ING startet Altersvorsorge-Depot: Der Wettbewerb um die private Rente beginnt beim Preis
Mit einem staatlich geförderten Altersvorsorge-Depot, das ohne Depotführungs- und Ordergebühren auskommen soll, setzt die ING einen bemerkenswerten Preismaßstab. Ab Januar 2027 will die Direktbank zwei Modelle anbieten, bei denen die laufenden Produktkosten bereits bei 0,03 Prozent beginnen. Damit könnte sich nicht nur die private Altersvorsorge verändern, sondern auch die Frage, welchen Preis Verbraucher künftig für Finanzprodukte und Beratung zu zahlen bereit sind.
Altersvorsorge kostet Geld. Nicht nur das, was Monat für Monat zurückgelegt werden muss, sondern auch das, was Banken, Versicherer und Fondsgesellschaften für die Verwaltung des angesparten Vermögens verlangen. Über drei oder vier Jahrzehnte können daraus erhebliche Beträge werden, die dem späteren Ruhestand nicht mehr zur Verfügung stehen. Die ING Deutschland will genau an dieser Stelle ansetzen und kündigte am 26. Oktober 2026 zwei Varianten eines staatlich geförderten Altersvorsorge-Depots an, die ab dem 1. Januar 2027 angeboten werden sollen.
Depotführungsgebühren, Orderkosten oder Gebühren für Sparplanausführungen sieht das angekündigte Modell nicht vor. Auch Einmalzahlungen und Umschichtungen sollen kostenfrei bleiben. Übrig bleiben die laufenden Kosten der gewählten Anlageprodukte.
Das klingt zunächst nach einer gewöhnlichen Konditionenentscheidung einer Direktbank. Für einen Markt, in dem Abschlusskosten, Verwaltungskosten und Vergütungsmodelle über Jahrzehnte die Wirtschaftlichkeit der Altersvorsorge mitbestimmen, könnte die Ankündigung allerdings weitreichendere Folgen haben.
Zwei Depots und eine grundsätzliche Entscheidung
Die ING unterscheidet zwischen dem Altersvorsorge-Depot Aktiv und dem Altersvorsorge-Depot Relax.
Im Aktiv-Depot können Anleger aus mehr als 1.000 ETFs sowie weiteren Fonds auswählen und ihre Geldanlage selbst zusammenstellen. Die laufenden Produktkosten beginnen bei 0,03 Prozent jährlich, wobei dieser Wert lediglich den günstigsten angebotenen Produkten entspricht.
Das Relax-Depot richtet sich dagegen an Menschen, die ihre Anlageentscheidung nicht vollständig selbst treffen möchten. Hier bestimmen die Kunden ihre gewünschte Aktien-Anleihen-Quote, während die Anlage über zwei weltweit diversifizierte, aktiv verwaltete ETFs erfolgt. Die laufenden Produktkosten beziffert die ING auf insgesamt 0,20 Prozent jährlich.
Beide Modelle lassen sich digital eröffnen, die monatliche Sparrate beginnt bei zehn Euro und kann verändert oder durch Einmalzahlungen ergänzt werden.
Die Bank unterscheidet damit nicht nach dem verfügbaren Einkommen, sondern nach dem Wunsch, sich selbst mit der Kapitalanlage zu beschäftigen. Das ist insofern bemerkenswert, als die Komplexität einer Anlageentscheidung nicht zwangsläufig mit der Höhe des angesparten Vermögens zunimmt oder abnimmt.
Die staatliche Förderung macht den Einstieg leichter
Neben den niedrigen Kosten setzt die ING auf die angekündigte staatliche Förderung. Für die ersten 360 Euro jährlichen Eigenbeitrag sollen Sparer eine Zulage von 50 Cent je eingezahltem Euro erhalten. Für weitere Einzahlungen bis zu insgesamt 1.800 Euro jährlich sind 25 Cent je Euro vorgesehen.
Wer monatlich 150 Euro einzahlt, erreicht damit nach den von der ING genannten Fördersätzen die maximale jährliche Grundzulage von 540 Euro. Zusammen mit dem Eigenbeitrag fließen somit 2.340 Euro in die Altersvorsorge. Hinzukommen können Kinderzulagen von bis zu 300 Euro je Kind und ein einmaliger Berufseinsteigerbonus von 200 Euro.
Auch steuerlich soll die Ansparphase begünstigt werden. Kursgewinne, Dividenden und Zinsen bleiben während dieser Zeit steuerfrei, die Besteuerung erfolgt grundsätzlich erst bei der Auszahlung.
Allerdings darf die staatliche Förderung nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine Kapitalmarktanlage Schwankungen unterliegt. Wer über Jahrzehnte spart, kann solche Schwankungen anders bewerten als jemand, der kurz vor dem Ruhestand steht. Niedrige Kosten verbessern die Voraussetzungen für den Vermögensaufbau, ersetzen aber weder eine angemessene Risikoverteilung noch die Planung der späteren Auszahlungen.
Wenn aus einem Prozent ein erheblicher Betrag wird
Wie wichtig die laufenden Kosten sind, zeigt bereits eine einfache Rechnung. Bei einem angesparten Vermögen von 100.000 Euro entsprechen jährliche Produktkosten von 0,20 Prozent einem Betrag von 200 Euro. Bei einem Prozent wären es 1.000 Euro.
Die Differenz von 800 Euro mag im Verhältnis zum gesamten Vermögen zunächst überschaubar erscheinen. Über Jahrzehnte betrachtet fehlt dieses Geld jedoch nicht nur auf dem Konto, sondern auch bei der möglichen Wiederanlage und damit beim weiteren Vermögensaufbau.
Natürlich lassen sich unterschiedliche Vorsorgeprodukte nicht allein anhand ihrer Gebühren vergleichen. Eine Versicherung, die Garantien übernimmt, biometrische Risiken absichert oder eine lebenslange Rentenzahlung zusagt, erbringt andere Leistungen als ein Wertpapierdepot. Diese Leistungen verursachen Kosten und besitzen für Versicherte einen eigenständigen Wert.
Dennoch wird die Versicherungswirtschaft erklären müssen, wofür ihre Kunden bezahlen und welchen Nutzen sie dafür erhalten. Je transparenter und günstiger die reine Kapitalanlage angeboten wird, desto deutlicher tritt der wirtschaftliche Wert zusätzlicher Leistungen hervor.
Für Vermittler verändert sich die Aufgabe
Mit dem neuen Depotangebot könnte sich auch die Bedeutung der Beratung verschieben. Denn die Auswahl eines kostengünstigen Fonds ist noch keine vollständige Altersvorsorgeplanung.
Wie viel Einkommen im Ruhestand tatsächlich benötigt wird, welche Risiken getragen werden können, wie bestehende Ansprüche einzubeziehen sind und wie aus einem angesparten Vermögen später regelmäßige Zahlungen entstehen, bleibt eine individuelle Entscheidung.
Hier liegt weiterhin eine wesentliche Aufgabe qualifizierter Vermittler und Berater. Allerdings wird sich ihr Wert zunehmend daran messen lassen müssen, welche zusätzliche Sicherheit und Orientierung sie schaffen und nicht allein daran, welches Produkt am Ende abgeschlossen wird.
Dass die ING ihr Angebot mit Webinaren, Podcasts, Videos und einer digitalen Wissensbibliothek begleiten will, zeigt zugleich, wie ernst die Bank die eigenständige Entscheidung ihrer Kunden nimmt. Finanzbildung wird damit auch zu einem Bestandteil des Wettbewerbs.
Riester-Bestände könnten in Bewegung geraten
Für bestehende Riester-Verträge plant die ING im Laufe des Jahres 2027 einen digitalen Wechselservice. Kunden sollen das neue Altersvorsorge-Depot bereits zum Marktstart eröffnen und ihren bisherigen Vertrag später übertragen können.
Ob daraus tatsächlich eine größere Wechselbewegung entsteht, lässt sich derzeit nicht beurteilen. Bestehende Garantien, individuelle Vertragsbedingungen und die gesetzlichen Voraussetzungen einer Übertragung müssen berücksichtigt werden. Gerade bei älteren Verträgen kann ein Wechsel wirtschaftlich weniger attraktiv sein, als ein Vergleich der laufenden Kosten zunächst vermuten lässt.
Für die Anbieter bestehender Vorsorgeverträge entsteht dennoch eine neue Wettbewerbssituation. Sie müssen nicht nur neue Kunden gewinnen, sondern möglicherweise auch erklären, weshalb bereits abgeschlossene Verträge weiterhin sinnvoll sind.
Die ING selbst bringt dafür eine erhebliche Kundenbasis mit. Nach eigenen Angaben hat sich die Zahl ihrer aktiven ETF-Anleger seit 2022 von 629.000 auf 1,3 Millionen mehr als verdoppelt. Die Bank trifft mit ihrem neuen Angebot somit auf Kunden, für die Wertpapiersparpläne längst kein unbekanntes Instrument mehr sind.
Die eigentliche Herausforderung liegt jenseits der Gebühren
Eine günstige Altersvorsorge ist zweifellos ein Fortschritt, sofern die versprochenen Konditionen langfristig Bestand haben und die Anlage zur individuellen Lebenssituation passt. Doch die entscheidende Frage reicht weiter.
Menschen mit ausreichendem Einkommen können von niedrigen Kosten und staatlichen Zulagen profitieren. Wer dagegen kaum finanziellen Spielraum besitzt, wird auch mit einer Mindestsparrate von zehn Euro keine auskömmliche zusätzliche Altersversorgung aufbauen können. Die Förderung erleichtert das Sparen, sie schafft aber nicht automatisch das dafür notwendige Einkommen.
Das Altersvorsorge-Depot der ING zeigt deshalb zwei Entwicklungen zugleich: Die Kapitalanlage für den Ruhestand könnte einfacher und günstiger werden, während die Verantwortung für Anlageentscheidungen stärker beim Einzelnen liegt.
Für Banken und Versicherer beginnt damit ein Wettbewerb, in dem niedrige Gebühren eine wichtige Rolle spielen werden. Ob daraus für die Menschen tatsächlich mehr finanzielle Sicherheit im Alter entsteht, entscheidet sich allerdings erst dort, wo aus dem angesparten Kapital ein Einkommen werden muss, das möglichst bis zum Lebensende reicht.
Quelle: ING Deutschland
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