Hitze kostet deutsche Wirtschaft 431 Millionen Euro – am Tag
Ein Tag mit mehr als 30 Grad verursacht in Deutschland enorme wirtschaftliche Verluste. Gleichzeitig steigt laut DGUV die Zahl der Arbeitsunfälle um rund acht Prozent, bei Wegeunfällen sogar um 17 Prozent. Prävention wird damit zunehmend zum Wirtschaftsfaktor.
Hitze kostet Produktivität – und erhöht das Unfallrisiko
Ein Hitzetag mit Temperaturen von mehr als 30 Grad kostet die deutsche Wirtschaft rund 431 Millionen Euro. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung von Prognos im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums. Für Stephan Fasshauer, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), ist die Größenordnung bemerkenswert, grundsätzlich aber keine Überraschung.
Denn hohe Temperaturen wirken sich nicht nur auf das Wohlbefinden aus. „Hitze senkt Produktivität, Konzentration und Reaktionsfähigkeit, das Unfallrisiko steigt“, erklärt Fasshauer. Damit würden die Folgen des Klimawandels zunehmend auch zu einer wirtschaftlichen Frage.
Das lässt sich inzwischen in den Daten der gesetzlichen Unfallversicherung erkennen. Die Zahl der heißen Tage mit mindestens 30 Grad habe sich in Deutschland seit den 1950er-Jahren etwa verdreifacht. Gleichzeitig registriert die DGUV bei solchen Temperaturen rund acht Prozent mehr Arbeitsunfälle als an Tagen mit Temperaturen zwischen 10 und 15 Grad. Bei Wegeunfällen im Straßenverkehr liegt der Anstieg sogar bei etwa 17 Prozent. Gerade bei Tätigkeiten auf Gerüsten, an Maschinen oder hinter dem Steuer könne nachlassende Konzentration schwerwiegende Folgen haben.
37 Millionen Arbeitsstunden durch Hitze verloren
Auch jenseits des unmittelbaren Unfallgeschehens sind die Folgen messbar. Allein 2023 gingen nach Angaben der DGUV in Deutschland schätzungsweise 37 Millionen Arbeitsstunden durch Hitze verloren. Fasshauer spricht deshalb von einem bereits bestehenden Standortproblem. Prävention könne dazu beitragen, Ausfälle zu vermeiden, Leistungsfähigkeit zu sichern und Beschäftigte gesund zu halten.
Dabei sieht die DGUV ihren Auftrag ausdrücklich nicht in der Klimapolitik. Aufgabe der gesetzlichen Unfallversicherung sei vielmehr, Veränderungen von Risiken für Sicherheit und Gesundheit zu erkennen und geeignete Präventionsmaßnahmen zu entwickeln.
Das Spektrum reicht inzwischen weit über Hitze hinaus. Starkregen und Hochwasser, Vegetationsbrände, Allergene und neue Infektionsrisiken können die Arbeitswelt ebenfalls verändern.
Nicht jeder Betrieb braucht eine Klimaanlage
Eine zusätzliche Welt des „Klima-Arbeitsschutzes“ hält Fasshauer dennoch nicht für erforderlich. Viele Instrumente seien bereits vorhanden. Entscheidend sei, sie an die jeweilige Tätigkeit anzupassen. So können Verschattung oder Nachtauskühlung helfen. Körperlich schwere Arbeiten lassen sich teilweise in kühlere Tageszeiten verlegen, zudem können zusätzliche Erholungs- und Abkühlphasen notwendig werden. Welche Maßnahmen sinnvoll sind, hängt stark vom jeweiligen Arbeitsplatz ab. Ein Industriekonzern verfüge über andere Möglichkeiten als ein Handwerksbetrieb mit zwölf Beschäftigten. Berufsgenossenschaften und Unfallkassen sollen deshalb branchenspezifische Lösungen entwickeln. „Unser Credo lautet: so viel Regulierung wie nötig, aber so wenig wie möglich“, sagt Fasshauer.
Vegetationsbrände belasten Feuerwehrleute mehrfach
Besonders deutlich wird die Verbindung verschiedener Risiken bei Vegetationsbränden. 2025 brannten in Deutschland 2.626 Hektar Wald – mehr als dreimal so viel wie im langjährigen Durchschnitt. Für Einsatzkräfte treffen dabei mehrere Belastungen aufeinander: Feuerwehrleute verrichten schwere körperliche Arbeit bei hohen Temperaturen und unter Schutzkleidung. Gleichzeitig können sie Brandrauch und krebserzeugenden Stoffen ausgesetzt sein.
Das Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der DGUV untersucht deshalb, welchen Gefahrstoffen Einsatzkräfte ausgesetzt sind und wie hoch ihre körperliche Belastung ist. Das Institut für Arbeitsschutz ergänzt diese Forschung unter anderem durch Luftmessungen. Die Erkenntnisse sollen anschließend über die Feuerwehr-Unfallkassen in konkrete Präventionsmaßnahmen einfließen.
Klimarisiken reichen von Pollen bis Hochwasser
Hitze ist allerdings nur ein Teil der Veränderungen. Längere Vegetationsperioden beeinflussen den Pollenflug. Auch Zecken und Mücken sowie die von ihnen übertragenen Erkrankungen gewinnen nach Einschätzung der DGUV an Bedeutung. Bei Starkregen und Hochwasser können Beschäftigte wiederum mit kontaminiertem Schlamm, biologischen Arbeitsstoffen, Gefahrstoffen oder elektrischen Risiken konfrontiert werden. Hinzu kommen mögliche psychische Auswirkungen hoher Temperaturen. Hitze kann Schlaf und Konzentration beeinträchtigen und die Reizbarkeit erhöhen.
Dass diese Veränderungen bereits in der Arbeitswelt wahrgenommen werden, zeigen Befragungen der Unfallversicherung. Schon 2022 sahen 62 Prozent der befragten Beschäftigten Handlungsbedarf bei Hitze in Innenräumen. Knapp die Hälfte erkannte entsprechenden Bedarf bei Arbeiten im Freien, mehr als 40 Prozent bei psychischen Belastungen und Extremwetter.
DGUV: Vorhandenes Wissen schneller in die Betriebe bringen
Fasshauer hält Deutschland grundsätzlich für gut aufgestellt. Es gebe leistungsfähige Strukturen und umfangreiches Wissen. Die entscheidende Aufgabe bestehe nun darin, dieses Wissen schneller in die betriebliche Praxis zu übertragen. Neue gesetzliche Vorgaben seien dafür nicht automatisch notwendig. Entscheidend sei die konkrete Belastung: 30 Grad in einem Büro seien anders zu bewerten als dieselbe Temperatur bei schwerer körperlicher Arbeit auf einem Dach.
Das Ziel müsse deshalb sein, das bestehende Schutzniveau auch unter veränderten klimatischen Bedingungen zu erhalten, ohne Betriebe unnötig zusätzlich zu belasten. Langfristig soll der Umgang mit klimabedingten Risiken nach Vorstellung der DGUV selbstverständlicher Bestandteil der Prävention werden – vom Handwerksbetrieb und der Kita über Feuerwehren bis zu Kommunen, die sich auf Starkregenereignisse vorbereiten.
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