Altersvorsorgedepot: „Staat verzerrt Wettbewerb“

Veröffentlichung: 13.04.2026, 15:04 Uhr - Lesezeit 5 Minuten

Mit dem Altersvorsorgedepot will die Bundesregierung die private Vorsorge neu aufstellen. Doch während Versicherer vor einem staatlichen Markteingriff warnen, positionieren sich digitale Anbieter bereits mit konkreten Lösungen.

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Dr. Norbert Rollinger, 
Vorstandsvorsitzender der R+V Versicherung AGDr. Norbert Rollinger, Vorstandsvorsitzender der R+V Versicherung AGR+V Versicherung

Kritik aus der Versicherungswirtschaft

Die geplante Reform der privaten Altersvorsorge stößt in der Branche auf gemischte Reaktionen. Grundsätzlich wird das Ziel unterstützt, mehr Menschen den Zugang zu geförderter Vorsorge zu erleichtern. Gleichzeitig wächst die Kritik an der konkreten Ausgestaltung. „Mit den neuesten Plänen tut die Bundesregierung den Bürgerinnen und Bürgern keinen Gefallen. Aufgabe des Staates ist es, verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Dass er außerdem nun selbst auch als Akteur und damit als Konkurrent zu privaten Anbietern am Markt auftreten will, ist ein klarer Angriff auf die Marktwirtschaft und verzerrt den Wettbewerb“, so Norbert Rollinger, R+V-Vorstandsvorsitzender. Das hat Gewicht: Rollinger ist seit 2022 auch Präsident des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Aus Sicht der Versicherer besteht die Gefahr, dass staatlich definierte Standardprodukte den Wettbewerb verschieben. Gefordert werden daher gleiche Rahmenbedingungen, insbesondere bei Beratungsanforderungen und regulatorischen Vorgaben.
Auch bei der geplanten Frühstartrente sieht Rollinger Nachbesserungsbedarf. Die Beschränkung auf einzelne Jahrgänge bewertet er als verpasste Chance, breitere Bevölkerungsschichten frühzeitig in die Vorsorge einzubinden.

Reform bringt Bewegung in den Markt

Mit der Entscheidung des Bundestages, die Riester-Rente ab 2027 durch das Altersvorsorgedepot zu ersetzen, entsteht ein neuer Rahmen für die private Altersvorsorge. Kernpunkte sind ein standardisiertes Depot mit gedeckelten Kosten, ein vereinfachter Onlineabschluss sowie staatliche Förderungen. Für Kinderlose sind Zulagen von bis zu 540 Euro jährlich vorgesehen, für Familien zusätzliche Zuschläge pro Kind. Auch Selbstständige sollen künftig Zugang zu dem Modell erhalten. Damit verändert sich die Logik des Marktes: weg von komplexen Förderprodukten, hin zu standardisierten, digital zugänglichen Lösungen.

Plattformanbieter positionieren sich frühzeitig

Parallel zur politischen Debatte beginnen erste Anbieter, konkrete Lösungen für das neue System zu entwickeln. Die Geldanlage-Plattform growney GmbH setzt dabei auf ETF-basierte Portfolios in Kooperation mit Vanguard. Ziel ist es, Anlegern online eine passende Anlagestrategie bereitzustellen und zugleich die regulatorischen Anforderungen des Altersvorsorgedepots zu integrieren. „Schon jetzt sehen wir ein sehr großes Interesse“, sagt Thimm Blickensdorf, Geschäftsführer von growney. Die Plattform wolle sowohl Endkunden als auch Vertriebsorganisationen eine skalierbare Lösung bieten.

Auch bei Vanguard wird die Entwicklung als Teil eines größeren Trends gesehen. „Modellportfolios, insbesondere in Verbindung mit digitalen Anlagelösungen, haben in Deutschland eine starke Dynamik entwickelt. Dieser Trend wird sich weiter beschleunigen – gerade im Hinblick auf das Altersvorsorgedepot“, erklärt Moritz Schüßler, Head of Intermediated Retail Germany bei Vanguard.

Vertrieb und Beratung vor einem Strukturwandel

Die Reform dürfte nicht nur Produkte verändern, sondern auch den Vertrieb. Plattformlösungen, standardisierte Portfolios und automatisierte Prozesse gewinnen an Bedeutung. Für Makler und Vermittler bedeutet das eine Verschiebung der Rolle: von der klassischen Produktauswahl hin zur Einbindung digitaler Lösungen in den Beratungsprozess. Gleichzeitig entsteht ein Spannungsfeld zwischen regulatorischen Anforderungen, Kostendruck und dem Anspruch auf individuelle Beratung.

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