Wenn die Warnweste zur Gefahr für den Notbremsassistenten wird

Veröffentlichung: 02.11.2026, 07:11 Uhr - Lesezeit 7 Minuten

Reflektierende Kleidung soll Leben schützen. Doch ausgerechnet bei Menschen mit besonders gut sichtbarer Sicherheitskleidung versagen automatische Notbremsassistenten offenbar häufig. Eine ADAC-Untersuchung mit sechs Fahrzeugmodellen offenbart erhebliche Schwächen bei der Erkennung von Kindern, Bauarbeitern und Rettungskräften in der Dunkelheit.

(PDF)
Reflektierende Kleidung soll Kinder im Straßenverkehr besser schützen. Doch eine ADAC-Studie zeigt: Ausgerechnet bei gut sichtbaren Reflektoren erkennen automatische Notbremsassistenten Fußgänger häufig zu spät oder gar nicht.Reflektierende Kleidung soll Kinder im Straßenverkehr besser schützen. Doch eine ADAC-Studie zeigt: Ausgerechnet bei gut sichtbaren Reflektoren erkennen automatische Notbremsassistenten Fußgänger häufig zu spät oder gar nicht.Experten/KI

Ein Kind tritt zwischen parkenden Autos auf die Straße. Auf seiner Jacke und dem Schulranzen reflektieren helle Streifen das Scheinwerferlicht. Für einen aufmerksamen Autofahrer sollen sie ein zusätzliches Warnsignal sein. Für die automatische Notbremsfunktion moderner Fahrzeuge können sie dagegen zum Problem werden. Genau diesen Widerspruch hat der ADAC in einer Untersuchung aufgedeckt.

Sechs Fahrzeuge unterschiedlicher Hersteller mussten bei Dunkelheit auf Fußgänger reagieren. Das Ergebnis ist ernüchternd: Während die Systeme Personen mit gewöhnlicher dunkler Kleidung unter den jeweiligen Testbedingungen erkannten, versagten sie bei reflektierender Sicherheitsbekleidung teilweise vollständig.

Ausgerechnet Schutzkleidung bringt die Systeme an ihre Grenzen

Für die Untersuchung setzte der ADAC Fußgängerdummys mit unterschiedlicher Bekleidung ein. Zunächst ermittelten die Tester für jedes Fahrzeug die höchste Geschwindigkeit, bei der eine Kollision mit einem unauffällig gekleideten Erwachsenen beziehungsweise Kind noch verhindert werden konnte.

Anschließend wurden die Versuche mit reflektierender Bekleidung wiederholt.

Eine handelsübliche Warnweste bereitete den untersuchten Fahrzeugen noch keine Schwierigkeiten. Alle sechs Modelle erkannten den erwachsenen Dummy und verhinderten einen Zusammenstoß.

Anders sah es bei genormter Arbeitskleidung aus, wie sie etwa Bauarbeiter, Polizeibeamte, Rettungskräfte oder Mitarbeiter der Straßenwacht tragen. Hier erkannten fast alle Fahrzeuge die Person entweder überhaupt nicht oder erst so spät, dass eine Kollision nicht mehr verhindert werden konnte.

Besonders problematisch waren die Ergebnisse beim Kinderdummy. Während alle Systeme auf ein dunkel gekleidetes Kind reagierten, scheiterten nahezu sämtliche Fahrzeuge an einem Kind mit reflektierender Kleidung und Schulranzen.

Sechs Hersteller, ein gemeinsames Problem

Untersucht wurden der Mercedes CLA, das Tesla Model Y, der BYD Seal, der Hyundai Tucson, der Dacia Duster und der Opel Astra.

Eine unmittelbare Rangfolge lässt sich aus den Ergebnissen nicht ableiten. Der ADAC wählte für jedes Fahrzeug eine individuelle Referenzgeschwindigkeit, um die Erkennung bei vergleichbaren Ausgangsbedingungen innerhalb des jeweiligen Fahrzeugs zu beurteilen.

Eine Ausnahme gab es dennoch: Der Mercedes CLA erkannte als einziges untersuchtes Fahrzeug das reflektierend gekleidete Kind, das hinter einem parkenden Auto auf die Fahrbahn trat, und konnte die Kollision verhindern.

Das zeigt zumindest, dass eine solche Erkennung technisch möglich ist. Der ADAC vermutet die Ursache der Schwächen weniger in der verbauten Sensorik als in der softwareseitigen Klassifizierung der erfassten Objekte.

Die Systeme registrieren ihre Umgebung, müssen anschließend aber entscheiden, was sie tatsächlich vor sich haben. Offenbar können bestimmte Reflexionsmuster dazu führen, dass ein Fußgänger nicht mehr zuverlässig als solcher eingeordnet wird.

Ob sich die Probleme bei allen betroffenen Fahrzeugen tatsächlich durch ein Softwareupdate beheben lassen, ist damit allerdings noch nicht geklärt.

Eine Sicherheitslücke außerhalb der üblichen Prüfverfahren

Bemerkenswert ist auch, dass die Erkennung reflektierender Arbeits- und Kinderkleidung bislang weder ausdrücklich gesetzlich vorgeschrieben noch Bestandteil der anerkannten Prüfprotokolle von Euro NCAP ist.

Damit macht die Untersuchung auf eine Schwäche aufmerksam, die bei standardisierten Sicherheitstests nicht zwingend sichtbar wird. Ein Fahrzeug kann die vorgesehenen Prüfszenarien bestehen und dennoch bei alltäglichen Verkehrssituationen erhebliche Probleme haben.

Gerade bei Dunkelheit, an Baustellen, Unfallstellen oder auf Schulwegen kann dies gefährlich werden. Der ADAC fordert deshalb schnelle Nachbesserungen durch die Hersteller.

Reflektierende Kleidung bleibt unverzichtbar

Aus den Ergebnissen folgt allerdings keineswegs, dass Eltern ihre Kinder künftig ohne reflektierende Kleidung zur Schule schicken sollten. Im Gegenteil: Die bessere Sichtbarkeit für menschliche Autofahrer bleibt ein wesentlicher Sicherheitsgewinn.

Die Untersuchung zeigt vielmehr, dass technische Assistenzsysteme die Aufmerksamkeit des Fahrers nicht ersetzen können. Wer sich darauf verlässt, dass sein Fahrzeug eine Gefahr automatisch erkennt und rechtzeitig bremst, überschätzt unter Umständen dessen Fähigkeiten.

Für die Automobilhersteller ergibt sich daraus eine klare Aufgabe: Sicherheitssysteme müssen nicht nur unter standardisierten Testbedingungen funktionieren, sondern auch dort, wo Menschen durch ihre Kleidung besonders gut sichtbar sein sollen.

Denn eine Warnweste darf für die Technik nicht ausgerechnet das werden, was sie für den Menschen verhindern soll: ein Grund, die Gefahr zu übersehen.

Quelle: ADAC e. V., Untersuchung vom 27. Oktober 2026, Sicherheitslücke bei Notbremsassistenten

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Laut Allianz spielt Ablenkung bei mindestens jedem dritten Verkehrsunfall eine Rolle. Neue Studien zeigen ein bislang unterschätztes Risiko.Laut Allianz spielt Ablenkung bei mindestens jedem dritten Verkehrsunfall eine Rolle. Neue Studien zeigen ein bislang unterschätztes Risiko.Redaktion experten.de / KI-generiert
Flotte Fahrzeuge

Allianz: Ablenkung spielt bei jedem dritten Verkehrsunfall eine Rolle

Ablenkung am Steuer ist nach Untersuchungen der Allianz ein deutlich größeres Unfallrisiko als bislang angenommen. Eine umfangreiche Auswertung des Allianz Zentrums für Technik zeigt, wie häufig mangelnde Aufmerksamkeit an Verkehrsunfällen beteiligt sein könnte. Der Versicherer fordert Konsequenzen für Fahrzeughersteller, Gesetzgeber und Autofahrer.
Micro-Cars werden auf deutschen Straßen deutlich häufiger. Ihr Bestand ist innerhalb von drei Jahren um fast 80 Prozent gestiegen – zugleich rückt mit der wachsenden Verbreitung die Sicherheit der kleinen Fahrzeuge stärker in den Fokus.Micro-Cars werden auf deutschen Straßen deutlich häufiger. Ihr Bestand ist innerhalb von drei Jahren um fast 80 Prozent gestiegen – zugleich rückt mit der wachsenden Verbreitung die Sicherheit der kleinen Fahrzeuge stärker in den Fokus.Redaktion experten.de / KI-generiert
Flotte Fahrzeuge

Zahl der Micro-Cars steigt in drei Jahren um fast 80 Prozent

Micro-Cars werden auf deutschen Straßen deutlich häufiger. Gerade für kurze Wege und junge Fahrer können die kleinen Fahrzeuge eine Alternative zum Auto sein. Doch die Schadenstatistik zeigt eine Besonderheit: Langsamer bedeutet offenbar nicht automatisch weniger Unfälle.
Autos werden besser – und bleiben trotzdem öfter liegen. Die ADAC-Daten zeigen, warum der Widerspruch kein Zufall ist.Autos werden besser – und bleiben trotzdem öfter liegen. Die ADAC-Daten zeigen, warum der Widerspruch kein Zufall ist.Fotalia
Flotte Fahrzeuge

ADAC-Pannenstatistik 2026: Weniger Defekte – mehr Pannen

Warum Autos zuverlässiger werden, aber Pannen zunehmen: Analyse der ADAC Pannenstatistik 2026 mit strukturellen Trends.
Nikguy / pixabay
Flotte Fahrzeuge

E-Mobilität 2026: Förderung, Haftung und neue Risiken im Überblick

Neue Kaufprämien für E-Autos, strengere Haftungsregeln für E-Scooter: Die Elektromobilität wird 2026 nicht nur ausgeweitet, sondern auch rechtlich neu justiert. Hinweise und Einschätzungen der ARAG SE zeigen, worauf Verbraucher bei Förderung, Nutzung und Versicherung achten sollten.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

Beihilfe im Wandel
Ausgabe 10/26

Beihilfe im Wandel

Dr. Günther Blaich, Dr. Gerd Sautter und Fabian Ober - INTER
"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"
Ausgabe 07/26

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"

Klaus Liebig und Robert Schmidt, Geschäftsführer der vfm Gruppe
"Nicht laut, aber immer noch relevant"
Ausgabe 05/26

"Nicht laut, aber immer noch relevant"

Wibke Becker - Generalbevollmächtigte & Leiterin Maklervertrieb - Continentale - Mannheimer - EUROPA
"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht