Industrie-Sachversicherung: Der Wettbewerb erreicht den Mittelstand
Nach Jahren steigender Preise verändert sich der industrielle Sachversicherungsmarkt. Eine deutlich verbesserte Profitabilität erhöht laut Aon den Appetit der Versicherer auf Neugeschäft – und sorgt inzwischen auch im Mittelstand für Prämiennachlässe. Doch bei der Risikoqualität endet die neue Großzügigkeit.
Der deutsche Markt für industrielle Sachversicherungen wird käuferfreundlicher. Diese Entwicklung hatte zuletzt bereits der SÜDVERS Marktmonitor 2026/27 beschrieben. Der aktuelle Aon-Marktreport zeigt nun genauer, was den Wettbewerb in der Sachversicherung antreibt – und dass er zunehmend den Mittelstand erreicht. Die Ertragslage der Versicherer hat sich erheblich verbessert. Mit ihr wächst der Druck, neues Geschäft zu gewinnen.
Beste Combined Ratio seit 2004
Die Grundlage für den stärkeren Wettbewerb liefert zunächst die Schadenentwicklung. Nach den von Aon ausgewerteten Zahlen lag die Combined Ratio in der industriellen Sachversicherung 2025 bei 74,7 Prozent – dem besten Wert seit 2004. Dazu trugen die Sanierungen der vergangenen Jahre und ein stark unterdurchschnittlicher Schadenaufwand durch Naturgefahren bei. Für 2026 weist Aon auf Basis der Hochrechnung zum zweiten Quartal eine Schadenkostenquote von 83 Prozent aus. Gleichzeitig wird der Einkauf von Rückversicherung günstiger. Beides verbessert die Profitabilität der Erstversicherer.
Und genau daraus entsteht die neue Konkurrenzsituation: Profitabilität weckt Wachstumsambitionen. Versicherer interessieren sich stärker für Neugeschäft, während die Preisdisziplin nachlässt. Im globalen Kundensegment war diese Entwicklung bereits 2025 sichtbar; gegen Jahresende profitierten davon auch Unternehmen des oberen Mittelstands.
Prämiennachlässe werden wieder möglich
Im breiteren Mittelstand verlief die Entwicklung zunächst langsamer. Dort wirkten die Sanierungsmaßnahmen aus der vorherigen harten Marktphase länger nach. Einzelne Unternehmen wurden weiterhin mit Mehrprämienforderungen konfrontiert – laut Aon allerdings zunehmend aufgrund ihrer individuellen Risikosituation und nicht mehr als Ausdruck eines allgemeinen Markttrends. Im ersten Halbjahr 2026 wollten die Versicherer die Preise in diesem Segment zunächst stabil halten. Wo Wettbewerb entstand, ließ sich dieses Ziel jedoch nicht durchhalten: Prämiennachlässe wurden wieder möglich.
Aon zieht daraus ein bemerkenswert klares Zwischenfazit: Mit Prämiensatzerhöhungen allein können Versicherer kein Bestandswachstum mehr erzielen. Stattdessen müssen sie Bestandssicherung, Preisgestaltung und Neugeschäft miteinander austarieren. Weil der Wettbewerb um globale Großkunden bereits besonders intensiv ist, dürfte der Mittelstand für die Anbieter zusätzlich an Bedeutung gewinnen.
Risikoqualität bleibt die Grenze des Wettbewerbs
Für mittelständische Unternehmen erwartet Aon deshalb im weiteren Jahresverlauf eine nochmals höhere Wettbewerbsintensität. Auch die bisherige Risikoselektion der Versicherer könnte angesichts ihrer Wachstumsziele auf den Prüfstand kommen. Einen vollständigen Rückfall in alte Zeichnungspraktiken erwartet der Makler allerdings nicht. Mindestanforderungen an die Risikoqualität sollen dem Preiswettbewerb ausdrücklich nicht geopfert werden.
Damit unterscheidet sich der weichere Markt auch von einem einfachen Preisverfall: Gute Risiken erhalten mehr Auswahl und Verhandlungsspielraum. Unternehmen mit Schwächen beim Risikomanagement können dagegen weiterhin mit höheren Preisen oder schwierigeren Platzierungen konfrontiert sein.
Aon warnt vor falscher Sicherheit bei Naturgefahren
Die günstigere Marktphase eröffnet Unternehmen nach Einschätzung von Aon zudem die Möglichkeit, nicht nur über den Preis zu verhandeln. Der Makler empfiehlt, den Spielraum auch zur Verbesserung des Versicherungsschutzes zu nutzen – beispielsweise indem vereinbarte Limits inflationsbereinigt oder an steigende Schadenpotenziale durch klimabedingte Naturgefahren angepasst werden.
Gerade die vergleichsweise geringe Belastung durch Naturgefahren in jüngerer Zeit sollte dabei nicht fehlinterpretiert werden. Aon warnt ausdrücklich davor, daraus einen Trend abzuleiten. Damit kommt der Makler zu einer ähnlichen Einschätzung wie zuletzt Munich Re und Swiss Re: Auch die Rückversicherer sehen in niedrigeren Katastrophenschäden keine strukturelle Entspannung. Entscheidend bleiben Klimawandel, steigende Werte und die Frage, wo Naturereignisse auf besonders hohe Exponierungen treffen.
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