Riester wirkt nach: Altersvorsorgedepot startet mit Vertrauensproblem

Veröffentlichung: 09.07.2026, 09:07 Uhr - Lesezeit 7 Minuten

Das Altersvorsorgedepot soll ab Januar 2027 zu einer neuen Säule der privaten Altersvorsorge werden. Doch wenige Monate vor dem geplanten Start zeigt sich: Nicht die Kapitalmärkte bereiten vielen Menschen Sorgen, sondern die Erfahrungen mit der Riester-Rente und die Angst vor späteren politischen Eingriffen.

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„Viele Menschen verbinden staatlich geförderte Altersvorsorge noch immer mit dem Riester-Frust", sagt Saidi Sulilatu, Chefredakteur von Finanztip (Symbolbild).„Viele Menschen verbinden staatlich geförderte Altersvorsorge noch immer mit dem Riester-Frust", sagt Saidi Sulilatu, Chefredakteur von Finanztip (Symbolbild).Redaktion experten.de / KI-generiert

Mit dem Altersvorsorgedepot verbindet die Bundesregierung die Hoffnung, die private Altersvorsorge attraktiver zu machen. Im Unterschied zur Riester-Rente soll die neue Förderung stärker auf renditesträchtige Kapitalmarktanlagen setzen und damit langfristig höhere Erträge ermöglichen. Eine aktuelle repräsentative Civey-Umfrage im Auftrag des Geldratgebers Finanztip zeigt jedoch, dass das neue Produkt zunächst ein anderes Problem lösen muss: das Vertrauen der Verbraucher.

Viele kennen das neue Vorsorgemodell noch nicht

Nach der Befragung haben bislang lediglich 36 Prozent der Menschen vom Altersvorsorgedepot gehört. 57 Prozent kennen die neue Vorsorgeform nach eigenen Angaben noch nicht, weitere sieben Prozent sind sich unsicher. Doch selbst unter denjenigen, denen das Altersvorsorgedepot bereits bekannt ist, hält sich die Begeisterung in Grenzen. Lediglich 31 Prozent können sich derzeit vorstellen, es später auch zu nutzen. Die höchste Nutzungsbereitschaft findet sich zwar bei den 30- bis 39-Jährigen. Doch selbst in dieser Altersgruppe kann sich nicht einmal jeder Zweite, der das Altersvorsorgedepot kennt, einen Abschluss vorstellen.

Nicht Aktien schrecken ab

Bemerkenswert ist vor allem, woran die Vorbehalte festgemacht werden. Anders als häufig vermutet, stehen Risiken des Kapitalmarkts für viele Befragte nicht im Vordergrund. Lediglich 16 Prozent nennen die Schwankungen an den Aktienmärkten als wichtigsten Grund gegen eine Nutzung.
Deutlich häufiger sorgen sich die Menschen um die Verlässlichkeit staatlicher Rahmenbedingungen. 38 Prozent befürchten spätere politische Regeländerungen. Für 35 Prozent hat die Entwicklung der Riester-Rente das Vertrauen in staatlich geförderte Altersvorsorge geschwächt. Auch hohe Gebühren (33 Prozent) und mögliche steuerliche Belastungen (32 Prozent) werden häufig als Hindernisse genannt.

Für Saidi Sulilatu, Chefredakteur von Finanztip, zeigen die Ergebnisse deshalb vor allem eines: Nicht Aktien seien das eigentliche Vertrauensproblem, sondern die Erfahrungen mit früheren Reformen. Entscheidend werde sein, dass das Altersvorsorgedepot dauerhaft verlässlich, einfach und kostengünstig ausgestaltet werde. „Das Altersvorsorgedepot hat das Potenzial, die private Altersvorsorge in Deutschland deutlich zu verbessern. Damit daraus tatsächlich der versprochene Meilenstein wird, braucht es jetzt vor allem mehr Bekanntheit und langfristiges Vertrauen“, so Sulilatu.

Renditechancen sprechen für das neue Modell

Trotz der Vorbehalte sehen viele Befragte auch Chancen. 43 Prozent der potenziellen Nutzer halten Aktien-ETFs grundsätzlich für eine geeignete Form der Altersvorsorge. 41 Prozent nennen die staatliche Förderung als wichtiges Argument, 40 Prozent erwarten höhere Renditechancen als bei der Riester-Rente. Damit bestätigt die Umfrage einen Trend, der sich bereits seit Längerem abzeichnet: Kapitalmarktbasierte Altersvorsorge stößt zunehmend auf Akzeptanz. Entscheidend bleibt jedoch, ob das politische Umfeld dauerhaft Vertrauen schafft.

Wechsel aus der Riester-Rente könnte Schlüsselrolle spielen

Eine wichtige Bedeutung dürfte dabei dem Umgang mit bestehenden Riester-Verträgen zukommen. Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung wurden bereits mehr als fünf Millionen Riester-Verträge vorzeitig gekündigt. Hinzu kommt, dass nach Schätzungen des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales bis zu ein Viertel der bestehenden Verträge nicht mehr aktiv bespart wird.

Nach Auskunft des Bundesministeriums der Finanzen sollen vorhandene Riester-Guthaben grundsätzlich auf ein Altersvorsorgedepot übertragen werden können – allerdings nur als Geldbetrag. Ein direkter Übertrag von Wertpapieren soll lediglich unter bestimmten Voraussetzungen möglich sein.

Für Finanztip könnte gerade ein möglichst einfacher Wechsel für viele Riester-Sparer entscheidend werden. Gelingt es, den Umstieg unkompliziert zu gestalten und gleichzeitig dauerhaft stabile Rahmenbedingungen zu schaffen, könnte das Altersvorsorgedepot verlorenes Vertrauen zurückgewinnen. Andernfalls dürfte die neue Vorsorgeform zunächst gegen die Erfahrungen ihrer Vorgängerin ankämpfen müssen.

Civey hat für Finanztip vom 26. Mai bis 15. Juni 2026 online rund 5.000 Bundesbürgerinnen und Bundesbürger, zusätzlich 2.500 Personen, die schon einmal vom Altersvorsorgedepot gehört haben, sowie 1.000 Personen, die das Altersvorsorgedepot nutzen würden, befragt. Die Ergebnisse sind aufgrund von Quotierungen und Gewichtungen für die betrachteten Gruppen repräsentativ unter Berücksichtigung des statistischen Fehlers von 2,5 bis 6,5 Prozentpunkten (Gesamtergebnis).

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