BaFin deckt Beratungsmängel bei Versicherungsanlageprodukten auf
Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hat bei einer Mystery-Shopping-Aktion deutliche Defizite bei der Beratung und Dokumentation im Vertrieb von Versicherungsanlageprodukten festgestellt. Das geht aus einem Bericht hervor, den die Aufsicht jetzt veröffentlicht hat. Die Aktion war Teil einer europaweiten Untersuchung, die von der Europäischen Aufsichtsbehörde EIOPA koordiniert wurde und zwischen März und Juni 2024 stattfand.
Insgesamt führten Testpersonen im Auftrag der BaFin 72 Beratungsgespräche bei sechs Versicherern und deren Vertriebspartnern durch – darunter Ausschließlichkeitsorganisationen, angestellter Außendienst sowie Bancassurance-Kanäle. Die Verträge wurden nach dem Abschluss widerrufen.
Lückenhafte Kundenexploration, unklare Geeignetheit
Die BaFin moniert, dass viele Vermittler zentrale Informationen zur Kundensituation nicht oder nur oberflächlich abfragten. Dazu gehörten Angaben zur Risikobereitschaft, zum Anlagezweck, zur finanziellen Situation oder zu Nachhaltigkeitspräferenzen. Auch die Prüfung und Dokumentation der Geeignetheit der empfohlenen Produkte erfolgte nur in etwa der Hälfte der Fälle. Lediglich 19 der 72 Verträge erfüllten die EIOPA-Kriterien zu Rendite, Risiko und Nachhaltigkeit.
Beratungsunterlagen oft zu umfangreich und unübersichtlich
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Dokumentationspraxis. Die Unterlagen umfassten häufig mehr als 200 Seiten – in Einzelfällen sogar über 400 Seiten. Dabei sei nicht immer erkennbar gewesen, auf welches konkrete Produkt sich zentrale Pflichtinformationen wie Basisinformationsblätter beziehen. Zudem wurden Dokumente zu Nachhaltigkeit und Eignung oft verspätet oder gar nicht übergeben.
Kosten häufig nicht ausreichend thematisiert
Die Kostenquote der vermittelten Produkte lag laut BaFin zwischen 0,71 und 3,29 Prozent jährlich. Zwar wurde in 94 Prozent der Gespräche über Rendite informiert, doch nur in rund zwei Drittel auch über die konkreten Kosten. In der Folge lag die Netto-Renditeerwartung häufig unterhalb der von Testpersonen formulierten Zielmarke von zwei Prozent.
Multioptionsprodukte dominieren – Nachhaltigkeit nicht immer adressiert
Der Großteil der vermittelten Verträge entfiel auf Multioptionsprodukte, die Fondskomponenten beinhalten. In 53 der 72 Verträge waren nachhaltige Anlagekomponenten enthalten. Gleichwohl bemängelte die BaFin, dass Nachhaltigkeit in der Beratung nicht immer angemessen thematisiert wurde – auch wenn die Offenlegungsverordnung dies vorschreibt.
BaFin kündigt Konsequenzen an
Die Aufsicht betont, dass es sich bei der Aktion um eine Momentaufnahme handelt. Dennoch wertet die BaFin die Ergebnisse als Indiz für systemische Schwächen. Man werde mit den betroffenen Versicherern in den Dialog treten, um die identifizierten Mängel zu beheben.
Mystery-Shopping-Aktionen ermöglichen der BaFin laut eigener Aussage einen besonders realitätsnahen Einblick in die Vertriebspraktiken – anders als etwa die Auswertung von Prüfberichten oder Verbraucherbeschwerden.
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