Allianz: Ablenkung spielt bei jedem dritten Verkehrsunfall eine Rolle
Ablenkung am Steuer ist nach Untersuchungen der Allianz ein deutlich größeres Unfallrisiko als bislang angenommen. Eine umfangreiche Auswertung des Allianz Zentrums für Technik zeigt, wie häufig mangelnde Aufmerksamkeit an Verkehrsunfällen beteiligt sein könnte. Der Versicherer fordert Konsequenzen für Fahrzeughersteller, Gesetzgeber und Autofahrer.
Ablenkung ist nach Einschätzung der Allianz bei mindestens jedem dritten Verkehrsunfall ein unmittelbarer Auslöser oder ein entscheidender mitwirkender Faktor. Zu diesem Ergebnis kommt das Allianz Zentrum für Technik (AZT) nach einem umfangreichen Forschungsprogramm, dessen Ergebnisse am 21. Oktober beim 14. Allianz Motor Day vorgestellt wurden.
Bisherige Schätzungen gingen für Deutschland von einem Anteil von rund zehn Prozent aus. Die neuen Untersuchungen legen nach Angaben des Versicherers dagegen nahe, dass Ablenkung bei mehr als 30 Prozent der Unfälle eine Rolle spielt.
Für die Analyse kombinierte das AZT verschiedene Forschungsansätze. Dazu gehören die Auswertung von mehr als 34.000 Unfallfällen, Untersuchungen des Blickverhaltens in Fahrzeugen, Fahrsimulationen, internationale Fahrerbefragungen und die Auswertung wissenschaftlicher Veröffentlichungen.
Warum Ablenkung in Unfallstatistiken häufig verborgen bleibt
Anders als etwa Alkoholeinfluss lässt sich Ablenkung nach einem Verkehrsunfall oft nur schwer nachweisen. Ein kurzer Blick auf das Smartphone oder das Fahrzeugdisplay hinterlässt in der Regel keine eindeutigen Spuren. „Ablenkung lässt sich nach einem Unfall deutlich schwieriger nachweisen als etwa Alkoholeinfluss“, erklärt Christian Sahr, Leiter des Allianz Zentrums für Technik. Aus Sicht der Allianz wird das Problem deshalb in der amtlichen Unfallstatistik bislang erheblich unterschätzt.
Die neue Einschätzung von mindestens 30 Prozent ist allerdings keine unmittelbar aus der amtlichen Statistik ablesbare Quote. Sie beruht auf der Zusammenführung eigener Untersuchungen und internationaler Forschungsergebnisse.
Allianz-Chef warnt vor unterschätztem Sicherheitsrisiko
Frank Sommerfeld, Vorstandsvorsitzender der Allianz Versicherungs-AG, sieht in den Ergebnissen einen Anlass, das Thema Ablenkung im Straßenverkehr deutlich ernster zu nehmen. „Wir gehen inzwischen davon aus, dass mindestens jeder dritte Verkehrsunfall auf Ablenkung zurückzuführen ist. Das ist deutlich häufiger als bislang angenommen“, sagt Sommerfeld.
Die Untersuchungen zeigen zudem, dass abgelenkte Fahrer in bestimmten simulierten Verkehrssituationen ein höheres Kollisionsrisiko aufweisen als Fahrer unter einem simulierten Alkoholeinfluss von 0,8 Promille. „Ablenkung sollte gesellschaftlich ebenso geächtet werden wie Alkohol am Steuer“, fordert Sommerfeld. Die Aussage bezieht sich auf die untersuchten Szenarien und ist nicht als generelle Gleichsetzung aller Formen von Ablenkung mit einer bestimmten Blutalkoholkonzentration zu verstehen.
Fahrzeughersteller sollen Bedienkonzepte überarbeiten
Die Allianz sieht nicht nur die Fahrer in der Verantwortung. Auch die Gestaltung moderner Fahrzeugcockpits könne das Ablenkungsrisiko beeinflussen. Immer mehr Funktionen werden über zentrale Touchscreens gesteuert. Für alltägliche Bedienvorgänge sind dadurch teilweise mehrere Eingaben erforderlich, während der Blick vom Verkehrsgeschehen abgewendet wird. Der Versicherer fordert deshalb, häufig benötigte und sicherheitsrelevante Funktionen schnell und intuitiv erreichbar zu halten. Dazu zählen etwa Blinker, Scheibenwischer, Beleuchtung und Scheibenheizung. Physische Schalter oder dauerhaft sichtbare Bedienbereiche könnten dabei helfen, die Suche nach Funktionen zu verkürzen.
Allianz fordert einheitliche Erfassung von Ablenkungsunfällen
Neben sichereren Bedienkonzepten verlangt die Allianz eine bessere statistische Erfassung von Ablenkung im Straßenverkehr. Regulierungs- und Vollzugsbehörden müssten das Problem systematischer berücksichtigen. Auch technische Möglichkeiten zur Erkennung und Vermeidung von Ablenkung sollten weiterentwickelt werden. Die Verantwortung der Fahrer bleibt nach Auffassung des Versicherers dennoch zentral. Assistenzsysteme könnten unterstützen, die notwendige Aufmerksamkeit im Straßenverkehr aber nicht ersetzen.
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