Zwischen KI-Chatbot und Anwalt: Rechtsschutzversicherer gewinnen an Bedeutung

Veröffentlichung: 07.05.2026, 14:05 Uhr - Lesezeit 7 Minuten

Immer mehr Menschen suchen bei Rechtsproblemen zunächst digitale Hilfe – doch die klassische Rechtsschutzversicherung behauptet ihre Rolle als wichtigste Anlaufstelle. Besonders auffällig: Während die klassische Internetrecherche an Bedeutung verliert, greifen vor allem jüngere Menschen zunehmend zu KI-Chatbots.

(PDF)
KI-Chatbots gewinnen bei Rechtsfragen an Bedeutung. Gleichzeitig bleibt die Rechtsschutzversicherung für viele Verbraucher die wichtigste Anlaufstelle zwischen digitaler Erstinformation und persönlicher Beratung.KI-Chatbots gewinnen bei Rechtsfragen an Bedeutung. Gleichzeitig bleibt die Rechtsschutzversicherung für viele Verbraucher die wichtigste Anlaufstelle zwischen digitaler Erstinformation und persönlicher Beratung.Redaktion experten.de / KI-generiert

Die Rechtsschutzversicherung entwickelt sich für viele Verbraucher immer stärker zur zentralen Schnittstelle bei rechtlichen Problemen. Das zeigt eine aktuelle repräsentative Befragung im Auftrag des Schweizerischen Versicherungsverbandes SVV.
Demnach besitzen inzwischen sechs von zehn Schweizerinnen und Schweizern eine Rechtsschutzversicherung – ein deutlicher Anstieg gegenüber 2023. Gleichzeitig berichtet mehr als ein Drittel der Befragten, bereits in Situationen geraten zu sein, in denen rechtliche Unterstützung notwendig wurde.
Besonders interessant ist dabei die Verschiebung bei der Informationssuche: Erstmals wurde auch die Nutzung von KI-Chatbots wie ChatGPT oder Gemini als mögliche Anlaufstelle bei Rechtsfragen untersucht.

KI wird neue Erst-Anlaufstelle

Aktuell würden bereits acht Prozent der Befragten bei Rechtsproblemen zunächst einen KI-Chatbot konsultieren. In der Altersgruppe der 15- bis 34-Jährigen liegt der Anteil sogar bei 14 Prozent. Parallel dazu verliert die klassische Internetrecherche an Bedeutung: Während 2023 noch 23 Prozent online nach rechtlichen Informationen suchten, sind es 2026 nur noch 15 Prozent.
Die Studie deutet damit auf einen grundlegenden Wandel im Informationsverhalten hin. Ein Teil der klassischen Suchmaschinen-Recherche verlagert sich offenbar hin zu dialogbasierten KI-Systemen.

Rechtsschutzversicherung bleibt zentrale Drehscheibe

Trotz dieses digitalen Wandels bleibt die Rechtsschutzversicherung die wichtigste Anlaufstelle bei juristischen Problemen. 43 Prozent der Befragten nennen ihre Rechtsschutzversicherung als ersten Ansprechpartner – deutlich vor Anwälten, Beratungsstellen oder dem persönlichen Umfeld. Damit festigt die Sparte ihre Rolle als organisatorische und finanzielle Schaltstelle zwischen:

  • Erstberatung,
  • Fallsteuerung,
  • Anwaltsvermittlung,
  • und Kostenübernahme.

Gerade in komplexen Rechtsfällen scheint der Wunsch nach Orientierung und Struktur weiterhin hoch zu sein.

Vertrauen bleibt menschlich

Bemerkenswert ist dabei: Je digitaler die Informationssuche wird, desto wichtiger bleibt offenbar der persönliche Kontakt. Vor allem jüngere Zielgruppen kombinieren digitale und analoge Erwartungen: 39 Prozent der 15- bis 34-Jährigen würden eine Rechtsschutzversicherung online abschließen, gleichzeitig wünschen sich 47 Prozent dieser Altersgruppe persönliche Ansprechpartner für die Besprechung konkreter Rechtsfälle.
Damit deutet sich ein hybrides Beratungsmodell an: Digitale Zugänge und KI-Tools gewinnen an Bedeutung, ersetzt werden persönliche Beratung und menschliche Einordnung jedoch bislang nicht.

Versicherer werden zu Lotsen im Rechtsmarkt

Die Ergebnisse zeigen zugleich eine strukturelle Verschiebung im Rechtsmarkt. Rechtsschutzversicherer übernehmen zunehmend nicht nur die Rolle des Kostenträgers, sondern auch die eines Navigators durch komplexe juristische Fragestellungen. Das spiegelt sich auch in den Erwartungen der Versicherten wider: 80 Prozent wünschen sich von ihrer Rechtsschutzversicherung eine konkrete Empfehlung für externe Anwälte. Gegenüber 2023 entspricht das einem deutlichen Anstieg.
Für Versicherer entsteht daraus eine neue Verantwortung. Nicht nur Regulierung und Kostenerstattung, sondern auch Orientierung, Qualitätssicherung, digitale Unterstützung, und Zugangssteuerung werden wichtiger.

KI verändert auch die Rechtsberatung

Die Studie liefert zudem einen frühen Hinweis darauf, wie sich Rechtsberatung insgesamt verändern könnte. KI-gestützte Systeme eignen sich besonders:

  • für erste Einschätzungen,
  • Standardfragen,
  • Dokumentenverständnis,
  • und schnelle Orientierung.

Gerade bei einfachen oder alltäglichen Rechtsfragen dürften solche Systeme künftig stärker genutzt werden. Komplexe Konflikte, emotionale Situationen oder strategische Entscheidungen bleiben dagegen weiterhin stark vom menschlichen Faktor geprägt. Die Rechtsschutzversicherung könnte dadurch künftig noch stärker zur Schnittstelle zwischen automatisierter Erstinformation, persönlicher Beratung und anwaltlicher Vertretung werden.

Positive Erfahrungen stärken die Sparte

Auffällig positiv fallen die Erfahrungswerte der Versicherten aus: 82 Prozent berichten laut Studie von guten Erfahrungen mit ihrer Rechtsschutzversicherung. Das dürfte ein wesentlicher Grund dafür sein, warum die Sparte trotz wachsender digitaler Konkurrenz weiter an Bedeutung gewinnt. Denn während KI-Tools schnelle Informationen liefern können, bleiben Vertrauen, Einordnung und konkrete Unterstützung im Ernstfall für viele Verbraucher weiterhin entscheidend.

Über die Studie:
Die Befragung wurde im März 2026 vom Marktforschungsinstitut DemoSCOPE im Auftrag der Fachkommission Rechtsschutz des Schweizerischen Versicherungsverbandes SVV durchgeführt. Befragt wurden 1.114 Personen ab 15 Jahren in der Deutschschweiz, Westschweiz und im Tessin.

(PDF)

LESEN SIE AUCH

KI-Tools wie ChatGPT, Gemini & Co. verändern die Online-Suche – noch dominiert Google, doch die Dynamik verschiebt sich.KI-Tools wie ChatGPT, Gemini & Co. verändern die Online-Suche – noch dominiert Google, doch die Dynamik verschiebt sich.DALL-E
Verbraucher

Googeln war gestern? Wie KI das Suchverhalten der Verbraucher verändert

KI-Tools wie ChatGPT, Gemini & Co. verändern die Online-Suche – noch dominiert Google, doch die Dynamik verschiebt sich. Besonders junge Zielgruppen setzen zunehmend auf KI, zeigt der neue „Trendmonitor Deutschland“ von Nordlight Research.
Sebastian Pitzler, Executive Vice President AI, BSI SoftwareSebastian Pitzler, Executive Vice President AI, BSI SoftwareBSI Software
Tools

KI-Boom ohne Werkzeuge? Ausschließlichkeitsvermittler vermissen Unterstützung der Versicherer

Künstliche Intelligenz gilt als einer der wichtigsten Treiber für Effizienz und Wachstum im Versicherungsvertrieb. Doch eine neue Studie von BSI Software und der Fachhochschule der Wirtschaft zeigt: Viele Ausschließlichkeitsvermittler nutzen KI bislang kaum. Nicht fehlende Offenheit scheint das Problem zu sein, sondern fehlende Werkzeuge, mangelnde Unterstützung und eine aus Sicht vieler Vermittler unzureichende technische Ausstattung.
Die Versicherungsbranche spricht über KI. Die Studie zeigt jedoch: Das eigentliche Problem sind nicht die Tools, sondern die fehlende organisatorische Integration.Die Versicherungsbranche spricht über KI. Die Studie zeigt jedoch: Das eigentliche Problem sind nicht die Tools, sondern die fehlende organisatorische Integration.Experten/KI
Studien

KI im Versicherungsvertrieb: Die Technik ist da – die Organisation fehlt

Eine neue Studie zeigt: Versicherungsvermittler sind offen für KI. Der eigentliche Engpass liegt bei Prozessen, Datenstrukturen und Organisation.
Viele Menschen möchten ihre Onlinezeit bewusster gestalten und digitale Ablenkungen reduzieren. Besonders jüngere Erwachsene wünschen sich häufiger Zeit für Familie, Hobbys und persönliche Erholung statt dauerhafter Smartphone-Nutzung.Viele Menschen möchten ihre Onlinezeit bewusster gestalten und digitale Ablenkungen reduzieren. Besonders jüngere Erwachsene wünschen sich häufiger Zeit für Familie, Hobbys und persönliche Erholung statt dauerhafter Smartphone-Nutzung.Redaktion experten.de / KI-generiert
Studien

Zwischen App und Auszeit: Die neue Sehnsucht nach Offline-Zeit

Mehr als 67 Stunden pro Woche verbringen die Deutschen im Internet. Dennoch wächst der Wunsch, digital kürzerzutreten – ausgerechnet bei den Jüngeren. Eine aktuelle Studie der Postbank zeigt, dass viele Menschen bewusster zwischen nützlichen und überflüssigen Online-Aktivitäten unterscheiden. Daraus könnten auch Versicherer wichtige Lehren ziehen.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Nicht laut, aber immer noch relevant"
Ausgabe 05/26

"Nicht laut, aber immer noch relevant"

Wibke Becker - Generalbevollmächtigte & Leiterin Maklervertrieb - Continentale - Mannheimer - EUROPA
"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht