Fachkräftemangel gefährdet zentrale Versorgungsbereiche in Deutschland

Veröffentlichung: 11.11.2025, 13:11 Uhr - Lesezeit 5 Minuten

In Deutschland bleiben hunderttausende Stellen unbesetzt. Das zeigt eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die die Fachkräftelücke erstmals differenziert nach Wirtschaftszweigen berechnet hat. Insgesamt konnten in den zehn am stärksten betroffenen Branchen mehr als 260.000 Stellen rechnerisch nicht mit qualifizierten Arbeitskräften besetzt werden.

(PDF)
cms.ntbrfadobe.stock

Gesundheitswesen mit über 46.000 unbesetzten Fachkräftestellen

Mit rund 46.000 unbesetzten Stellen ist der Fachkräftemangel im Gesundheitswesen am größten. Besonders betroffen sind:

  • Physiotherapeutinnen und -therapeuten: 11.979
  • Pflegekräfte: 7.174
  • Zahnmedizinische Fachangestellte: 6.778

Diese Engpässe wirken sich spürbar auf die medizinische Versorgung der Bevölkerung aus – etwa durch längere Wartezeiten und Überlastung im Pflegebereich.

Baugewerbe auf Platz zwei – Wohnungsbau unter Druck

Im Baugewerbe konnten rund 41.300 Stellen nicht besetzt werden. Der Mangel betrifft insbesondere:

  • Fachkräfte für Bauelektrik: 10.496
  • Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik: 8.648

Laut IW bremst der Engpass im Bauhandwerk unter anderem den dringend benötigten Wohnungsbau – eine zusätzliche Belastung für angespannten Immobilienmärkte.

Öffentliche Verwaltung und Soziales: Über 37.000 Stellen offen

Auch im Bereich öffentliche Verwaltung und soziale Dienstleistungen bleibt der Personalbedarf hoch. Mehr als 37.600 Stellen waren 2024 rechnerisch unbesetzt. Besonders betroffen:

  • Fachkräfte in der öffentlichen Verwaltung: 4.603
  • Fachkräfte für Kinderbetreuung: 4.451

Damit sind auch staatliche Versorgungsleistungen und Bildungsangebote zunehmend von Personalengpässen betroffen.

Industrie: Maschinenbau und Metallverarbeitung mit zehntausenden offenen Stellen

Neben den klassischen Dienstleistungssektoren ist auch die Industrie vom Fachkräftemangel betroffen. Beispielhaft:

  • Herstellung von Metallerzeugnissen: 18.500 offene Stellen
  • Maschinenbau: 18.000 offene Stellen

Der Mangel an Fachpersonal bedroht hier nicht nur Produktionsprozesse, sondern auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen.

Maßnahmen: Qualifizierung, Erwerbsbeteiligung, Zuwanderung

Um der Entwicklung entgegenzuwirken, schlägt das IW drei zentrale Hebel vor:

  1. Aus- und Weiterbildung von Beschäftigten ohne Berufsabschluss,
  2. Anreize für ein längeres Erwerbsleben, etwa durch flexiblere Rentenmodelle,
  3. Gezielte Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte aus dem Ausland.

Insbesondere im Pflege- und Baugewerbe könnte gezielte Einwanderung kurzfristig Entlastung bringen.

Ohne strukturelle Reformen drohen langfristige Versorgungsprobleme

Die neue IW-Analyse macht deutlich: Der Fachkräftemangel ist kein vorübergehendes Phänomen, sondern strukturell tief im deutschen Arbeitsmarkt verankert. Besonders kritisch ist die Lage in Bereichen, die für die Grundversorgung der Bevölkerung zentral sind – vom Gesundheitswesen über den Wohnungsbau bis hin zur Kinderbetreuung.

Gefragt sind nun gezielte politische Maßnahmen, die weit über kurzfristige Arbeitsmarktprogramme hinausgehen. Entscheidend wird sein, bislang ungenutzte Potenziale – etwa durch Qualifizierung, verlängerte Erwerbsbiografien und gesteuerte Zuwanderung – systematisch zu erschließen.

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Die Debatte um die abschlagsfreie Frührente gewinnt an Fahrt. Eine aktuelle DIW-Studie sieht Milliarden-Einsparpotenziale und zusätzliche Arbeitskräfte, falls Beschäftigte länger im Erwerbsleben bleiben.Die Debatte um die abschlagsfreie Frührente gewinnt an Fahrt. Eine aktuelle DIW-Studie sieht Milliarden-Einsparpotenziale und zusätzliche Arbeitskräfte, falls Beschäftigte länger im Erwerbsleben bleiben.Redaktion experten.de / KI-generiert
Studien

Frührente kostet Milliarden: Soll die Rente mit 63 abgeschafft werden?

Die abschlagsfreie Frührente gehört zu den beliebtesten Rentenarten in Deutschland. Doch eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung stellt die Regelung nun infrage. Die Autoren sehen ein Einsparpotenzial von 9,5 Milliarden Euro pro Rentnerjahrgang und verweisen zugleich auf zusätzliche Arbeitskräfte für den angespannten Arbeitsmarkt.
DALL-E
Studien

Fachkräftelücke wächst deutlich: Sozial- und Rentensysteme unter Druck

Eine aktuelle Trendfortschreibung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) warnt: Im Jahr 2028 könnten deutschlandweit 768.000 Fachkräfte fehlen – insbesondere in Berufen mit mittlerem Qualifikationsniveau. Die Studie beleuchtet auch die sozialpolitischen Implikationen, etwa mit Blick auf die gesetzliche Rentenversicherung.
Heike Hommel, Chief Underwriting Officer Individual Life bei Zurich Gruppe DeutschlandHeike Hommel, Chief Underwriting Officer Individual Life bei Zurich Gruppe DeutschlandZurich Gruppe Deutschland
Existenzvorsorge

Psychische Erkrankungen belasten Arbeitsmarkt: Produktivitätsverluste steigen deutlich

Psychische Erkrankungen entwickeln sich zunehmend zu einem wirtschaftlichen Risikofaktor. Eine aktuelle Analyse zeigt, dass nicht kurzfristige Fehlzeiten, sondern langfristige Effekte auf die Erwerbsbeteiligung die größten Kosten verursachen.
45 Euro kostet die Stunde – rund 20 Euro bleiben.45 Euro kostet die Stunde – rund 20 Euro bleiben.Experten Redaktion
Studien

Die deutsche Arbeitsstunde kostet 45 Euro

45 Euro kostet eine Arbeitsstunde in Deutschland – doch deutlich weniger kommt an. Was hinter den Kosten steckt und warum ihre Struktur entscheidend ist.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Nicht laut, aber immer noch relevant"
Ausgabe 05/26

"Nicht laut, aber immer noch relevant"

Wibke Becker - Generalbevollmächtigte & Leiterin Maklervertrieb - Continentale - Mannheimer - EUROPA
"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht