Kleiner Montagefehler, sechsstelliger Schaden: Das Risiko fehlerhafter Pressfittings
Pressfittings haben Bauprozesse schneller und einfacher gemacht. Doch ein nicht vollständig verpresster Anschluss kann lange unentdeckt bleiben – und aus einem kleinen Montagefehler einen sechsstelligen Wasserschaden machen. Der aktuelle VHV-Bauschadenbericht zeigt, warum moderne Verbindungstechnik ein unterschätztes Schadenpotenzial birgt und welche Folgen wiederkehrende Schäden sogar für den Versicherungsschutz haben können.
Kurz vor der Abnahme eines neu errichteten Bürogebäudes werden Feuchtigkeitsspuren an angrenzenden Wandbereichen entdeckt. Die Ursache liegt zunächst verborgen: Oberhalb einer abgehängten Decke ist ein Pressfitting nicht vollständig verpresst worden.
Zu diesem Zeitpunkt hat sich das austretende Wasser bereits unbemerkt über Dämmstoffe und Deckenaufbauten verteilt. Trocknung und Sanierung machen umfangreiche Rückbauarbeiten erforderlich, die Übergabe des Gebäudes verzögert sich. Am Ende steht ein Schaden in sechsstelliger Höhe. Der Ausgangspunkt dagegen war unspektakulär: ein einzelner, technisch geringfügiger Montagefehler.
Das Beispiel stammt aus dem aktuellen Bauschadenbericht Hochbau 2026/27 der VHV. Alexander Pritzl und Nils Weis, Kundenbetreuer beim bauass Versicherungsmakler GmbH & Co. KG, widmen sich darin dem zunehmenden Schadenpotenzial fehlerhafter Pressverbindungen.
Dass Bauschäden insgesamt immer kostspieliger werden, hatte Experten.de bereits anhand der übergeordneten Schadendaten des aktuellen VHV-Bauschadenberichts gezeigt. Der Blick auf Pressfittings verdeutlicht nun exemplarisch, wie aus vergleichsweise kleinen Ausführungsfehlern hohe Folgekosten entstehen können.
Warum Pressfittings auf modernen Baustellen so verbreitet sind
Pressfittings haben sich in der technischen Gebäudeausrüstung innerhalb weniger Jahre als Standardverbindungssystem etabliert. Dafür gibt es gute Gründe. Die Systeme ermöglichen kurze Montagezeiten und reproduzierbare Arbeitsabläufe. Gegenüber anderen Fügetechniken sinkt zudem das Brand- und Sicherheitsrisiko, weil weder offene Flammen noch aufwendige Fügeverfahren erforderlich sind. Gerade angesichts von Fachkräftemangel, engem Bauzeitenplan sowie steigendem Termin- und Kostendruck sind solche Systeme technisch und wirtschaftlich attraktiv. Mit ihrer zunehmenden Verbreitung wächst nach den Erfahrungen aus der Schadenpraxis allerdings auch die Bedeutung einer Fehlerquelle, deren Tragweite leicht unterschätzt werden kann.
38 Prozent der Leitungswasserschäden gehen auf Ausführungsfehler zurück
Zur Einordnung ziehen die Autoren eine Schadenstatistik des Instituts für Schadenverhütung und Schadenforschung (IFS) für die Jahre 2015 bis 2024 heran. Demnach gehen rund 38 Prozent der untersuchten Leitungswasserschäden auf Installations- und Ausführungsfehler zurück. Dazu zählen insbesondere unvollständig oder fehlerhaft ausgeführte Pressungen. Weitere 35 Prozent entfallen auf Betriebsbedingungen wie Druckspitzen oder Frosteinwirkungen. Produkt- und Materialmängel machen sieben Prozent, Planungsfehler ein Prozent aus. Bei 21 Prozent liegen andere oder mehrere Ursachen vor. Die Zahlen beziehen sich dabei auf untersuchte Leitungswasserschäden insgesamt und nicht ausschließlich auf Schäden an Pressfittings.
Auch die betroffenen Baugruppen zeigen allerdings, welche Bedeutung Verbindungsstellen haben: Verbindungen und Dichtungen stellen mit 28 Prozent den größten Einzelanteil der untersuchten Schadenfälle. Dahinter folgen Geräte und Bauteile mit 24 Prozent sowie Armaturen mit 19 Prozent. Bei den betroffenen Installationen dominiert Trinkwasser deutlich. 63 Prozent der Schäden entfallen darauf, gefolgt von Warmwasser mit 17 Prozent, Heizungswasser mit zehn Prozent sowie Abwasser und Regenwasser mit neun Prozent.
Das eigentliche Problem liegt oft hinter Wand und Decke
Bei Pressfitting-Schäden sind nach Einschätzung der Autoren häufig keine außergewöhnlichen Ereignisse die Ursache. Typisch sind vielmehr vergleichsweise kleine Ausführungsfehler. Ein Fitting wurde gar nicht oder nur teilweise verpresst. Pressbacken sind falsch dimensioniert oder verschlissen. Oder eine schwer zugängliche Einbausituation erschwert die korrekte Ausführung.
Das macht die Fehler zugleich schwer erkennbar. Bei einer reinen Sichtprüfung können solche Mängel unentdeckt bleiben. Teilweise werden sie erst bei systematischen Druck- und Dichtheitsprüfungen entdeckt – im ungünstigsten Fall sogar erst Wochen oder Monate nach Abnahme des Gebäudes. Und genau diese Verzögerung kann aus einer kleinen Leckage einen großen Schaden machen.
Technische Gebäudeausrüstung wird in modernen Gebäuden häufig verdeckt eingebaut, etwa in Installationsschächten, Vorwandkonstruktionen oder oberhalb abgehängter Decken. Dort kann Wasser längere Zeit austreten, ohne dass der Schaden unmittelbar sichtbar wird. Feuchtigkeit breitet sich über Dämmstoffe, Estriche und Wandaufbauten aus. Der eigentliche Wasseraustritt kann gering sein – der notwendige Rückbau später erheblich.
Kleiner Fehler, großer wirtschaftlicher Schaden
Aus Sicht der Autoren besteht deshalb bei Pressfitting-Schäden häufig ein deutliches Missverhältnis zwischen technischer Ursache und wirtschaftlicher Wirkung. Ist Wasser erst in Wand-, Decken- oder Bodenaufbauten eingedrungen, reicht die Reparatur der fehlerhaften Verbindung nicht aus. Es folgen technische Trocknung, Rückbau, Sanierung und Wiederherstellung betroffener Bauteile und Ausbaugewerke. Insbesondere bei hochwertigem Innenausbau oder in Holz-Hybrid-Bauweise erreichen solche Schäden nach Angaben der Autoren nicht selten sechsstellige Beträge.
Hinzu kommen indirekte Folgen. Die Fertigstellung kann sich verzögern, Gewerke müssen neu koordiniert und Termine verschoben werden. Auch externe Sachverständige und zusätzliche Maßnahmen zur Mangelbeseitigung verursachen Kosten. Nicht jede dieser Positionen lässt sich vollständig über eine Versicherung auffangen.
Wenn der Wasserschaden zum Versicherungsproblem wird
Damit endet das Risiko nicht beim einzelnen Bauprojekt. Pritzl und Weis weisen darauf hin, dass wiederkehrende Schäden dieser Art langfristig auch die Versicherbarkeit der beteiligten Unternehmen beeinflussen können. Besonders in der Bauleistungsversicherung können wiederkehrende oder überdurchschnittlich hohe Schäden zu höheren Schadenquoten und damit zu einer kritischeren Risikobewertung durch Versicherer führen. Mögliche Folgen sind steigende Prämien, höhere Selbstbehalte, Einschränkungen des Leistungsumfangs oder restriktivere Vertragsbedingungen.
Aus einem handwerklichen Ausführungsfehler wird damit unter Umständen eine versicherungsstrategische Frage: Häufen sich Schäden, geht es nicht mehr nur darum, wer einen einzelnen Schaden bezahlt, sondern zu welchen Bedingungen ein Unternehmen seine Risiken künftig überhaupt absichern kann.
Prävention beginnt vor dem Wasseraustritt
Die Autoren sehen deshalb sowohl technische als auch organisatorische Ansatzpunkte zur Schadenprävention. Dazu gehören verbindliche projektbezogene Press- und Prüfprotokolle sowie eine lückenlose Dokumentation des Zustands und der Wartungsintervalle verwendeter Werkzeuge. In besonders sensiblen Bauabschnitten können risikoorientierte Zwischenprüfungen helfen, Fehler zu entdecken, bevor Installationen verdeckt werden. Auch sensorische Frühwarnsysteme können in schadenanfälligen Bereichen dazu beitragen, Leckagen frühzeitig zu erkennen.
Eine weitere Rolle spielen die Nachunternehmerketten. Lange und unübersichtliche Strukturen können nach Einschätzung der Autoren die einheitliche Durchsetzung von Qualifikationsstandards, Werkzeugqualität und Dokumentationspflichten erschweren. Begrenzte Nachunternehmerketten, klar definierte Material- und Werkzeugfreigaben sowie geregelte Abnahme- und Übergabeprozesse sollen das Risiko reduzieren.
Entscheidend ist damit nicht allein, einen Wasseraustritt zu verhindern. Ebenso wichtig ist, Fehler möglichst früh zu erkennen und im Schadenfall schnell und strukturiert zu reagieren.
Gerade Pressfitting-Schäden zeigen, warum das einen erheblichen Unterschied machen kann: Die technische Ursache kann wenige Zentimeter groß sein – der wirtschaftliche Schaden erstreckt sich im ungünstigsten Fall über ein ganzes Gebäude.
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