Debatte um längeres Arbeiten: Wirtschaftsministerin Reiche fordert höhere Lebensarbeitszeit
Das Renteneintrittsalter bleibt ein Zankapfel der Sozialpolitik. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche fordert eine höhere Lebensarbeitszeit – und stellt sich damit gegen die SPD. Auch Ökonomen sehen in einer längeren Erwerbsphase eine notwendige Reaktion auf den demografischen Wandel.
Die Diskussion um ein höheres Renteneintrittsalter erhält neuen Auftrieb. In einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ spricht sich Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) klar für eine längere Lebensarbeitszeit aus. Sie hält das bisherige Renteneintrittsalter angesichts des demografischen Wandels für nicht mehr tragfähig. „Wenn wir 100 Jahre alt werden, können wir nicht mit 63 Jahren aufhören zu arbeiten“, sagte die Ministerin.
Reiche plädiert für eine gesellschaftliche Debatte über die künftige Gestaltung der Arbeits- und Rentenbiografien. Eine Anhebung des Rentenalters hält sie für alternativlos, wenn Deutschland die Balance zwischen Wohlstandssicherung, Fachkräftemangel und Generationengerechtigkeit bewahren wolle.
SPD wehrt sich gegen weitere Anhebung
Die Forderung trifft auf deutlichen Widerspruch seitens der SPD. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke erklärte, es gebe „keinen Anlass, das Renteneintrittsalter weiter zu erhöhen“. Auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hatte sich in der Vergangenheit wiederholt gegen eine Anhebung ausgesprochen und stattdessen bessere Erwerbschancen für Ältere gefordert.
Tatsächlich ist das gesetzliche Renteneintrittsalter bereits auf einem steilen Pfad: Bis 2031 steigt es schrittweise von 65 auf 67 Jahre. Zusätzlich ermöglicht die abschlagsfreie „Rente mit 63“ nur Menschen mit mindestens 45 Beitragsjahren einen früheren Ausstieg. Laut Kritikern könnten weitere Anhebungen faktisch vor allem Geringverdiener und Menschen mit belastenden Berufen benachteiligen – jene, die am wenigsten flexibel sind und oft nicht bis 67 arbeiten können.
Ökonomen: Demografie erfordert politische Kurskorrektur
Ökonomisch betrachtet ist Reiches Vorstoß jedoch keineswegs aus der Luft gegriffen. Das Verhältnis von Erwerbstätigen zu Rentenbeziehenden verschlechtert sich rapide: Laut Bundesbank kommen derzeit 100 Beitragszahlerinnen auf 50 Rentnerinnen – 2060 könnten es nur noch 100 zu 70 sein. Bereits jetzt beträgt der Bundeszuschuss zur gesetzlichen Rentenversicherung rund 110 Milliarden Euro pro Jahr – mit steigender Tendenz.
Auch die Bundesbank und der Wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium hatten sich bereits 2023 für eine weitere Anhebung des Rentenalters ausgesprochen. Der Beirat betonte damals, ein starres Renteneintrittsalter sei mit der steigenden Lebenserwartung langfristig nicht vereinbar.
Flexible Modelle gefordert
Allerdings stellt sich die Frage, wie eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit sozialverträglich gestaltet werden kann. Arbeitsmarktforscher und Gewerkschaften fordern flexible Übergangsmodelle, gekoppelt mit gezielten Gesundheitspräventionen und Weiterbildungsangeboten. Ein pauschales Rentenalter, so der Tenor, greife zu kurz – die Realität vieler Erwerbsbiografien sei deutlich differenzierter.
Zudem gibt es Kritik daran, dass vor allem gutverdienende Büroangestellte von längeren Erwerbsphasen profitieren, während körperlich oder psychisch belastete Beschäftigte vorzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheiden müssen – oft mit Abschlägen.
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