Bundesrepublik zählt zu den Top-Destinationen ausländischer Akademiker

Veröffentlichung: 20.10.2021, 16:10 Uhr - Lesezeit 7 Minuten

Die Bundesrepublik gehört neben Kanada zu den Top-Destinationen für internationale Talente. Besonders die oft problematische Integration verhindert jedoch die Migration hochqualifizierter Fachkräfte aus dem Ausland.

(PDF)
Location Germany. Green pin on the map.Location Germany. Green pin on the map.Zerophoto – stock.adobe.com

In Deutschland bewerten Unternehmen laut eines Berichts von Weser-Ems-Wirtschaft.de den Fachkräftemangel noch vor den steigenden Rohstoff- und Energiekosten als größtes Risiko. Die seit Jahren andauernde Diskussion über die Einwanderungspolitik wird deshalb auch die kommende Bundesregierung beschäftigen. Ein Report der Boston Consulting Group (BCG) zeigt nun überraschend, dass die Bundesrepublik schon jetzt zu den beliebtesten Zielen gut ausgebildeter Migranten gehört.

Als Datenbasis konnten die Autoren auf die Studienreihe „Decoding Global Talent“, in der die Unternehmens- und Strategieberatungen mehr als 200.000 Menschen aus 190.000 Länder befragt hat. Bewertet haben die Analysten der BCG sowohl die Zugänglichkeit als auch die Standortattraktivität vieler Länder.

Deutschland bei Zugänglichkeit führend

Der Punkt Zugänglichkeit bewertet dabei die Vergabe von Arbeitsvisa. Analysiert haben die Ökonom Johann Harnoss und seiner Kollegin Anna Schwarz die Situation in den zehn Ländern mit der höchsten Einwanderung sowie in Japan und Indien. Berücksichtigt wurden dabei verschiedene gesetzliche Aspekte, etwa ob ein Land eine Obergrenze für Arbeitsvisa hat und ob bereits für den Antrag ein Arbeitsvertrag vorgelegt werden muss.

Dies ist unter anderem in den USA der Fall. In Deutschland müssen Bewerber für die Vergabe eines Arbeitsvisums hingegen lediglich nachweisen, dass sie einen Job suchen. Insgesamt liegt Deutschland bei der Zugänglichkeit des Arbeitsmarktes für ausländische Fachkräfte damit auf dem ersten Platz. Harnoss konstatiert:

Grundsätzlich ist Deutschland bereits viel offener als viele denken.

Dies betrifft besonders hochqualifizierte Personen, für die Deutschland global das offenste Land ist.

Kanada, USA und Australien bei Standortattraktivität vor Deutschland

Bei der letzten Befragung im Jahr 2018 konnte Deutschland auch bei der Standortattraktivität einen hervorragenden zweiten Platz erreichen. Inzwischen liegt Deutschland in diesem Punkt hinter Kanada, den USA und Australien nur noch auf dem vierten Rang.

Wenn man beide Faktoren addiert, ist Deutschland neben Kanada aber noch immer das beste Ziel für internationale Talente. Gemeint sind damit Personen, die mindestens einen Bachelor-Abschluss haben und die mindestens ein Jahresgehalt von 60.000 Euro (netto) erzielen können.

Arbeitsvisa nur für die Führungsebene?

Betrachtet man die Ergebnisse der Befragung, entsteht die Frage, wieso in Deutschland trotz der guten Bedingungen für hochqualifizierte Migranten ein Fachkräftemangel herrscht.

Die Wissenschaftlerin Christina Hoon von der Universität Bielefeld geht sogar einen Schritt weiter und vertritt die Ansicht, dass der in öffentlichen Debatten stets beschworen Fachkräftemangel gar nicht existiert.

Einige Unternehmen seien gut darin, den Top-Leuten Visa zu besorgen, so Hoon. Problematisch wird es hingegen für Akademiker, die weiter unten in der Hierarchie der Unternehmen benötigt werden.

Deutschland benötigt mehr Fachkräfte

Im Anbetracht der demografischen Entwicklung der deutschen Gesellschaft, wird es deutlich, dass der Bedarf der Wirtschaft an ausländischen Fachkräften in den kommenden Jahrzehnten deutlich zunehmen wird. Harnoss dazu:

Ich glaube, Deutschland ist grundsätzlich auf einem guten Weg. Wenn man sich aber die Zahlen anschaut, wird dieser Weg einfach viel zu langsam begangen.

In den vergangenen Jahren sind etwa 40.000 Arbeitskräfte aus Drittstaaten, also Ländern außerhalb der Europäischen Union (EU), nach Deutschland gekommen.

Dies reicht laut des Ökonomen aber bei weitem nicht aus. Auch eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) kam zu dem Ergebnis, dass Deutschland deutlich mehr gut ausgebildete Migranten braucht. Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit Detlef Scheele beziffert das Defizit:

Wir brauchen 400.000 Zuwanderer pro Jahr. Also deutlich mehr als in den vergangenen Jahren. Von der Pflege über Klimatechniker bis zu Logistikern und Akademikerinnen: Es werden überall Fachkräfte fehlen.

Integration in Deutschland problematisch

Zentrale Faktoren, die den Zuzug von ausländischen Fachkräften in Deutschland hemmen, sind die Sprache und die Integration. Maike Andresen, Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Bamberg weiß, dass beim Recruiting immer noch abgefragt werde, ob ein Bewerber deutsch spreche oder nicht.

Laut der Expertin für Personalmanagement könnten Unternehmen für Top-Talente aus dem Ausland deutlich attraktiver werden, wenn sie auch Englisch als Arbeitssprache zuließen. Außerdem würde dies die Produktivität der neuen Mitarbeiter erhöhen. Andresen erklärt:

Wenn mich die Sprache stresst, kann ich mich nicht auf meine berufliche Performance konzentrieren.

Christina Hoon aus Bielefeld beleuchtet einen weiteren Aspekt. Die Wissenschaftlerin ist der Ansicht, dass viele Unternehmen noch immer Probleme mit kultureller Vielfalt haben. Dies bestätigt auch Johann Harnoss, der als Unternehmensberater zahlreiche Einblicke zu diesem Aspekt erlangen konnte: „Ich glaube, in Deutschland gibt es manchmal noch Vorbehalte gegenüber Menschen aus muslimischen Ländern.“

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Anzugtraeger-Laptop-563258921-AS-peopleimages-comAnzugtraeger-Laptop-563258921-AS-peopleimages-compeopleimages.com – stock.adobe.com
International

Deutschland fällt beim Wettbewerb um Top-Talente zurück

Deutschland ist bei hochqualifizierten Fachkräften aus dem Ausland in den vergangenen drei Jahren in der Beliebtheit vom 12. Platz (2019) auf den 15. Platz zurückgefallen. Es besteht großer Handlungsbedarf bei der Visaerteilung, Digitalisierung, Einbürgerung oder im Umgang mit Vielfalt.
Erfahrung wird zur strategischen Ressource: Versicherer investieren verstärkt in die interne Entwicklung eigener Spezialisten.Erfahrung wird zur strategischen Ressource: Versicherer investieren verstärkt in die interne Entwicklung eigener Spezialisten.Redaktion experten.de / KI-generiert
Chefsache

Fachkräftemangel: Versicherer entwickeln Spezialisten zunehmend im eigenen Haus

Neue Fachkräfte zu gewinnen, wird für Versicherungsunternehmen immer schwieriger. Gleichzeitig steigen die Anforderungen in Bereichen wie Underwriting, Schadenmanagement oder betriebliche Altersversorgung. Immer mehr Unternehmen setzen deshalb darauf, fehlende Expertise nicht ausschließlich einzukaufen, sondern gezielt im eigenen Haus aufzubauen.
Unternehmen erweitern ihre Benefit-Strategien: Statt standardisierter Zusatzleistungen gewinnen flexible Angebote wie Zeitwertkonten oder alternative Mobilitätsmodelle im Wettbewerb um Fachkräfte an Bedeutung.Unternehmen erweitern ihre Benefit-Strategien: Statt standardisierter Zusatzleistungen gewinnen flexible Angebote wie Zeitwertkonten oder alternative Mobilitätsmodelle im Wettbewerb um Fachkräfte an Bedeutung.Redaktion experten.de / KI-generiert
Chefsache

Der neue Wettbewerb um Lebenszeit

Zeitwertkonten, Mobilitätsbudgets und Wahlleistungen haben auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun. Tatsächlich stehen sie für denselben Wandel: Arbeitgeber konkurrieren zunehmend um die Lebensgestaltung ihrer Beschäftigten.
Mit dem Ausscheiden vieler erfahrener Beschäftigter gewinnt Wissensmanagement für Versicherer an strategischer Bedeutung.Mit dem Ausscheiden vieler erfahrener Beschäftigter gewinnt Wissensmanagement für Versicherer an strategischer Bedeutung.Redaktion experten.de / KI-generiert
Assekuranz

Wenn das Erfahrungswissen in Rente geht: Versicherer kämpfen gegen den drohenden Wissensverlust

Tausende Beschäftigte der Versicherungswirtschaft stehen kurz vor dem Ruhestand. Gleichzeitig fehlen Nachwuchskräfte und viele traditionelle Lernwege verschwinden durch Automatisierung. Branchenexperten warnen deshalb vor einem oft unterschätzten Risiko: dem Verlust von Erfahrungswissen.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"
Ausgabe 07/26

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"

Klaus Liebig und Robert Schmidt, Geschäftsführer der vfm Gruppe
"Nicht laut, aber immer noch relevant"
Ausgabe 05/26

"Nicht laut, aber immer noch relevant"

Wibke Becker - Generalbevollmächtigte & Leiterin Maklervertrieb - Continentale - Mannheimer - EUROPA
"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht