KI-Rechenzentren: Milliardeninvestitionen bringen Versicherer an ihre Grenzen

Veröffentlichung: 26.10.2026, 06:10 Uhr - Lesezeit 9 Minuten

(PDF)
Der Ausbau Künstlicher Intelligenz lässt immer größere Rechenzentren entstehen. Einzelne Anlagenkomplexe können inzwischen Wiederbeschaffungswerte von bis zu 50 Milliarden US-Dollar erreichen und stellen Versicherer vor erhebliche Herausforderungen bei der Risikobewertung und Absicherung.Der Ausbau Künstlicher Intelligenz lässt immer größere Rechenzentren entstehen. Einzelne Anlagenkomplexe können inzwischen Wiederbeschaffungswerte von bis zu 50 Milliarden US-Dollar erreichen und stellen Versicherer vor erhebliche Herausforderungen bei der Risikobewertung und Absicherung.Experten/KI

Ein einzelner KI-Rechenzentrumskomplex kann inzwischen einen Wiederbeschaffungswert von 50 Milliarden US-Dollar erreichen. Damit entstehen Wertekonzentrationen, die selbst für große Versicherungskonsortien eine Herausforderung darstellen. Swiss Re warnt vor Risiken, die sich nicht mehr allein durch zusätzliche Versicherungskapazitäten beherrschen lassen. Entscheidend wird zunehmend, ob sich mögliche Schäden überhaupt noch zuverlässig kalkulieren und auf mehrere Risikoträger verteilen lassen.

50 Milliarden US-Dollar für einen Rechenzentrumskomplex – eine Summe, die bislang eher mit großen Industrieprojekten oder internationaler Energieinfrastruktur verbunden wurde. Doch der Ausbau Künstlicher Intelligenz verändert die Größenordnungen, mit denen sich die Versicherungswirtschaft beschäftigen muss. Wo früher vergleichsweise überschaubare Serveranlagen standen, entstehen heute gewaltige technische Infrastrukturen, deren Wert sich nicht allein aus Gebäuden, sondern vor allem aus hoch spezialisierten Prozessoren, Stromversorgung, Kühlung und Netzwerktechnik zusammensetzt.

Nach einer aktuellen Untersuchung des Swiss Re Institute können moderne KI-Rechenzentrumskomplexe einschließlich ihrer technischen Ausstattung Wiederbeschaffungswerte von bis zu 50 Milliarden US-Dollar erreichen. Für die Versicherungswirtschaft stellt sich damit eine grundsätzliche Frage: Wie lässt sich ein Risiko absichern, dessen mögliche Schadenhöhe die Kapazität einzelner Versicherer bei Weitem übersteigt und dessen wirtschaftliche Folgen sich nicht auf den unmittelbar betroffenen Standort beschränken müssen?

Das Problem ist nicht allein die Versicherungssumme

Große Industrieanlagen werden seit Jahrzehnten über internationale Versicherungsprogramme abgesichert, bei denen mehrere Erst- und Rückversicherer unterschiedliche Teile eines Risikos übernehmen. Dieses Prinzip funktioniert auch bei Rechenzentren, gerät allerdings unter Druck, wenn sich immer größere Werte auf wenige Standorte konzentrieren und gleichzeitig technische Abhängigkeiten entstehen, die mehrere versicherte Unternehmen betreffen können.

Swiss Re sieht die wesentliche Schwierigkeit deshalb nicht in einem grundsätzlichen Mangel an Versicherungskapital, sondern in der Fähigkeit, dieses Kapital auf der Grundlage belastbarer Risikobewertungen einzusetzen.

Denn anders als bei klassischen Industrieanlagen fehlen für die neue Generation riesiger KI-Rechenzentren teilweise noch ausreichende Erfahrungswerte darüber, wie häufig bestimmte Schäden auftreten und welche finanziellen Folgen sie unter ungünstigen Bedingungen auslösen können.

Besonders problematisch wird das, wenn ein einzelnes Ereignis mehrere Versicherungssparten gleichzeitig betrifft. Ein Brand oder ein schwerer technischer Defekt kann nicht nur erhebliche Sachschäden verursachen, sondern auch Betriebsunterbrechungen, Haftungsansprüche und finanzielle Verluste bei Unternehmen nach sich ziehen, die auf die betroffene Rechenleistung angewiesen sind.

Wenn ein Stromausfall mehrere Unternehmen trifft

Die wirtschaftliche Bedeutung eines Rechenzentrums endet nicht an dessen Grundstücksgrenze. Große Anlagen sind auf eine kontinuierliche Stromversorgung, leistungsfähige Kühlsysteme und stabile Kommunikationsnetze angewiesen, während die dort betriebenen Anwendungen wiederum Bestandteil der Geschäftsprozesse zahlreicher anderer Unternehmen sein können.

Fällt eine solche Infrastruktur aus, kann der Schaden deshalb weit über die Wiederherstellung beschädigter Technik hinausgehen. Besonders kritisch sind dabei Komponenten, deren Ersatz lange Lieferzeiten erfordert. Swiss Re verweist unter anderem auf Hochspannungstransformatoren, bei denen die Beschaffung mehrere Jahre dauern kann.

Hinzu kommt die geografische Konzentration. Nach Berechnungen des Rückversicherers entfallen mehr als 40 Prozent der bestehenden und geplanten Rechenzentrumskapazitäten in den USA auf Texas und Virginia. Beide Regionen sind unterschiedlichen Naturgefahren ausgesetzt, sodass Versicherer nicht nur die Risiken einzelner Anlagen, sondern auch mögliche gleichzeitige Schäden an mehreren Standorten berücksichtigen müssen.

Bis 2030 könnten 91 Milliarden Dollar Versicherungsprämien entstehen

Wirtschaftlich eröffnet der Ausbau der KI-Infrastruktur der Versicherungsbranche zugleich einen erheblichen Wachstumsmarkt. Swiss Re erwartet, dass Rechenzentren zwischen 2026 und 2030 weltweit ein kumuliertes Versicherungsprämienvolumen von rund 91 Milliarden US-Dollar erzeugen könnten.

Eine frühere Untersuchung des Rückversicherers hatte bereits prognostiziert, dass die jährlichen Prämieneinnahmen für Rechenzentren von 10,6 Milliarden auf 24,2 Milliarden US-Dollar im Jahr 2030 steigen könnten.

Diese Entwicklung bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass Versicherungsschutz für einzelne Betreiber entsprechend teurer wird. Das steigende Prämienvolumen spiegelt zunächst den gewaltigen Ausbau der versicherten Infrastruktur wider.

Für die Versicherer stellt sich vielmehr die Frage, welche Risiken sie zu welchen Bedingungen übernehmen können, ohne dabei unkontrollierte Konzentrationen in ihren eigenen Portfolios aufzubauen.

Versicherbarkeit wird zur Voraussetzung für Milliardeninvestitionen

Für Investoren und Betreiber hat diese Entwicklung eine unmittelbare wirtschaftliche Bedeutung. Großprojekte benötigen regelmäßig umfassenden Versicherungsschutz, nicht zuletzt, weil Kreditgeber und andere Kapitalgeber ihre finanziellen Risiken begrenzen wollen.

Kann ein Rechenzentrum nicht ausreichend versichert werden oder sind bestimmte Risiken nur zu wirtschaftlich kaum tragbaren Konditionen abzusichern, kann das die Finanzierung und damit die Realisierung eines Projekts erschweren.

Swiss Re hält solche Anlagen grundsätzlich weiterhin für versicherbar. Voraussetzung seien allerdings eine präzisere technische Risikobewertung, verbesserte Schadenmodelle und eine breitere Verteilung der Risiken über Erst- und Rückversicherer.

Damit erhält die Versicherungswirtschaft eine Rolle, die über die spätere Regulierung möglicher Schäden hinausgeht. Bereits bei der Planung neuer Rechenzentren können Standortwahl, technische Sicherheitsstandards und die Organisation kritischer Versorgungsstrukturen darüber entscheiden, welche Versicherungskapazitäten überhaupt bereitgestellt werden.

Die KI-Industrie investiert derzeit in einem Tempo, das auch für die Versicherungswirtschaft neue Maßstäbe setzt. Während immer leistungsfähigere Rechenzentren entstehen, müssen Versicherer erst noch ausreichend verlässliche Modelle für die damit verbundenen Risiken entwickeln. Dass genügend Kapital vorhanden ist, beantwortet dabei noch nicht die Frage, wie viel davon für einen einzelnen Standort verantwortbar eingesetzt werden kann.

Quellen:

  • Swiss Re Institute, Time to build: Expanding the frontier of insurability for the capex super-cycle, September 2026
  • Swiss Re Institute, Insuring AI: Data centre value accumulation risks, März 2026


(PDF)

LESEN SIE AUCH

Mehr Kapazitäten erhöhen den Wettbewerb auf dem Rückversicherungsmarkt und verbessern die Verhandlungsposition der Erstversicherer. Naturkatastrophen, Cyberrisiken und steigende Schadenkosten bleiben jedoch eine Herausforderung für die Branche.Mehr Kapazitäten erhöhen den Wettbewerb auf dem Rückversicherungsmarkt und verbessern die Verhandlungsposition der Erstversicherer. Naturkatastrophen, Cyberrisiken und steigende Schadenkosten bleiben jedoch eine Herausforderung für die Branche.Experten/KI
Assekuranz

Rückversicherung 2027: Mehr Kapazitäten erhöhen den Preisdruck

E+S Rück erwartet für 2027 hohe Nachfrage und wachsenden Wettbewerb. Erstversicherer gewinnen Verhandlungsspielraum, Naturgefahren bleiben ein Risiko.
Die Anschläge vom 11. September 2001 wurden zu einem der größten Versicherungsfälle der Geschichte. Milliardenforderungen und der Streit darüber, ob die beiden Einschläge in das World Trade Center als ein oder zwei Schadenereignisse zu werten waren, veränderten den Umgang der Versicherungswirtschaft mit Terrorrisiken grundlegend.Die Anschläge vom 11. September 2001 wurden zu einem der größten Versicherungsfälle der Geschichte. Milliardenforderungen und der Streit darüber, ob die beiden Einschläge in das World Trade Center als ein oder zwei Schadenereignisse zu werten waren, veränderten den Umgang der Versicherungswirtschaft mit Terrorrisiken grundlegend.Redaktion experten.de / KI-generiert
Hintergrund

11. September 2001: Der Versicherungsfall, der die Branche veränderte

Vier entführte Flugzeuge, zerstörte Hochhäuser, Betriebsunterbrechungen, Haftpflicht- und Personenschäden: Die Anschläge vom 11. September 2001 wurden zu einem der größten Versicherungsfälle der Geschichte. Beim World Trade Center entschied schließlich eine scheinbar einfache Frage über Milliarden: Waren die beiden Einschläge ein versichertes Schadenereignis – oder zwei? Der Streit darüber veränderte nicht nur die Vertragsgestaltung. Die Anschläge stellten grundsätzlich infrage, ob Terrorismus mit den bisherigen Instrumenten überhaupt versicherbar war.
Der Wettbewerb in der industriellen Sachversicherung erreicht zunehmend den Mittelstand. Gute Risiken profitieren wieder von Prämiennachlässen und größerem Verhandlungsspielraum – bei unzureichender Risikoqualität bleiben die Versicherer jedoch zurückhaltend.Der Wettbewerb in der industriellen Sachversicherung erreicht zunehmend den Mittelstand. Gute Risiken profitieren wieder von Prämiennachlässen und größerem Verhandlungsspielraum – bei unzureichender Risikoqualität bleiben die Versicherer jedoch zurückhaltend.Redaktion experten.de / KI-generiert
Assekuranz

Industrie-Sachversicherung: Der Wettbewerb erreicht den Mittelstand

Nach Jahren steigender Preise verändert sich der industrielle Sachversicherungsmarkt. Eine deutlich verbesserte Profitabilität erhöht laut Aon den Appetit der Versicherer auf Neugeschäft – und sorgt inzwischen auch im Mittelstand für Prämiennachlässe. Doch bei der Risikoqualität endet die neue Großzügigkeit.
Künstliche Intelligenz schafft neue Haftungsrisiken für Unternehmen. In vielen Industriehaftpflichtpolicen sind KI-Schäden bislang noch „silent“ mitversichert – neue europäische Haftungsregeln erhöhen jedoch den Druck, bestehende Versicherungsbedingungen anzupassen.Künstliche Intelligenz schafft neue Haftungsrisiken für Unternehmen. In vielen Industriehaftpflichtpolicen sind KI-Schäden bislang noch „silent“ mitversichert – neue europäische Haftungsregeln erhöhen jedoch den Druck, bestehende Versicherungsbedingungen anzupassen.Redaktion experten.de / KI-generiert
Assekuranz

KI-Risiken sind in vielen Haftpflichtpolicen noch „silent“ mitversichert

KI-Systeme halten Einzug in immer mehr Unternehmensprozesse – und mit ihnen neue Haftungsrisiken. Nach Einschätzung von Aon sind Schäden durch künstliche Intelligenz derzeit in vielen Versicherungsverträgen noch „silent“ mitversichert. Neue Regeln zur Produkthaftung erhöhen nun den Druck, bestehende Bedingungen zu überprüfen.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

Beihilfe im Wandel
Ausgabe 10/26

Beihilfe im Wandel

Dr. Günther Blaich, Dr. Gerd Sautter und Fabian Ober - INTER
"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"
Ausgabe 07/26

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"

Klaus Liebig und Robert Schmidt, Geschäftsführer der vfm Gruppe
"Nicht laut, aber immer noch relevant"
Ausgabe 05/26

"Nicht laut, aber immer noch relevant"

Wibke Becker - Generalbevollmächtigte & Leiterin Maklervertrieb - Continentale - Mannheimer - EUROPA
"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht