Arbeitsschutz beginnt in der Ausbildung – doch an Hochschulen bleibt Prävention lückenhaft
Die berufliche Ausbildung vermittelt Sicherheit und Gesundheit deutlich systematischer als das Studium. Das zeigt das DGUV Barometer Bildungswelt 2026. Gleichzeitig steigen die gemeldeten Arbeitsunfälle von Auszubildenden. Die Ergebnisse offenbaren eine zentrale Herausforderung: Prävention ist vielerorts organisatorisch verankert, ihre tatsächliche Schutzwirkung lässt sich daraus jedoch nicht unmittelbar ableiten.
Ausbildung und Studium: Zwei unterschiedliche Präventionswelten
Die berufliche Ausbildung erfüllt eine wichtige Funktion bei der Vermittlung von Sicherheits- und Gesundheitskompetenzen. Nach der aktuellen DGUV-Befragung haben sich 91 Prozent der Auszubildenden bereits mit entsprechenden Themen beschäftigt. Unter Studierenden sind es lediglich 53 Prozent.
Der Unterschied liegt wesentlich in den institutionellen Strukturen. Ausbildungsbetriebe verfügen über feste Zuständigkeiten, Sicherheitsunterweisungen und betriebliche Regeln. An Hochschulen wird Prävention dagegen vor allem dort vermittelt, wo konkrete Gefährdungen auftreten, etwa in Laboren oder Werkstätten.
Entsprechend groß sind die Unterschiede zwischen den Studienrichtungen. Naturwissenschaftliche Fächer berücksichtigen Sicherheit und Gesundheit deutlich häufiger als Geistes- und Sozialwissenschaften. Dabei beschränken sich gesundheitliche Risiken längst nicht auf technische Tätigkeiten. Psychische Belastungen, ergonomische Probleme und organisatorische Risiken betreffen auch spätere Büro- und Dienstleistungsberufe.
Die Ergebnisse legen deshalb nahe, Prävention stärker als fachübergreifende Kompetenz zu verstehen.
Klare Zuständigkeiten sind entscheidend
Besonders ausgeprägt sind die Unterschiede bei den Meldewegen. Während fast drei Viertel der Auszubildenden wissen, wie sie Unfälle oder Gefahrensituationen melden können, gilt dies nur für knapp ein Drittel der Studierenden.
Damit wird ein institutionelles Defizit sichtbar. Prävention setzt nicht allein Wissen über Gefährdungen voraus, sondern auch klare Verantwortlichkeiten. Wer Risiken erkennt, aber keine zuständige Stelle kennt, kann Schutzmechanismen nur eingeschränkt nutzen.
Die Studie zeigt zudem, dass Auszubildende in größeren Betrieben häufiger über Meldewege informiert sind als in kleineren Unternehmen. Dies deutet auf Vorteile formalisierter Arbeitsschutzstrukturen hin, ohne einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Betriebsgröße und Präventionsqualität zu beweisen.
Arbeitsschutz wird erst dann wirksam organisiert, wenn aus Sicherheitswissen verbindliche Handlungsmöglichkeiten entstehen.
Steigende Unfallzahlen relativieren das positive Bild
Die Unfallstatistik der DGUV ergänzt die überwiegend positiven Befragungsergebnisse um einen wichtigen Befund. Die Zahl der meldepflichtigen Arbeitsunfälle von Auszubildenden im Betrieb stieg von 26.356 im Jahr 2024 auf 28.474 im Jahr 2025. Das entspricht einem Zuwachs von rund acht Prozent.
Daraus lässt sich ohne Berücksichtigung der Beschäftigtenzahl, Arbeitsstunden und Tätigkeitsstruktur keine gestiegene individuelle Unfallwahrscheinlichkeit ableiten. Dennoch zeigt die Entwicklung, dass eine positiv bewertete Präventionskultur nicht automatisch mit rückläufigen Unfallzahlen gleichzusetzen ist.
Für Betriebe und Unfallversicherungsträger entsteht daraus eine zentrale Anforderung: Prävention muss nicht nur vermittelt und dokumentiert, sondern anhand des tatsächlichen Unfallgeschehens überprüft werden.
Wertschätzung zählt mehr als Zusatzleistungen
Neben dem Arbeitsschutz untersucht das Barometer die Erwartungen junger Menschen an ihre Ausbildung. Respektvoller Umgang, Wertschätzung und Entwicklungsmöglichkeiten stehen dabei deutlich vor freiwilligen Zusatzleistungen wie Jobtickets oder Prämien.
Für Unternehmen ist dies ein arbeitsmarktpolitisch relevanter Befund. Im Wettbewerb um Nachwuchskräfte kann die Qualität des Ausbildungsumfelds wichtiger sein als zusätzliche materielle Anreize. Eine faire Vergütung bleibt dennoch bedeutsam.
Gute Ausbildung wird damit auch zu einer Frage betrieblicher Führung und Organisation. Verlässliche Betreuung, respektvolle Zusammenarbeit und sichere Arbeitsbedingungen können die Attraktivität eines Arbeitgebers stärken.
Gleichzeitig zeigt die Untersuchung Grenzen dieser positiven Wahrnehmung. Verbale Aggressionen, Diskriminierung und Mobbing gehören zu den berichteten Erfahrungen junger Menschen. Die Angaben umfassen sowohl eigene Erlebnisse als auch Beobachtungen.
Psychosoziale Risiken sind deshalb kein Randthema des Arbeitsschutzes. Sie können Fehlzeiten, Ausbildungsabbrüche und Personalfluktuation begünstigen. Die Studie misst diese wirtschaftlichen Folgen allerdings nicht unmittelbar.
Prävention ist eine langfristige Investition
Mit Blick auf den demografischen Wandel gewinnt die frühzeitige Vermittlung von Gesundheitskompetenzen zusätzliche Bedeutung. Längere Erwerbsbiografien setzen voraus, dass arbeitsbedingte Belastungen möglichst früh erkannt und begrenzt werden.
Das DGUV Barometer zeigt zugleich die Grenzen subjektiver Bewertungen. Rund zwei Drittel der Befragten nennen keinen konkreten Verbesserungsbedarf. Daraus folgt jedoch nicht, dass keine Gefährdungen bestehen. Zufriedenheit ist kein Ersatz für systematische Risikoprüfung.
Die Befragung von 710 Auszubildenden und Studierenden beschreibt Wahrnehmungen und Erfahrungen. Sie erlaubt keine unmittelbaren Aussagen über langfristige Präventionswirkungen.
Für Hochschulen ergibt sich die Aufgabe, grundlegende Sicherheits- und Gesundheitskompetenzen unabhängiger von der Studienrichtung zu vermitteln. Betriebe müssen dagegen sicherstellen, dass etablierte Präventionsstrukturen auch unter realen Arbeitsbedingungen greifen.
Die entscheidende Lehre reicht über den Arbeitsschutz hinaus: Berufliche Qualifikation ist unvollständig, wenn sie nicht zugleich zur Bewältigung gesundheitlicher Risiken befähigt. Prävention braucht deshalb klare Zuständigkeiten, verlässliche Strukturen und überprüfbare Ergebnisse. Nicht ihre organisatorische Existenz entscheidet über ihren Wert, sondern ihre tatsächliche Schutzwirkung.
Quelle: Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung e. V. (DGUV): DGUV Barometer Bildungswelt 2026 – Sicherheit und Gesundheit in Ausbildung und Studium.
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