"Die Hälfte der Experten wird in den nächsten zehn Jahren in den Ruhestand gehen"

Der Transformationsdruck in der Versicherungsbranche steigt: Kostenexplosion, demografischer Wandel, wachsende regulatorische Anforderungen. Maxim Pertl und Christine Berthold-Poje von Clearwater Analytics erklären im Gespräch, warum Technologie dabei nicht nur ein Werkzeug, sondern auch zum entscheidenden Differenzierungsfaktor wird. Der Text erschien zuerst im expertenReport 10/25.

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Christine Berthold-Poje und Maxim Pertl von Clearwater AnalyticsChristine Berthold-Poje und Maxim Pertl von Clearwater Analytics

Der Versicherungsmarkt ist eine traditionelle Branche, die Veränderungen – nicht zuletzt aufgrund der hohen Komplexität des Versicherungsumfelds – eher konservativ gegenübersteht. Doch auch sie spürt den transformativen Druck: Kosten müssen reduziert werden, disruptive Technologien Einzug halten, Organisationen flexibler auf neue Risiken sowie Kapitalmarktbedingungen reagieren, und den spürbaren demografischen Entwicklungen soll begegnet werden. Bei der Transformation geht es daher nicht mehr um die Frage, ob sie stattfinden sollte, sondern um die Art und Weise, wie sie umgesetzt wird: Die Herausforderungen in der Assekuranz erfordern eine durchdachte Transformationsstrategie, die das Geschäftsmodell eines Unternehmens agiler, kosteneffizienter und widerstandsfähiger gestaltet. Um diesen Wandel zu vollziehen, sind Versicherer dazu angehalten, unterschiedliche Maßnahmen gleichzeitig umzusetzen – von denen „Technologie“ ein entscheidender Differenziator für die Zukunft der Unternehmen sein kann.

Viele Versicherer begeben sich jährlich mit Clearwater Analytics – einem Anbieter einer servicegestützten Investmentmanagement-Plattform – auf eine transformative Reise, um die Kapitalanlage ihres Unternehmens zukunftssicher aufzustellen. In Deutschland ist zuletzt die Versicherungskammer zu der Clearwater Community aus 700 Versicherungsunternehmen hinzugestoßen. Maxim Pertl und Christine Berthold-Poje von Clearwater Analytics verraten im Interview, wie Technologie das bestehende Betriebsmodell bei Versicherern nachhaltig verändert, indem ein neues „Target Operating Model“ eingeführt wird.

expertenReport: Welche konkreten Herausforderungen im Kapitalanlagemanagement bei Versicherern adressiert eine Kooperation mit Clearwater Analytics?

Maxim Pertl: Als globale Organisation werden wir weltweit immer wieder mit ähnlichen Herausforderungen und Risiken bei Versicherungsunternehmen konfrontiert: steigende Kundenerwartungen, Digitalisierungsdruck, makroökonomische Entwicklungen, interne Kapazitätsengpässe und ein zunehmender Kostendruck. Hinzu kommt, dass die Branche gleichzeitig einem massiven Wissensverlust durch den demografisch bedingten Rückzug von Mitarbeitern in den Ruhestand ausgesetzt ist und dass junge Nachwuchstalente nur schwer gewonnen werden können, da sie die Branche bei der Berufswahl oftmals nicht in Betracht ziehen.

Wir führen regelmäßig Assessment-Workshops bei Versicherern durch, um deren Betriebsabläufe, Systeme und Herausforderungen besser zu verstehen und auf Basis dieser Erkenntnisse kundenspezifische Target-Operating-Modelle zu formulieren. Hierbei werden wir mit Szenarien konfrontiert, in denen insbesondere im Mid- und Back-Office-Bereich zwischen 33 und 51 Prozent der Experten innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre in den Ruhestand gehen werden. Mit diesen dramatischen Veränderungen lassen sich die bestehenden Betriebsabläufe so nicht weiter betreiben. Es besteht somit Handlungsbedarf, um dem demografischen Wandel und dem damit einhergehenden Fachkräftemangel sowie den steigenden Erwartungen des Marktes gerecht zu werden.

In der Realität finden sich jedoch immer wieder komplexe, über die Zeit gewachsene und wenig standardisierte Geschäftsprozesse, eine aufgrund knapper Ressourcen angespannte Personalsituation sowie veraltete IT-Systeme mit zahlreichen manuellen Dateninputs, die eine schwierige Ausgangssituation darstellen, um den aktuellen Herausforderungen und Risiken zu begegnen. Wir sehen in der Kapitalanlage zwei weitere Faktoren, die diesen Ist-Zustand komplexer gestalten: die immer stärkere Einbindung von alternativen Investments in die Anlagestrategie sowie die sich stetig verändernden regulatorischen Anforderungen.

Hier setzen wir mit unserer servicegestützten Lösung an, um unsere Kunden bei der Realisierung ihrer Effizienz- und Digitalisierungsziele zu unterstützen, einen zukünftigen Fachkräftemangel abzufedern, mit den aufsichtsrechtlichen Entwicklungen Schritt zu halten und den Investmentprozess im Bereich der unter anderem alternativen Anlageklassen zu vereinfachen.

Welche Erfahrungen machen Versicherer mit dem Plattformansatz von Clearwater – und wie wirkt sich die neue Systemarchitektur auf die Effizienz eines Unternehmens aus?

Christine Berthold-Poje: Bei der Plattformlösung von Clearwater Analytics handelt es sich zunächst um eine cloud-native-Technologie. Im Gegensatz zu einem Lift-and-Shift-Ansatz – bei dem eine bestehende On-Premise-Lösung mit keinen oder minimalen Anpassungen in die Cloud „gehoben“ wird – werden hierbei alle Vorzüge des Cloud Computing in puncto Skalierbarkeit, Sicherheit, Automation, Performance und Kostenkontrolle für ein Versicherungsunternehmen ausgeschöpft.

Des Weiteren basiert die Lösung auf einer „Single Instance Multi Tenant“-Systemarchitektur: In diesem System greifen alle Kunden auf eine einzige Instanz der Cloud-Lösung zu, während ihre Daten und Konfigurationen isoliert und voneinander getrennt bleiben. Neue Funktionen, Updates und regulatorische Anforderungen werden zentral zur Verfügung gestellt, sodass alle Kunden gleichzeitig davon profitieren.

Wir führen über das Jahr Hunderte von Updates durch, letztes Jahr waren es über 1.200, ohne dass unsere Kunden davon beeinträchtigt werden oder zusätzliche Kostenaufwände haben. Für die meisten unserer Kunden bedeutet dies, dass nach der Entscheidung für die Clearwater-Analytics-Plattform nie wieder Migrationsprojekte nötig sind, wie man sie beispielsweise in der Legacy-System-Welt iterativ durchführen muss. Versicherer können sich somit wieder auf ihre Kernfunktionen fokussieren und sicherstellen, dass sie mit den dynamischen Entwicklungen hinsichtlich der aufsichtsrechtlichen Anforderungen Schritt halten.

Wie verändert die Einführung eines Cloud-basierten Systems die betriebliche Praxis eines Versicherers – etwa in puncto Datenqualität?

Maxim Pertl: Versicherungsunternehmen müssen den Wandel von historisch gewachsenen, heterogenen Systemlandschaften und den damit einhergehenden Datensilos zu einer integrierten Datenbasis vollziehen. Dies ist der Grundstein, auf dem die nächsten wertschöpfenden Schritte aufbauen, über die operativer und strategischer Mehrwert für die Kapitalanlage – und darüber hinaus – generiert werden kann. Mit unserem Lösungsansatz helfen wir Versicherungsunternehmen, diesen transformativen Weg zu gehen. Das Endergebnis ist eine standardisierte Plattform, die alle Anlageklassen zentral zusammenführt.

Mit Tausenden von Datenanbindungen zu Depotbanken, Anlageverwaltern, Brokern, Auftragsverwaltungssystemen und externen Anbietern von Wertpapierstammdaten rufen wir kontinuierlich die für die Kapitalanlage relevanten Daten automatisch ab und gleichen das gesamte Kundenportfolio – über alle Anlageklassen hinweg – mit dem der Drittanbieter ab.

Christine Berthold-Poje: Bei historisch gewachsenen Systemen werden Daten oftmals nur für einen Monats- oder Quartalsbericht aufbereitet und bereitgestellt. Bei Clearwater Analytics ist dies ein täglicher Prozess, den wir als „Soft Close“ titulieren. Hierbei kommt neben modernster Technologie auch ein skalierbarer Service zum Einsatz. Dies bedeutet im Klartext, dass wir über ein globales Team von über 800 Datenspezialisten – das in den jeweiligen Zeitzonen unserer Kunden arbeitet – für Datenbereinigung und -abgleich verfügen. Fehlerhafte Daten werden identifiziert, bereinigt und das korrigierte Ergebnis wird über die Plattform in Echtzeit an alle relevanten Kunden bereitgestellt. Dadurch heben wir Skaleneffekte, welche wir an die Versicherer weitergeben.

In puncto Datenverfügbarkeit und -qualität ändert dieser Prozess nicht nur fundamental die nachgelagerten Funktionen, wie beispielsweise eine Optimierung von Risikomanagement, internes sowie regulatorisches Reporting, Benchmarks, (Performance-)Analysen, ein besseres Management der Gesamtexposure und den Einsatz von spezialisierter Artificial Intelligence, sondern er entlastet auch die angespannte Personalsituation innerhalb der Organisation.

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