Sparen unter Druck: Vier von zehn legen weniger zurück
Die Sparbereitschaft in Deutschland bleibt hoch, doch der finanzielle Spielraum schrumpft. Laut einer Postbank-Umfrage legen 41 Prozent der Sparer weniger zurück als vor einem Jahr. Gleichzeitig zeigt eine Berechnung von growney, wie viel Zinspotenzial durch niedrig verzinste Guthaben ungenutzt bleibt.
Die Deutschen halten am Sparen fest – auch wenn es zunehmend schwerfällt. Nach einer aktuellen Postbank-Umfrage bilden 81 Prozent der Erwachsenen Rücklagen. Damit liegt die Sparquote im Sinne des Anteils sparender Menschen nahezu unverändert auf Vorjahresniveau. Doch hinter dieser Stabilität verbirgt sich eine deutliche Verschiebung: 41 Prozent der Sparer legen inzwischen weniger Geld zurück als noch vor einem Jahr. Bei 21 Prozent ist die Sparleistung sogar deutlich gesunken. Lediglich 24 Prozent konnten ihre Rücklagenbildung steigern, während ein Drittel unverändert spart. „Obwohl die Reallöhne zuletzt wieder gestiegen sind und sich die Kaufkraft der Beschäftigten im Durchschnitt erholt hat, bedeutet das nicht, dass sich die finanzielle Lage für alle Haushalte gleichermaßen entspannt“, erklärt Dr. Ulrich Stephan, Chefanlagestratege Privat- und Firmenkunden der Postbank.
Fast jeder Zweite greift für den Lebensunterhalt auf Ersparnisse zurück
Besonders deutlich wird die finanzielle Belastung beim Blick auf den laufenden Lebensunterhalt. 43 Prozent der Befragten geben an, Ersparnisse zu nutzen, um alltägliche Ausgaben zu bezahlen. Zwölf Prozent tun dies sogar in größerem Umfang. Dabei ist der Rückgriff auf Rücklagen keineswegs auf Haushalte mit geringem Einkommen beschränkt. Auch unter den Befragten mit einem monatlichen Haushaltsnettoeinkommen von mindestens 2.500 Euro verwenden 41 Prozent Ersparnisse für laufende Lebenshaltungskosten. Bei niedrigeren Einkommen sind es 49 Prozent. Besonders problematisch ist die Lage dort, wo Rücklagen bereits fehlen. Von den Haushalten mit weniger als 2.500 Euro Nettoeinkommen verfügen 27 Prozent über keine Ersparnisse, auf die sie zurückgreifen könnten. Insgesamt geben 15 Prozent der Befragten an, ihre Lebenshaltungskosten aufgrund gestiegener Preise kaum noch bezahlen zu können. Bei niedrigeren Einkommen betrifft dies nahezu jeden Vierten.
Notgroschen wichtiger als Urlaub und Konsum
Trotz der finanziellen Einschränkungen bleibt der Wunsch nach Sicherheit ausgeprägt. Unter den Sparern legen 42 Prozent Geld für unvorhergesehene Ausgaben zurück. 37 Prozent möchten ein finanzielles Polster für Krisenzeiten schaffen, 35 Prozent sparen für die Altersvorsorge. Konsumziele spielen eine deutlich geringere Rolle. Für Reisen oder andere besondere Ausgaben sparen 16 Prozent, für ein Auto zehn Prozent. Auch unter Menschen, die derzeit keine Rücklagen bilden können, steht die finanzielle Absicherung im Vordergrund. Mehr als die Hälfte würde gerne einen Notgroschen aufbauen. Als Hauptgrund für das fehlende Sparvermögen nennen 71 Prozent der Nicht-Sparer zu hohe Lebenshaltungskosten.
Girokonto bleibt beliebtester Sparplatz
Wer Geld zurücklegen kann, nutzt dafür häufig weiterhin das Girokonto. Laut Postbank-Umfrage verwenden 43 Prozent der Befragten diese Kontoform zum Sparen. Tagesgeld nutzen 40 Prozent, klassische Sparkonten 26 Prozent. Wertpapiere spielen eine kleinere Rolle: 32 Prozent der Befragten investieren in Aktien, Fonds oder andere Wertpapieranlagen. Im Vorjahr waren es noch 34 Prozent. ETFs werden von 21 Prozent genutzt – genauso vielen wie 2025. Dass hohe Guthaben auf wenig verzinsten Konten erhebliche finanzielle Folgen haben können, zeigt eine separate Berechnung der Geldanlageplattform growney.
growney errechnet fast 67 Milliarden Euro ungenutztes Zinspotenzial
Auf Basis von Bundesbank-Daten hat growney untersucht, wie stark die tatsächlich erzielten Zinsen von alternativ verfügbaren Angeboten abweichen. Demnach halten private Haushalte rund 1,865 Billionen Euro auf täglich verfügbaren Konten. Die durchschnittliche Verzinsung beziffert growney auf 0,51 Prozent jährlich. Als Vergleich zieht die Plattform ein Tagesgeldangebot mit 2,55 Prozent heran. Aus der Differenz ergibt sich bei einer Hochrechnung auf zwölf Monate ein rechnerisches Zinspotenzial von rund 38 Milliarden Euro.
Weitere 20,4 Milliarden Euro entfallen nach der Berechnung auf Spar-, Termin- und Festgelder sowie Sparbriefe. Bei Unternehmen ermittelt growney zusätzlich rund 8,5 Milliarden Euro an möglichen Mehrerträgen. Insgesamt summiert sich das ungenutzte Zinspotenzial damit auf knapp 67 Milliarden Euro pro Jahr.
Wichtig ist allerdings die Einordnung: Die Summe bezeichnet keine tatsächlich entstandenen Verluste. Sie ergibt sich aus einem rechnerischen Vergleich bestehender Guthaben und Zinssätze mit alternativen Anlagemöglichkeiten. Ob diese Angebote für sämtliche Beträge, Laufzeiten und Anleger tatsächlich verfügbar oder geeignet wären, lässt sich daraus nicht ableiten. Auch unterscheiden sich die Risiken. Während Bankeinlagen innerhalb der gesetzlichen Grenzen durch die Einlagensicherung geschützt sind, unterliegen Geldmarkt-ETFs anderen rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
Fehlendes Wissen bremst die Wertpapieranlage
Die Postbank-Umfrage zeigt zugleich, dass viele Verbraucher beim Vermögensaufbau auf Hindernisse stoßen. Von den Befragten, die bislang keine Wertpapiere besitzen, geben 26 Prozent an, sich damit nicht ausreichend auszukennen. 22 Prozent fehlt das Geld für eine entsprechende Anlage, 20 Prozent halten Wertpapiere für zu unsicher. Auch die Einkommensunterschiede sind erheblich: Während 43 Prozent der Menschen mit einem Haushaltsnettoeinkommen ab 2.500 Euro in Wertpapiere investieren, sind es bei niedrigeren Einkommen nur 18 Prozent.
Das geplante Altersvorsorgedepot könnte nach Einschätzung der Postbank zusätzliche Anleger an den Kapitalmarkt heranführen. Unter den Sparern ohne bisherige Wertpapieranlage nennen 22 Prozent die staatliche Förderung als möglichen Anlass für einen Einstieg. Ob daraus tatsächlich zusätzliche Investitionen entstehen, bleibt abzuwarten.
Finanzielle Spielräume und Anlageentscheidungen gehören zusammen
Die beiden Untersuchungen beleuchten unterschiedliche Seiten des Sparverhaltens. Die Postbank-Umfrage zeigt, dass vielen Haushalten bereits das Geld fehlt, um regelmäßig Rücklagen zu bilden. Die growney-Berechnung verdeutlicht dagegen, welche Bedeutung die Verzinsung vorhandener Guthaben haben kann.
Für die Finanzberatung ergeben sich daraus zwei unterschiedliche Aufgaben: Wer kaum finanzielle Reserven besitzt, benötigt zunächst einen tragfähigen Überblick über Einnahmen, Ausgaben und notwendige Rücklagen. Wer bereits größere Guthaben hält, sollte prüfen, ob die gewählte Anlageform hinsichtlich Verfügbarkeit, Sicherheit und Verzinsung noch zum eigenen Bedarf passt. Ein höherer Zinssatz allein macht dabei noch keine bessere Geldanlage aus.
Zu den Untersuchungen: Für die Postbank befragte YouGov vom 2. bis 5. Oktober 2026 insgesamt 2.117 Erwachsene in Deutschland. Die Ergebnisse wurden nach Alter, Geschlecht und Region gewichtet. Die growney-Auswertung basiert auf Bundesbank-Daten und einer eigenen Modellrechnung zu möglichen alternativen Zinserträgen.
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