GKV-Finanzkrise: Jens Baas fordert Steuerfinanzierung für Bürgergeld-Versicherte

Veröffentlichung: 15.07.2025, 06:07 Uhr - Lesezeit 4 Minuten

Ein internes Zahlenpapier zur Finanzentwicklung der GKV schlägt Wellen – die Prognose: ein Beitragssatz von 18,3 Prozent bis 2027. TK-Chef Jens Baas fordert in einem öffentlichen Post grundlegende Reformen, Transparenz über versicherungsfremde Leistungen und eine faire Finanzierungsverantwortung des Bundes.

(PDF)
Dr. Jens BaasDr. Jens BaasTechniker Krankenkasse

Der gesetzlich verankerte Solidarmechanismus der GKV droht an seine Grenzen zu stoßen. Eine offenbar vertrauliche Prognose aus dem Bundesgesundheitsministerium, über die die „Bild“-Zeitung berichtete, spricht von einem Anstieg des Beitragssatzes auf 18,3 Prozent bis 2027 – ein Niveau, das selbst gegenüber heutigen Belastungen als kaum tragfähig gilt. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse, reagierte darauf mit einem viel beachteten Kommentar auf LinkedIn – und erhebt klare Forderungen an Politik und Ressortverantwortliche.

„Kein Problem, ich bestätige diese Prognose gerne“, so Baas zur „streng vertraulichen“ Berechnung. Die Begründung: „Dafür muss man nämlich weder hellseherische Fähigkeiten haben noch ein Finanzgenie sein, sondern nur die aktuellen Zahlen anschauen: Die Ausgaben steigen um 6 bis 8 Prozent pro Jahr.“

Zugleich kritisiert Baas eine strukturelle Unwucht im System: „Unsere Versicherten und ihre Arbeitgeber bringen jedes Jahr 10 Milliarden Euro für die Versicherung von Bürgergeld-Empfängern auf – eine Aufgabe, die unzweifelhaft in das Ressort der Politik und nicht in das der Beitragszahler gehört.“ Diese Quersubventionierung führe dazu, dass die Krankenkassen auf Zuschüsse angewiesen seien, während der Staat seiner Finanzierungsverantwortung nicht vollständig nachkomme.

SPD-Chef Lars Klingbeil hatte in der „Bild“ betont, der Finanzminister könne „nicht dauernd angerufen und nach mehr Geld gefragt werden“. Stattdessen brauche es Strukturreformen. Baas stimmt dem prinzipiell zu – ergänzt aber: „Wir verzichten gerne auf ‚Zuschüsse‘, wenn Sie uns nur endlich die Gelder zukommen lassen, die uns zustehen.“

Fachlich betrachtet bringt Baas damit erneut das Thema der versicherungsfremden Leistungen auf die politische Tagesordnung. Schon der Wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium hatte mehrfach gefordert, diese Ausgaben klar steuerfinanziert zu regeln. Die Finanzierung von Bürgergeld-Beziehenden aus dem GKV-Topf ist damit nicht nur eine finanzielle, sondern eine ordnungspolitische Frage.

Für die gesetzliche Krankenversicherung wird 2025 damit zum Schicksalsjahr: Einerseits häufen sich Reformaufrufe aus Wissenschaft und Praxis, andererseits ist eine strukturelle Antwort der Politik bisher ausgeblieben. Die Herausforderung: steigende Ausgaben, alternde Bevölkerung, technischer Fortschritt – und ein System, das mehr denn je auf finanzielle Transparenz und strukturelle Ehrlichkeit angewiesen ist.

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Beiträge steigen, weil politische Verantwortung an den falschen Stellen verortet bleibt. Steuerfinanzierte Leistungen, fehlgesteuerte Kliniklandschaften und ungebremste Arzneimittelkosten – das sind die eigentlichen Stellgrößen.Beiträge steigen, weil politische Verantwortung an den falschen Stellen verortet bleibt. Steuerfinanzierte Leistungen, fehlgesteuerte Kliniklandschaften und ungebremste Arzneimittelkosten – das sind die eigentlichen Stellgrößen.Adobe
Gesundheitsvorsorge

Mehr Beitrag, weniger Steuerung – das stille Scheitern der Reform

Techniker-Krankenkassenchef Jens Baas warnt im ARD-‚Bericht aus Berlin‘ vor steigenden GKV-Beiträgen 2026 – und benennt strukturelle Versäumnisse: von Familienversicherung bis Klinikreform.
Die Gesundheitsausgaben steigen weiter, während der Steuerzuschuss an die Kassen begrenzt ist.Die Gesundheitsausgaben steigen weiter, während der Steuerzuschuss an die Kassen begrenzt ist.DALL-E
Krankenversicherung

Finanztip: Trotz Sparpaket drohen höhere Kassenbeiträge

Die Bundesregierung will mit einem Sparpaket von zwei Milliarden Euro den Anstieg der Krankenkassenbeiträge bremsen. Doch laut Finanztip dürfte vielen Versicherten auch 2026 eine weitere Beitragserhöhung bevorstehen – selbst wenn der durchschnittliche Zusatzbeitrag offiziell stabil bleibt.
DALL-E
Politik

GKV-Spitzenverband kritisiert Haushaltspläne: Darlehen keine nachhaltige Lösung

Kredite statt Reformen: Der GKV-Spitzenverband kritisiert die Haushaltspläne der Bundesregierung scharf und warnt vor langfristigen Folgen für Beitragszahlende und das Gesundheitssystem.
Oliver Blatt, Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbands.Oliver Blatt, Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbands.GKV-Spitzenverband
Politik

Gesundheitsreform 2026: Beitragssätze, Grenzen, Systemfragen

Mit dem geplanten GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz greift die Bundesregierung tief in die Finanzierungsstruktur der gesetzlichen Krankenversicherung ein. Erste Reaktionen aus GKV und PKV zeigen: Die Reform stößt auf Kritik – aus unterschiedlichen Gründen.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht