Altersguillotine im Arbeitsrecht? Neue Regeln für längeres Arbeiten gefordert

Veröffentlichung: 17.02.2026, 11:02 Uhr - Lesezeit 6 Minuten

Deutschland verfügt bis 2035 über ein zusätzliches Erwerbspersonenpotenzial von bis zu 2,4 Millionen Menschen – vor allem in den Altersgruppen 60 bis 69 Jahre. Eine neue gutachterliche Stellungnahme im Auftrag des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) sieht jedoch starre Altersgrenzen und sozialrechtliche Vorgaben als zentrale Hemmnisse. Das DIA fordert flexiblere, rechtssichere Übergänge zwischen Erwerbsleben und Rente.

(PDF)
Dr. Peter Schwark, Sprecher des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA)Dr. Peter Schwark, Sprecher des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA)DIA

Demografie trifft Fachkräftemangel

Der demografische Wandel verschärft die strukturellen Spannungen am Arbeitsmarkt. Die Zahl der Rentenbezieher wächst schneller als die Zahl der Erwerbstätigen, gleichzeitig steigt die durchschnittliche Rentenbezugsdauer. Unternehmen klagen über Fachkräftemangel – während viele ältere Beschäftigte bereit wären, länger zu arbeiten, jedoch nicht unter starren Rahmenbedingungen.

Eine gutachterliche Stellungnahme von Prof. Dr. Felipe Temming (Universität Hannover) im Auftrag des DIA kommt zu dem Ergebnis, dass bis 2035 ein zusätzliches Erwerbspersonenpotenzial von bis zu 2,4 Millionen Menschen erschlossen werden könnte – insbesondere in den Altersgruppen 60–64 sowie 65–69 Jahre.

„Wir dürfen uns das Arbeits- und Erfahrungswissen der Über-60-Jährigen nicht entgehen lassen“, sagt Peter Schwark, Sprecher des DIA. „Wenn wir flexible, rechtssichere Übergänge ermöglichen, gewinnen Beschäftigte, Unternehmen und die Rentenversicherung gleichermaßen.“

„Altersguillotine“ als strukturelles Hindernis

Ein zentrales Problem sieht die Studie in den bestehenden arbeitsrechtlichen Altersgrenzen. Viele Arbeitsverhältnisse enden automatisch mit Erreichen der Regelaltersgrenze. Zwar ist ein Aufschieben möglich, erfordert jedoch eine aktive Vereinbarung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer – ohne verlässlichen Bestandsschutz. Die Regelaltersgrenze wirke dadurch faktisch als „Altersguillotine“ und erschwere längere Erwerbstätigkeit.

Hinzu kommen sozialversicherungsrechtliche Einschränkungen: Seit dem zweiten Betriebsrentenstärkungsgesetz können Lebensarbeitszeit- oder Wertguthabenkonten nach Erreichen der Regelaltersgrenze nicht mehr regulär genutzt werden. Die Guthaben gelten als „Störfall“ und werden zwangsaufgelöst – mit unmittelbarer Versteuerung und Verbeitragung, selbst wenn beide Seiten eine Weiterarbeit vereinbart haben.

Auch das weiterhin steuer- und sozialversicherungsrechtlich privilegierte Blockmodell der Altersteilzeit bewertet die Studie kritisch. Es fördere faktisch einen vorgezogenen Ausstieg aus dem Erwerbsleben – obwohl längere Erwerbsbeteiligung angesichts des Fachkräftemangels volkswirtschaftlich sinnvoll wäre.

„Die Fixierung auf eine starre Altersgrenze in arbeitsrechtlichen Vereinbarungen passt nicht mehr zu einer Gesellschaft, in der Lebensläufe vielfältiger werden und Menschen unterschiedlich lange leistungsfähig bleiben“, sagt Prof. Dr. Felipe Temming. „Nicht nur im Sozialversicherungsrecht, sondern auch im Arbeitsrecht sind rechtssichere und vor allem flexiblere Lösungen als bislang erforderlich, damit sich Erwerbstätigkeit und Rentenbezug besser überlappen können.“

Vier Forderungen an die Politik

Das DIA leitet aus der Analyse vier zentrale Reformvorschläge ab:

  1. Auflösung starrer Regelaltersgrenzen im Arbeitsrecht
    Arbeitsverhältnisse sollten nicht automatisch enden, sondern nur auf Wunsch der Beschäftigten oder bei betrieblichen Erfordernissen.
  2. Rechtssichere Beendigungsmöglichkeiten für Arbeitgeber
    Anpassungen im Kündigungsschutzrecht sollen ermöglichen, Arbeitsverhältnisse nach Erreichen der Regelaltersgrenze ohne unverhältnismäßige Risiken zu beenden.
  3. Öffnung von Lebensarbeitszeitkonten über die Regelaltersgrenze hinaus
    Eine gesetzliche Klarstellung in § 7c SGB IV soll ermöglichen, angesparte Zeitguthaben auch nach Erreichen der Regelaltersgrenze für Teilzeit- oder Freistellungsphasen zu nutzen.
  4. Neuausrichtung der Altersteilzeit
    Die Privilegierung des Blockmodells soll zugunsten flexibler, gleitender Übergänge zurückgeführt werden.

„Die Debatte über längeres Arbeiten darf nicht auf Schlagworte wie ‚Rente mit 70‘ verengt werden“, so Schwark. „Es geht nicht um Zwang, sondern um echte Wahlfreiheit – und um einen Rechtsrahmen, der individuell flexible und bedarfsgerechte Lösungen ermöglicht.“

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Plansecur-Geschäftsführer Heiko HauserPlansecur-Geschäftsführer Heiko HauserPlansecur
Fürs Alter

Plansecur zur Rente: Koalitionsvertrag ohne Kurswechsel bei Eigenvorsorge

Der Koalitionsvertrag zur Rente bringt Licht und Schatten: Während Frühstart- und Aktivrente positiv bewertet werden, kritisiert Plansecur das Ausbleiben eines echten Kurswechsels. Eine stärkere kapitalgedeckte Vorsorge sei weiter nicht in Sicht – und damit die langfristige Stabilität des Rentensystems gefährdet.
DALL-E
Fürs Alter

Altersvorsorge im Komplexitäts-Dschungel: Drei Viertel fühlen sich überfordert

Rund drei Viertel der Menschen in Deutschland empfinden Altersvorsorge als kompliziert. Besonders Geringverdiener verlieren schnell den Überblick – und schieben das Thema auf. Eine aktuelle Studie des DIA zeigt, wie stark die gefühlte Komplexität die Vorsorgebereitschaft beeinflusst.
Neue Bevölkerungsvorausberechnung bis 2070 zeigt massive demografische Verschiebungen, das Rentensystem gerät somit weiter unter Druck.Neue Bevölkerungsvorausberechnung bis 2070 zeigt massive demografische Verschiebungen, das Rentensystem gerät somit weiter unter Druck.adobe.stock
Studien

Deutschland wird älter, kleiner und ungleicher

Die Bevölkerung in Deutschland wird in den kommenden Jahrzehnten spürbar altern, abnehmen und sich regional unterschiedlich entwickeln.
Ältere leisten auf dem Arbeitsmarkt bereits mehr, als viele vermuten.Ältere leisten auf dem Arbeitsmarkt bereits mehr, als viele vermuten.adobe.stock
Wirtschaft

Ältere im Arbeitsmarkt: Von der Politik übersehen

Auch jenseits der Regelaltersgrenze ist ein Teil der älteren Bevölkerung beruflich aktiv – besonders dann, wenn Qualifikation und Gesundheit stimmen. Eine neue DIW-Studie zeigt: Ältere leisten einen messbaren Beitrag in Berufen mit Fachkräftemangel. Doch das Potenzial ist längst nicht ausgeschöpft – es fehlt an passenden politischen Rahmenbedingungen.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht