„Die Pflegeversicherung war als Teilkasko gedacht – heute wird sie wie eine Vollkasko beansprucht“

Veröffentlichung: 23.06.2025, 14:06 Uhr - Lesezeit 6 Minuten

Wie lässt sich eine zukunftsfähige Altersvorsorge gestalten, die auch den wachsenden Pflegebedarf berücksichtigt? Diese Frage stand im Zentrum der Jahrestagung der DAV und DGVFM. Der Rückblick im Verbandsmagazin Aktuar zeigt: An klaren Analysen mangelt es nicht.

(PDF)
Die Altersvorsorge in Deutschland steht unter Reformdruck – das wurde auf der Jahrestagung der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) und der Deutschen Gesellschaft für Versicherungs- und Finanzmathematik (DGVFM) einmal mehr deutlich (Symbolbild).Die Altersvorsorge in Deutschland steht unter Reformdruck – das wurde auf der Jahrestagung der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) und der Deutschen Gesellschaft für Versicherungs- und Finanzmathematik (DGVFM) einmal mehr deutlich (Symbolbild).DALL-E

Die Altersvorsorge in Deutschland steht unter Reformdruck – das wurde auf der Jahrestagung der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) und der Deutschen Gesellschaft für Versicherungs- und Finanzmathematik (DGVFM) am 28. April 2025 in Bonn einmal mehr deutlich. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand eine prominent besetzte Podiumsdiskussion zur Zukunft von Renten- und Pflegefinanzierung. Der Veranstaltungsrückblick ist in der Juni-Ausgabe des DAV-Verbandsmagazins Aktuar erschienen – mit eindrücklichen Zitaten und klaren Positionen zur sozialpolitischen Agenda.

Den Auftakt machte Dr. Lewe Bahnsen vom Wissenschaftlichen Institut der Privaten Krankenversicherung mit einer Analyse der demografischen Herausforderungen. Die anschließende Diskussion unter der Moderation von Corinna Egerer machte deutlich, dass die Probleme seit Jahren bekannt sind – und gerade das frustriert viele Beteiligte.
„Die Überalterung der Bevölkerung, wir kennen sie seit vielen Jahren. Die Zahlen, Daten, Fakten stehen fest. Und das ist auch gleichzeitig das Frustrierende“, erklärte DAV-Vorständin Wiltrud Pekarek.

Mehr Kapitaldeckung, aber sozial ausgewogen

Einigkeit bestand darin, dass kapitalgedeckte Modelle künftig eine größere Rolle spielen müssen. DAV-Vorstand Dr. Maximilian Happacher betonte: Entscheidend sei nicht die Herkunft des Geldes, sondern ein stabiles Einkommen im Alter. Gleichzeitig brauche es ehrliche Kommunikation: Kapitalaufbau bedeute Konsumverzicht heute – und das sei nicht allen möglich. Pekarek sprach sich für eine sozial ausgewogene Mischung aus Umlage und Kapitaldeckung aus, auch betriebliche Modelle sollten gestärkt werden.

Constantin Papaspyratos, Chefökonom des Bunds der Versicherten, plädierte für eine verpflichtende kapitalgedeckte Pflegeversicherung für stationäre Versorgung, während ambulante Leistungen privat abgesichert werden könnten. Klar sei: Geld sei entscheidend – aber nicht allein ausreichend.

Pflege: Wer übernimmt in Zukunft die Verantwortung?

Happacher sprach von einer „demografischen Gnadenfrist“: Die Babyboomer seien noch nicht pflegebedürftig – Reformen, die heute beschlossen würden, könnten langfristig wirken. Doch wer übernimmt die Pflege?
Dr. Laura Romeu Gordo vom Deutschen Zentrum für Altersfragen verwies auf die familiäre Verantwortung, die insbesondere Frauen trügen. Eine faire Verteilung der Lasten müsse strukturell gesichert sein. Auch Pekarek warb dafür, das Potenzial fitter Senioren stärker einzubinden – etwa im Ehrenamt oder im Erwerbsleben. Gleichzeitig müsse anerkannt werden, dass Eigenverantwortung Grenzen habe: „Die Pflegeversicherung war als Teilkasko gedacht – heute wird sie wie eine Vollkasko beansprucht.“

Generationenfairness und Systemvertrauen

Die Debatte zeigte auch: Generationengerechtigkeit wird zunehmend zum Streitpunkt. Happacher forderte, Vermögen in der Gesellschaft stärker zur Finanzierung zu nutzen – nicht immer nur die junge Generation zu belasten. Romeu Gordo betonte, dass auch die Wohnkosten im Alter eine Rolle spielten: Im Schnitt flössen 40 Prozent des Ruhestandseinkommens in Miete oder Eigentumserhalt.

Papaspyratos forderte, die Pflegeversicherung an moderne Erwerbs- und Familienstrukturen anzupassen – etwa angesichts der höheren Frauenerwerbsquote. CDU-Landtagsabgeordneter Marco Schmitz machte deutlich: Vertrauen in das System entstehe durch nachvollziehbare Reformen – und durch Bürokratieabbau. Digitalisierung und KI könnten zur Entlastung beitragen, so Pekarek.

Forderungen an die Politik: Mut zu Reformen

Am Ende der Diskussion formulierten die Teilnehmer*innen konkrete Wünsche: Happacher forderte lebenslange, würdewahrende Absicherung. Romeu Gordo betonte soziale Ausgewogenheit. Pekarek warb für mehr private Vorsorge. Und Schmitz brachte es auf den Punkt: Die nächste Bundesregierung brauche den Mut, echte Reformen anzustoßen.

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Florian Reuther, Direktor des Verbandes der Privaten KrankenversicherungFlorian Reuther, Direktor des Verbandes der Privaten KrankenversicherungPKV-Verband
Pflege & Gesetz

Pflegereform: Zukunftspakt Pflege droht zentrales Ziel zu verfehlen

Die Zwischenergebnisse des „Zukunftspakt Pflege“ stoßen beim PKV-Verband auf Kritik. Direktor Florian Reuther warnt, die Reformkommission laufe Gefahr, ihr eigentliches Ziel – eine nachhaltige Finanzierung der Pflegeversicherung – zu verfehlen. Statt tragfähiger Lösungen drohten neue Ausgabenprogramme ohne solide Grundlage.
Die Rente steht unter Druck – Reformen sind nötig, reichen aber allein nicht aus.Die Rente steht unter Druck – Reformen sind nötig, reichen aber allein nicht aus.Adobe
Fürs Alter

Mathematisch schwer – politisch notwendig: Warum die Rentenreform keine Garantie, aber eine Voraussetzung ist

Die deutsche Rentenversicherung steht vor einer historischen Belastungsprobe. Längeres Arbeiten und mehr private Vorsorge sollen das System retten – doch die mathematische Realität spricht eine andere Sprache. Warum Reformen zwar notwendig, aber keine Garantie für Stabilität sind.
Die junge Generation wird massive Beitragslasten zu schultern haben.Die junge Generation wird massive Beitragslasten zu schultern haben.DALL-E
Studien

Umlagesystem unter Druck: Studie warnt vor massiver Beitragslast für junge Generationen

Die demografische Entwicklung wird das umlagefinanzierte System der Sozialversicherungen in Deutschland in den kommenden Jahrzehnten finanziell überfordern, zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Wissenschaftlichen Instituts der PKV (WIP).
Plansecur-Geschäftsführer Heiko HauserPlansecur-Geschäftsführer Heiko HauserPlansecur
Fürs Alter

Plansecur zur Rente: Koalitionsvertrag ohne Kurswechsel bei Eigenvorsorge

Der Koalitionsvertrag zur Rente bringt Licht und Schatten: Während Frühstart- und Aktivrente positiv bewertet werden, kritisiert Plansecur das Ausbleiben eines echten Kurswechsels. Eine stärkere kapitalgedeckte Vorsorge sei weiter nicht in Sicht – und damit die langfristige Stabilität des Rentensystems gefährdet.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht