geringere Erwerbsbeteiligung. Während 78 Prozent der Menschen ohne psychische Erkrankung erwerbstätig sind, liegt die Quote bei Betroffenen bei lediglich 61 Prozent. Rund 80 Prozent der wirtschaftlichen Verluste gehen auf diese reduzierte Teilhabe am Arbeitsmarkt zurück.
Hohe Zahl Betroffener
Psychische Erkrankungen betreffen einen erheblichen Teil der Bevölkerung. „Inzwischen leben nahezu 13 Millionen Menschen, etwa 16 Prozent der Bevölkerung, mit einer psychischen Erkrankung“, sagt Heike Hommel, Chief Underwriting Officer Individual Life. „Mentale Gesundheit entscheidet darüber, ob Menschen langfristig am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben teilhaben können – oder den Anschluss verlieren.“
Fehlzeiten bleiben sichtbar – aber nicht entscheidend
Auch krankheitsbedingte Ausfälle spielen weiterhin eine Rolle. Beschäftigte nehmen durchschnittlich 2,5 zusätzliche Krankheitstage pro Jahr aufgrund psychischer Erkrankungen in Anspruch. Das summiert sich im Jahr 2026 auf rund 98 Millionen Fehltage und verursacht einen Produktionsausfall von mehr als 22 Milliarden Euro. Bis 2030 dürfte dieser Wert auf etwa 23 Milliarden Euro steigen. Allerdings bildet diese Zahl nur einen Teil der tatsächlichen Belastung ab. Nicht berücksichtigt ist der sogenannte Präsentismus – also eingeschränkte Leistungsfähigkeit trotz Anwesenheit am Arbeitsplatz.
Langfristige gesundheitliche Folgen
Neben den volkswirtschaftlichen Effekten sind auch die individuellen Auswirkungen erheblich. Betroffene verlieren im Durchschnitt bis zu 67 gesunde Lebenstage pro Jahr – ein im internationalen Vergleich hoher Wert. Zugleich zeigen sich geschlechtsspezifische Unterschiede: Frauen stellen einen größeren Anteil der Erkrankten, während Männer überproportional von Suiziden betroffen sind.
Versorgungssystem unter Druck
Deutschland verfügt zwar über ein im internationalen Vergleich leistungsfähiges Versorgungssystem, doch insbesondere im ambulanten Bereich nehmen die Belastungen zu. Verzögerungen beim Zugang zu Unterstützung können dazu führen, dass kurzfristige psychische Belastungen langfristige Auswirkungen auf die Erwerbsfähigkeit haben. „Je länger Menschen ohne passende Unterstützung bleiben, desto größer wird das Risiko eines dauerhaften Rückzugs aus dem Arbeitsleben“, so Hommel.
Frühzeitige Unterstützung als wirtschaftlicher Hebel
Der Bericht sieht insbesondere in frühzeitiger Unterstützung und besserer Verzahnung von Gesundheitsversorgung und Arbeitswelt zentrale Ansatzpunkte, um die wirtschaftlichen Folgen zu begrenzen. „Frühzeitige Unterstützung der betroffenen Menschen kommt nicht nur den Einzelnen zugute, sondern ihrem Umfeld, der Gesellschaft und der Wirtschaft insgesamt – sie ist damit eine Investition in nachhaltige Leistungsfähigkeit“, sagt Hommel.
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