350 Jahre Versicherung: Wie aus der Feuerkasse das moderne Versicherungsprinzip entstand
Als Hamburg im 17. Jahrhundert immer wieder brannte, stieß die traditionelle Hilfe nach dem Schaden an ihre Grenzen. 1676 entstand deshalb eine gemeinsame Kasse, in die vorab eingezahlt wurde. Die Hamburger Feuerkasse besteht bis heute – und ihre Geschichte zeigt, wie Katastrophen das Versicherungsprinzip immer wieder verändert haben.
Versicherung beginnt nicht mit einem Produkt. Sie beginnt mit einem Problem: Was geschieht, wenn ein Schaden so groß ist, dass ein Einzelner ihn nicht mehr tragen kann?
Im Hamburg des ausgehenden 16. Jahrhunderts war dieses Problem allgegenwärtig. Feuer gehörte zu den größten existenziellen Gefahren einer dicht bebauten Stadt. Bereits 1591 schlossen sich 101 Hamburger Bierbrauer deshalb zu gegenseitiger Unterstützung im Brandfall zusammen. Weitere sogenannte Feuerkontrakte folgten. Brennt das Haus eines Mitglieds ab, helfen die anderen finanziell. Das war bereits Risikogemeinschaft – aber noch keine Versicherung nach heutigem Verständnis. Denn Geld floss erst, wenn der Schaden eingetreten war.
Mehrere Großbrände in den 1670er-Jahren offenbarten die Schwäche des Systems. Waren gleichzeitig mehrere Mitglieder eines Feuerkontrakts betroffen, mussten immer weniger unbeschädigte Eigentümer für immer größere Schäden aufkommen. Die privaten Gemeinschaften stießen an ihre finanziellen Grenzen. Die Antwort darauf wurde zu einem Meilenstein der Versicherungsgeschichte.
1676: Erst einzahlen, dann den Schaden bezahlen
Am 30. November 1676 fassten Rat und Bürgerschaft Hamburgs rund 46 bestehende Feuerkontrakte zur „General-Feuer-Cassa“ zusammen. Aus vielen kleinen Risikogemeinschaften wurde eine erheblich größere. Vor allem aber änderte sich die Finanzierung. Statt erst nach einem Brand Geld von den Mitgliedern einzusammeln, wurden nun vorab regelmäßig Beiträge in eine gemeinsame Kasse gezahlt. Trat ein Schaden ein, konnte auf das bereits vorhandene Versicherungsvermögen zurückgegriffen werden. Die Provinzial bezeichnet dies als die erste systematische Anwendung des modernen Versicherungsprinzips in Deutschland. Die Hamburger Feuerkasse nahm 1677 ihre Arbeit auf. Heute gilt sie als älteste noch aktive Versicherung der Welt und gehört zum Provinzial Konzern. Das grundlegende Prinzip von 1676 ist dabei erstaunlich vertraut: Viele zahlen einen vergleichsweise kleinen Betrag ein, damit wenige einen existenzbedrohenden Schaden nicht allein tragen müssen. Doch erst eine Katastrophe sollte zeigen, ob dieses Modell auch dann funktioniert, wenn nicht einzelne Häuser, sondern große Teile einer Stadt brennen.
1842: Der Großbrand wird zur Bewährungsprobe
In der Nacht zum 5. Mai 1842 brach in der Hamburger Deichstraße ein Feuer aus. Fast 80 Stunden dauerte der Große Brand. Rund 1.100 Wohngebäude und 102 Speicher wurden vollständig zerstört, etwa 20.000 Menschen verloren ihr Zuhause. Für die Hamburger Feuerkasse bedeutete die Katastrophe eine bis dahin beispiellose Belastung: Sie musste Schäden an rund einem Fünftel des gesamten Hamburger Gebäudebestandes entschädigen. Die vorhandenen Mittel reichten dafür nicht aus.
Dass das Versicherungsprinzip dennoch nicht zusammenbrach, zeigt einen weiteren Mechanismus, der bis heute für Versicherer von zentraler Bedeutung ist: Extremereignisse müssen finanziert werden können, obwohl ihre Schäden die laufenden Einnahmen und vorhandenen Reserven weit übersteigen können. Die Feuerkasse nahm eine Staatsanleihe auf. 46 Jahre dauerte es, bis diese vollständig zurückgezahlt war. Erst 1888 war die Finanzierung des Großbrands endgültig getilgt. Damit erzählt das Jahr 1842 eine überraschend moderne Geschichte. Auch heutige Versicherer müssen sich auf Ereignisse vorbereiten, bei denen sehr viele Schäden gleichzeitig eintreten – inzwischen etwa Sturm, Hagel, Starkregen oder Überschwemmungen.
Versicherungsschutz wächst mit den Risiken
Dabei blieb auch die Frage, was überhaupt versichert ist, nicht unverändert. 1822 nahm die Hamburger Feuerkasse Blitzschäden in die Deckung auf. 1833 führte sie eine Neuwertversicherung ein. Statt lediglich einen Zeitwert zu ersetzen, sollte damit die Wiederherstellung eines Gebäudes abgesichert werden.
Die Inflation nach dem Ersten Weltkrieg stellte dieses Prinzip erneut infrage. Baupreise konnten sich so stark verändern, dass eine einmal festgelegte Versicherungssumme schnell nicht mehr für den Wiederaufbau ausreichte. 1923 führte die Feuerkasse deshalb die gleitende Neuwertversicherung ein. Ausgangspunkt wurde das Baupreisniveau von 1914; ersetzt werden sollten die tatsächlichen Wiederherstellungskosten einschließlich zwischenzeitlicher Lohn- und Materialpreissteigerungen. 1930 kamen Sturm und Hagel hinzu. Im selben Jahr nahm die Feuerkasse sogar Gebäudeschäden durch Flugkörper in ihren Versicherungsschutz auf. An diesen Erweiterungen lässt sich ein Grundprinzip der Versicherungswirtschaft ablesen: Versicherungsschutz reagiert auf eine Umwelt, in der sich Risiken, Werte und Schadenhöhen verändern.
Vom Versicherungsmonopol zum Wettbewerb
Über weite Teile ihrer Geschichte war die Hamburger Feuerkasse allerdings etwas völlig anderes als ein heutiger Versicherer im freien Wettbewerb. 1817 wurden Hamburger Gebäudeeigentümer verpflichtet, ihre Häuser ausschließlich bei der Feuerkasse zu versichern. Damit bestanden Pflichtversicherung und Versicherungsmonopol nebeneinander.
Erst 1994 kam der fundamentale Systemwechsel. Im Zuge der europäischen Liberalisierung des Versicherungsmarktes fielen Gebäudeversicherungsmonopol und Pflichtversicherung. Die Hamburger Feuerkasse wurde in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, verkauft und musste sich fortan im Wettbewerb behaupten. Wenige Jahre später kam sie zur Provinzial.
Damit hatte sich innerhalb von gut drei Jahrhunderten nicht nur der Versicherungsschutz verändert. Aus einer öffentlich organisierten Antwort auf die Brandgefahr war ein Versicherungsunternehmen in einem europäischen Wettbewerbsmarkt geworden.
Die Geschichte der Hamburger Feuerkasse ist dabei nur einer von mehreren historischen Strängen, aus denen der heutige Provinzial Konzern hervorgegangen ist. Die digitale Chronik des Konzerns zeichnet diese Entwicklung mit historischen Dokumenten, Bildern und zahlreichen weiteren Stationen nach.
Vom Feuer zum Extremwetter
350 Jahre nach Gründung der Feuerkasse hat sich das Schadenbild erneut verschoben. Heute beschäftigt die Gebäudeversicherer nicht allein das Feuer. Sturm, Hagel, Starkregen und Überschwemmungen können innerhalb kurzer Zeit Tausende Schäden verursachen. Die eigene Chronik der Hamburger Feuerkasse dokumentiert diese Entwicklung eindrücklich. Beim Orkan Kyrill wurden 2007 rund 10.500 Unwetterschäden mit einem Schadenaufwand von 8,4 Millionen Euro reguliert. Die Herbststürme Christian und Xaver führten 2013 zu mehr als 11.000 Schäden und Zahlungen von 13 Millionen Euro. 2016 kamen Starkregen, Überflutungen, Hagel und sogar ein Tornado hinzu. Für Dr. Wolfgang Breuer, Vorstandsvorsitzender des Provinzial Konzerns, führt deshalb eine direkte Linie von der historischen Risikogemeinschaft zu heutigen Herausforderungen. „Gemeinsam lassen sich Risiken besser tragen“, fasst Breuer den Ausgangspunkt zusammen. Angesichts zunehmender Extremwetterereignisse müsse Versicherungsschutz zugleich verlässlich und bezahlbar bleiben und stärker mit Prävention verbunden werden.
Zum Jubiläum greift der Konzern diesen Gedanken mit einem eigenen Präventionsprojekt auf. Mit „Bodenluft 350“ stellt die Provinzial insgesamt 350.000 Euro für regionale Entsiegelungsprojekte bereit. Begrünte Flächen sollen unter anderem Regenwasser besser aufnehmen und die Folgen von Hitze mindern.
Eine 350 Jahre alte Idee
Heute arbeiten mehr als 12.000 Menschen im Innen- und Außendienst für den Provinzial Konzern. Rund 1.300 Agenturen, mehr als 100 Sparkassen sowie Makler betreuen nach Unternehmensangaben mehr als fünf Millionen Privat- und Firmenkunden. Die Beitragseinnahmen liegen bei mehr als sieben Milliarden Euro. Der größere Zusammenhang des Jubiläums steckt jedoch nicht in diesen Zahlen.
Seit 1676 haben sich Risiken, Versicherungssummen, Rechtsformen, Produkte und Vertriebswege grundlegend verändert. Das ökonomische Problem dahinter ist dasselbe geblieben: Ein Schaden, der für den Einzelnen existenzbedrohend sein kann, wird durch eine Gemeinschaft vieler Risikoträger kalkulierbar.
Und auch die Erkenntnis, die zur Hamburger Feuerkasse führte, wirkt erstaunlich gegenwärtig: Eine Risikogemeinschaft funktioniert besser, wenn sie sich auf die Katastrophe vorbereitet – und nicht erst anfängt, Geld einzusammeln, wenn es bereits brennt.
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