Wächst die Branche wirklich – oder steigen nur die Preise?
Steigende Beitragseinnahmen, verbesserte Ergebnisse und eine insgesamt robuste Entwicklung: Auf den ersten Blick präsentiert sich die Schaden- und Unfallversicherung in guter Verfassung. Doch hinter vielen Wachstumszahlen steckt vor allem Inflation. Analysen von Assekurata und Simon-Kucher zeigen, dass höhere Beiträge nicht automatisch mehr Geschäft oder dauerhaft bessere Profitabilität bedeuten.
Die deutschen Schaden- und Unfallversicherer können auf ein erfolgreiches Jahr 2025 zurückblicken. In zahlreichen Sparten stiegen die Beitragseinnahmen deutlich an, gleichzeitig verbesserten sich die versicherungstechnischen Ergebnisse. Für Außenstehende wirkt dies wie eine klare Erfolgsgeschichte. Der zweite Blick zeigt jedoch ein differenzierteres Bild. Denn die entscheidende Frage lautet nicht, ob die Branche wächst. Sondern wodurch dieses Wachstum entsteht.
Höhere Beiträge treiben die Entwicklung
Besonders deutlich wird dies in der Kraftfahrtversicherung. Dort stiegen die Beitragseinnahmen 2025 um rund 13,4 Prozent. Nach mehreren verlustreichen Jahren hatten zahlreiche Versicherer ihre Prämien spürbar angehoben, um die stark gestiegenen Reparatur- und Schadenkosten aufzufangen. Die bessere Ertragslage resultiert deshalb nicht allein aus zusätzlichem Geschäft, sondern vor allem aus höheren Beiträgen. Ein ähnliches Bild zeigt sich in anderen Sparten. In der Wohngebäudeversicherung sorgen die Mechanismen der gleitenden Neuwertversicherung automatisch für steigende Prämien, wenn Baupreise und Wiederherstellungskosten zunehmen. Die Branche wächst damit vielfach nominal – also in Euro gemessen. Ob daraus auch ein nachhaltiges reales Wachstum entsteht, ist eine andere Frage.
Inflation verändert den Blick auf die Zahlen
Genau hierin sehen Marktbeobachter eine der zentralen Herausforderungen. Steigende Beitragseinnahmen wirken zunächst positiv. Gleichzeitig steigen jedoch auch die Kosten. Ersatzteile, Handwerkerleistungen, Baumaterialien und technische Komponenten haben sich in den vergangenen Jahren erheblich verteuert. Versicherer müssen daher einen wachsenden Teil ihrer Mehreinnahmen nutzen, um diese Kostensteigerungen auszugleichen. Das erklärt, warum steigende Prämien nicht automatisch zu höheren Gewinnen führen.
Gute Ergebnisse profitieren von günstigen Rahmenbedingungen
Hinzu kommt ein weiterer Faktor: 2025 verlief aus Sicht vieler Versicherer vergleichsweise schadenarm. Vor allem in der Wohngebäudeversicherung blieben größere Naturkatastrophen weitgehend aus. Das entlastete die Schadenbilanzen spürbar. Doch auch hier warnen Experten vor voreiligen Schlüssen. „Ein gutes Schadenjahr heilt keine strukturelle Untertarifierung“, sagt Dr. Dirk Schmidt-Gallas, Senior Partner und Gründer der globalen Insurance Practice von Simon-Kucher. Die guten Ergebnisse seien daher nicht automatisch Ausdruck einer nachhaltigen Gesundung der Sparte. Vielmehr profitierten viele Versicherer von außergewöhnlich günstigen Rahmenbedingungen.
Die eigentliche Bewährungsprobe steht noch aus
Besonders deutlich wird dies in der Wohngebäudeversicherung. Nach Angaben von Simon-Kucher lag die durchschnittliche Combined Ratio der Sparte zwischen 1996 und 2025 bei rund 106 Prozent. Werden Rückversicherungs- und Kapitalkosten berücksichtigt, ergibt sich sogar eine wirtschaftliche Combined Ratio von etwa 118 Prozent. Die Sparte erwirtschaftete ihre ökonomischen Kosten damit langfristig nicht vollständig aus eigener Kraft. „Die Wohngebäudeversicherung steht vor einer strategischen Bewährungsprobe: Wer seine Bestände jetzt nicht systematisch analysiert und risikoadäquat ausrichtet, verschiebt das Problem nur bis zum nächsten großen Schadenereignis“, warnt Dr. Per-Johan Horgby, Vorstandsmitglied der Württembergischen Versicherung AG. Die eigentliche Belastungsprobe kommt somit erst dann, wenn ein größeres Naturereignis die Kalkulationen erneut auf die Probe stellt.
Wachstum braucht Profitabilität
Für Versicherer entsteht daraus ein Balanceakt. Einerseits bleibt Wachstum wichtig. Andererseits darf Wachstum nicht allein über den Preis oder eine zu aggressive Kalkulation erkauft werden. „Wachstum bleibt wichtig. Wenn es aber die Risikokosten nicht verdient, ist es künftiger Sanierungsbedarf in neuer Verpackung“, erklärt Schmidt-Gallas. Die Branche steht damit vor einer strategischen Frage: Reichen steigende Beitragseinnahmen aus, um die tatsächlichen Risiken langfristig zu finanzieren?
Was Vermittler aus der Entwicklung ableiten können
Auch für Vermittler lohnt ein genauer Blick hinter die Zahlen. Steigende Beiträge sind für Kunden oft schwer nachvollziehbar. Die aktuelle Entwicklung zeigt jedoch, dass viele Anpassungen weniger Ausdruck höherer Gewinne als vielmehr eine Reaktion auf gestiegene Schadenkosten und Inflation sind. Die Diskussion über Beitragssteigerungen dürfte daher auch in den kommenden Jahren anhalten.
Die Zahlen erzählen nicht die ganze Geschichte
Die Schaden- und Unfallversicherer haben 2025 wichtige Fortschritte erzielt. Gleichzeitig machen die Analysen von Assekurata und Simon-Kucher deutlich, dass gute Ergebnisse und steigende Beitragseinnahmen nicht automatisch bedeuten, dass alle strukturellen Probleme gelöst sind. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob die Branche wächst. Sondern ob dieses Wachstum dauerhaft ausreicht, um steigende Risiken, höhere Schadenkosten und zunehmende Naturgefahren nachhaltig zu finanzieren.
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