Ablenkung am Steuer: Unfallrisiko steigt in Simulation auf das Dreifache
Wie gefährlich ist ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit am Steuer? Eine Untersuchung des Allianz Zentrums für Technik und des Forschungspartners cogniBIT hat das Kollisionsrisiko in kritischen Verkehrssituationen berechnet. Die Ergebnisse zeigen erhebliche Unterschiede zwischen aufmerksamen und abgelenkten Fahrern.
Ablenkung kann das Risiko einer Kollision in kritischen Verkehrssituationen nahezu verdreifachen. Das zeigt eine Untersuchung des Allianz Zentrums für Technik (AZT) gemeinsam mit dem auf kognitive Modellierung spezialisierten Unternehmen cogniBIT. Die Ergebnisse wurden beim Allianz Motor Day am 21. Oktober 2026 vorgestellt. Grundlage sind computergestützte Simulationen, die menschliche Wahrnehmung, Informationsverarbeitung und Reaktionsverhalten nachbilden. Dabei verglichen die Forscher, wie sich dieselben Verkehrssituationen entwickeln, wenn Fahrer aufmerksam sind, durch eine Nebentätigkeit abgelenkt werden oder unter einem simulierten Alkoholeinfluss von 0,8 Promille stehen.
Bei einer Gefahrenbremsung steigt das Kollisionsrisiko deutlich
Besonders deutlich fallen die Ergebnisse in einem simulierten Autobahnszenario aus. Bremst ein vorausfahrendes Fahrzeug plötzlich stark ab, kommt es bei aufmerksamen Fahrern in 18,2 Prozent der simulierten Fälle zu einer Kollision. Bei abgelenkten Fahrern steigt dieser Anteil auf 54,3 Prozent. Damit liegt das Kollisionsrisiko nahezu dreimal so hoch. Ein ähnliches Ergebnis zeigt sich bei einem Szenario, in dem ein Kind unvermittelt die Fahrbahn betritt. Hier steigt die Kollisionsquote von 3,9 Prozent bei aufmerksamen Fahrern auf 11,2 Prozent bei abgelenkten Fahrern. Die Prozentwerte beschreiben die Ergebnisse der simulierten Situationen. Sie sind keine allgemeinen Unfallwahrscheinlichkeiten für den Straßenverkehr.
Ablenkung im Modell riskanter als 0,8 Promille
Für die Untersuchung wurden die kritischen Verkehrssituationen auch mit einem simulierten Alkoholeinfluss verglichen. Nach Angaben der Allianz lag das Kollisionsrisiko bei abgelenkten Fahrern in allen vier untersuchten Szenarien über dem Risiko unter einem simulierten Blutalkoholwert von 0,8 Promille. Damit zeigen die Modellrechnungen, dass Ablenkung in bestimmten Situationen schwerwiegendere Folgen haben kann als ein erheblicher Alkoholeinfluss. Eine allgemeine Aussage, wonach jede Form von Ablenkung gefährlicher sei als Alkohol am Steuer, lässt sich daraus allerdings nicht ableiten.
Warum wenige Sekunden entscheidend sein können
Das eingesetzte Modell bildet nach, wie Menschen eine Gefahr wahrnehmen, Informationen verarbeiten und auf die Situation reagieren. Jedes Szenario wurde tausendfach simuliert. Dabei berücksichtigten die Forscher, dass sich Reaktionsgeschwindigkeit und Wahrnehmung zwischen Menschen unterscheiden und selbst bei einer Person schwanken können. Wer während der Fahrt auf ein Display blickt oder eine andere Tätigkeit ausführt, erhält weniger aktuelle Informationen über das Verkehrsgeschehen. Wird eine Gefahr dadurch später erkannt, bleibt weniger Zeit zum Bremsen oder Ausweichen.
„Mit unserer aktuellen AZT/cogniBIT-Studie können wir nun zusätzlich quantifizieren, wie stark sich das Kollisionsrisiko allein durch einen veränderten Fahrerzustand in derselben kritischen Verkehrssituation erhöht“, erklärt Studienleiter Michael Praxenthaler.
Simulation ergänzt die klassische Unfallforschung
Die Modellierung soll ein Problem lösen, das bei der Untersuchung realer Verkehrsunfälle häufig besteht: Nach einer Kollision lässt sich oft nicht mehr eindeutig feststellen, ob der Fahrer unmittelbar zuvor abgelenkt war. In der Simulation kann dagegen dieselbe Verkehrssituation unter kontrollierten Bedingungen wiederholt werden. Dabei wird gezielt verändert, ob der Fahrer aufmerksam oder abgelenkt ist. Das ermöglicht einen direkten Vergleich des modellierten Kollisionsrisikos.
Die Ergebnisse beruhen auf einem kognitiven Fahrermodell und realen Blickdaten aus einer Fahrzeugstudie. Sie ergänzen damit die Analyse tatsächlicher Unfälle, ersetzen diese jedoch nicht.
Quelle: Allianz Versicherungs-AG, „Allianz-Studie zeigt erstmals, wie stark Ablenkung das Unfallrisiko erhöht“, 21. Oktober 2026.
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