Frührente und Vollzeitjob: Immer mehr Ruheständler nutzen die neue Freiheit
Seit Anfang 2023 dürfen Frührentner unbegrenzt hinzuverdienen. Eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt nun die Folgen: Immer mehr Menschen beziehen vorzeitig Rente und arbeiten gleichzeitig weiter.
Die Abschaffung der Hinzuverdienstgrenze für Frührentner sollte ursprünglich dazu beitragen, erfahrene Beschäftigte länger im Arbeitsleben zu halten. Tatsächlich scheint die Reform Wirkung zu zeigen – allerdings anders als von vielen erhofft. Eine aktuelle Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt, dass immer mehr Menschen die Möglichkeit nutzen, vorzeitig in Rente zu gehen und gleichzeitig weiterhin sozialversicherungspflichtig zu arbeiten.
Deutlich mehr Frührentner mit hohem Zusatzeinkommen
Besonders sichtbar wird die Entwicklung bei den sogenannten besonders langjährig Versicherten. Dabei handelt es sich um Menschen mit mindestens 45 Versicherungsjahren, die vorzeitig und ohne Rentenabschläge in den Ruhestand wechseln können. Der Anteil dieser Gruppe mit einem Hinzuverdienst oberhalb eines Minijobs stieg nach Wegfall der Hinzuverdienstgrenze von 18 Prozent im Jahr 2022 auf 25 Prozent im Jahr 2023.
Auch bei den langjährig Versicherten mit mindestens 35 Versicherungsjahren, die bereits ab 63 Jahren mit Abschlägen in Rente gehen können, zeigt sich ein ähnlicher Trend. Hier erhöhte sich der Anteil von acht auf 14 Prozent.
Renteneintritt verschiebt sich teilweise nach vorn
Die Forscher beobachten darüber hinaus eine weitere Entwicklung. Seit der Reform entscheiden sich mehr Menschen für einen vorzeitigen Renteneintritt mit Abschlägen. Der Anteil der langjährig Versicherten an allen Neurentnern stieg von 21,7 Prozent im Jahr 2020 auf 24 Prozent im Jahr 2024. Gleichzeitig sank das durchschnittliche Renteneintrittsalter innerhalb dieser Gruppe leicht. Die Daten deuten darauf hin, dass einige Beschäftigte bewusst einen früheren Rentenbeginn wählen und die Abschläge in Kauf nehmen, während sie parallel weiterarbeiten.
Neue Freiheit oder falscher Anreiz?
Für die Betroffenen kann dieses Modell durchaus attraktiv sein. Sie erhalten bereits Rentenzahlungen und erzielen zusätzlich weiterhin Erwerbseinkommen. Die Kombination verbessert kurzfristig die finanzielle Situation und ermöglicht häufig einen flexibleren Übergang in den Ruhestand. Aus Sicht der Rentenpolitik entsteht dadurch allerdings ein Spannungsfeld. Seit Jahren verfolgt die Politik das Ziel, die tatsächliche Lebensarbeitszeit zu verlängern. Hintergrund sind die alternde Gesellschaft und die steigenden Belastungen für die gesetzlichen Sicherungssysteme.
Experten sehen widersprüchliche Signale
„Die Regierung sendet gegensätzliche Signale an die Babyboomer: Zum einen erhöht sich bis 2031 die Regelaltersgrenze auf 67 Jahre. Zum anderen werden vorzeitige Renteneintritte für die Gemeinschaft teuer ermöglicht“, sagt IW-Arbeitsmarktökonomin Stefanie Seele. Aus Sicht der Autoren könnten Maßnahmen wie die Abschaffung der Hinzuverdienstgrenze oder die geplante Aktivrente zwar kurzfristig populär sein, die grundlegenden Herausforderungen der Alterssicherung aber nicht lösen.
Arbeitsmarkt profitiert nur teilweise
Für Unternehmen hat die Entwicklung zwei SeitenEinerseits bleiben erfahrene Fachkräfte dem Arbeitsmarkt erhalten. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels kann dies helfen, Wissen und Erfahrung länger im Unternehmen zu halten. Andererseits entsteht dadurch kein zusätzlicher Anreiz, länger bis zur regulären Altersgrenze beschäftigt zu bleiben. Stattdessen nutzen manche Beschäftigte die Möglichkeit, früher Rentenleistungen zu beziehen und parallel weiterzuarbeiten.
Die eigentliche Zielsetzung der Reform – den Renteneintritt insgesamt nach hinten zu verschieben – wird damit zumindest teilweise unterlaufen.
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