Sicherheit und Gesundheit als ResilienzfaktorSicherheit und Gesundheit als Resilienzfaktor: Ergebnisse des DGUV Barometers Arbeitswelt 2026

Veröffentlichung: 25.03.2026, 11:03 Uhr - Lesezeit 8 Minuten

Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) hat mit dem „Barometer Arbeitswelt 2026“ eine bundesweite, repräsentative Befragung zur Situation von Sicherheit, Gesundheit und Krisenvorsorge in Unternehmen vorgelegt, die im Februar 2026 durch das Marktforschungsinstitut forsa durchgeführt wurde und auf den Angaben von 2.015 Erwerbstätigen basiert, darunter 544 Führungskräfte und Unternehmerinnen beziehungsweise Unternehmer.

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Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen das Unfallgeschehen, die wahrgenommenen Belastungen im Arbeitsalltag sowie die Einschätzung der betrieblichen Krisenfestigkeit, wodurch sich ein mehrdimensionales Bild der aktuellen Arbeitsrealität ergibt.

Rückgang der Arbeitsunfälle als Indikator operativer Stabilität

Ausgangspunkt der weiteren Auswertung sind die vorläufigen Unfallzahlen für das Jahr 2025, in dem 730.598 meldepflichtige Arbeitsunfälle registriert wurden, von denen 335 tödlich verliefen und 9.690 erstmals zu einer Unfallrente führten, womit sämtliche Kennzahlen gegenüber dem Vorjahr rückläufig sind, was auf eine anhaltend wirksame Präventionspraxis im betrieblichen Alltag hindeutet. Der erneute Rückgang der Unfallzahlen bestätigt damit die Funktion etablierter Sicherheitsstrukturen, da weniger Schadensereignisse unmittelbar zu geringeren Produktionsunterbrechungen, stabileren Personalverfügbarkeiten und insgesamt besser planbaren Abläufen führen, wodurch sich die operative Stabilität im laufenden Geschäft messbar erhöht, während diese Form der Stabilität zugleich auf den Normalbetrieb begrenzt bleibt, da sie primär standardisierte und wiederkehrende Risiken adressiert.

Prävention als breit akzeptierter Ordnungsrahmen

Die Befragung zeigt eine außergewöhnlich hohe Zustimmung zur Bedeutung von Prävention, da 90 Prozent der Beschäftigten und Führungskräfte Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit als zentralen Faktor für die Stabilität von Unternehmen bewerten, wobei insbesondere konkrete Maßnahmen wie die Qualifizierung von Ersthelfenden, Brandschutzhelfenden und Sicherheitsbeauftragten als wirksam eingeschätzt werden. Gleichzeitig ist die Motivation auf Führungsebene primär langfristig ausgerichtet, da die große Mehrheit der Verantwortlichen darauf abzielt, Beschäftigten ein gesundes Arbeiten bis zur Rente zu ermöglichen, während wirtschaftliche oder regulatorische Erwägungen eine nachgeordnete Rolle spielen, was durch steigende Investitionen in Arbeitsschutzmaßnahmen zusätzlich unterstrichen wird.

Mechanismus der Prävention

Die Wirkung von Prävention beruht auf standardisierten Verfahren, die die Eintrittswahrscheinlichkeit bekannter Risiken reduzieren, klare Zuständigkeiten schaffen und durch regelmäßige Übungen die Reaktionsfähigkeit im Ereignisfall erhöhen, wodurch sich betriebliche Abläufe auch unter Belastung stabilisieren lassen, wobei dieser Mechanismus an die Voraussetzung gebunden ist, dass Risiken wiederkehrend und definierbar sind, weshalb seine Übertragbarkeit auf komplexe und seltene Krisenszenarien strukturell begrenzt bleibt.

Krisenvorsorge zwischen Anspruch und Umsetzung

Obwohl 89 Prozent der Befragten Präventionsmaßnahmen als wesentlich für die Vorbereitung auf Krisen ansehen, zeigt sich bei der konkreten Einschätzung der betrieblichen Vorbereitung ein deutlich differenzierteres Bild, da Unternehmen vor allem bei etablierten Szenarien wie Pandemien, Bränden oder Cyberangriffen vergleichsweise gut aufgestellt erscheinen, während die Vorbereitung auf Lieferkettenstörungen, Naturkatastrophen oder länger andauernde Stromausfälle deutlich schwächer ausgeprägt ist, wodurch eine Differenz zwischen Zustimmung und tatsächlicher Umsetzung sichtbar wird.

Instrumente und Umsetzungsgrad

Die am häufigsten eingesetzten Instrumente der Krisenvorsorge bestehen aus Schulungen und Übungen, IT-Sicherheitsmaßnahmen sowie formalen Notfallplänen, wobei sich zeigt, dass insbesondere standardisierte und regulatorisch verankerte Maßnahmen eine hohe Verbreitung erreichen, während komplexere und stärker szenariobasierte Ansätze weniger konsequent umgesetzt werden, was die tatsächliche Krisenfähigkeit strukturell begrenzt.

Unternehmensgröße als struktureller Faktor

Die Analyse zeigt zudem eine deutliche Abhängigkeit der Umsetzung von der Unternehmensgröße, da kleinere Betriebe seltener über systematische Gefährdungsbeurteilungen, regelmäßige Übungen oder ausgearbeitete Notfallpläne verfügen, während größere Organisationen aufgrund ihrer Ressourcen und Strukturen eine höhere Implementierungstiefe erreichen, wodurch sich eine ungleich verteilte Resilienz innerhalb der Volkswirtschaft ergibt.

Verschiebung des Risikoprofils

Parallel zu den klassischen Unfallrisiken gewinnen arbeitsorganisatorische und psychische Belastungen zunehmend an Bedeutung, da bereits heute etwa die Hälfte der Befragten Stress durch Arbeitsverdichtung, Unterbrechungen oder unklare Zuständigkeiten berichtet und für die Zukunft eine weitere Zunahme dieser Belastungen erwartet wird, wodurch sich das Risikoprofil von akuten Einzelereignissen hin zu langfristigen und schwer standardisierbaren Belastungslagen verschiebt.

Institutionelle Einordnung

Das bestehende System der gesetzlichen Unfallversicherung ist auf klar definierte und abgrenzbare Risiken ausgerichtet und erzielt in diesem Bereich eine hohe Wirksamkeit, stößt jedoch bei systemischen Krisen, organisationsübergreifenden Abhängigkeiten und langfristigen Belastungsentwicklungen an strukturelle Grenzen, wodurch eine Differenz zwischen regulierter Prävention und erweitertem Risikospektrum moderner Arbeitswelten entsteht.

Konsequenz

Das DGUV Barometer Arbeitswelt 2026 zeigt damit eine gleichzeitige Stabilisierung des operativen Betriebs und eine nur teilweise entwickelte Krisenfähigkeit, wobei der entscheidende Faktor nicht in der grundsätzlichen Zustimmung zur Prävention liegt, sondern in der Fähigkeit, bestehende Arbeitsschutzstrukturen in umfassendere und szenariobasierte Resilienzkonzepte zu integrieren, sodass erst durch diese Verbindung eine belastbare Krisenfestigkeit über den Normalbetrieb hinaus entsteht.

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