Irankrieg: Getreidepreise könnten um 80 Prozent steigen
Der Irankrieg gefährdet zunehmend die weltweite Nahrungsmittelproduktion. Nach Angaben der Internationalen Handelskammer sind die globalen Düngemittelexporte erheblich zurückgegangen. Hält die Störung der Lieferketten an, könnten die Getreidepreise um bis zu 80 Prozent steigen. Die eigentlichen wirtschaftlichen Folgen wären allerdings erst mit den kommenden Ernten zu erwarten.
Die wirtschaftlichen Folgen des Irankriegs reichen inzwischen weit über die Energieversorgung hinaus. Während steigende Öl- und Gaspreise unmittelbar auf Unternehmen und Verbraucher wirken, entwickelt sich auf den internationalen Agrarmärkten ein Risiko, dessen tatsächliches Ausmaß erst in den kommenden Monaten sichtbar werden dürfte. Der Konflikt beeinträchtigt die Versorgung mit Düngemitteln und damit eine wesentliche Voraussetzung für die landwirtschaftliche Produktion. Bleiben die Lieferungen über längere Zeit aus, drohen geringere Ernten, steigende Getreidepreise und eine erneute Verteuerung von Lebensmitteln.
Wie das Wall Street Journal unter Berufung auf John Denton, Generalsekretär der Internationalen Handelskammer (ICC), berichtet, sind die weltweiten Düngemittelexporte infolge des Krieges um nahezu 40 Prozent zurückgegangen. Sollte sich die Versorgung nicht kurzfristig stabilisieren, hält Denton einen Anstieg der Getreidepreise um bis zu 80 Prozent für möglich. Dabei handelt es sich nicht um eine konkrete Preisprognose, sondern um die Beschreibung eines Risikos, das wesentlich von der Dauer der Lieferunterbrechungen abhängt.
Düngemittel werden zum wirtschaftlichen Engpass
Die Landwirtschaft ist auf eine kontinuierliche Versorgung mit Stickstoff-, Phosphat- und Kalidüngern angewiesen, deren Verfügbarkeit und Preisentwicklung maßgeblich über die Wirtschaftlichkeit des Ackerbaus entscheiden. Insbesondere die Herstellung stickstoffhaltiger Düngemittel ist eng mit dem Energiemarkt verbunden, weil Erdgas sowohl als Energieträger als auch als Ausgangsstoff für die Ammoniakproduktion benötigt wird.
Der Irankrieg trifft damit einen Markt, dessen Bedeutung für die globale Ernährungssicherheit häufig erst dann sichtbar wird, wenn Lieferketten nicht mehr funktionieren. Denn anders als bei vielen industriellen Produktionsprozessen lassen sich ausgefallene Betriebsmittel in der Landwirtschaft nicht beliebig nachholen. Die Ausbringung von Dünger ist an bestimmte Entwicklungsphasen der Pflanzen gebunden. Wird zu wenig oder zum falschen Zeitpunkt gedüngt, kann dies die Erträge beeinträchtigen, selbst wenn sich die Versorgung später wieder normalisiert.
Für landwirtschaftliche Betriebe entsteht daraus ein doppeltes wirtschaftliches Risiko. Sie müssen höhere Preise für Düngemittel akzeptieren, ohne zu wissen, ob die späteren Getreideerlöse diese zusätzlichen Kosten decken werden. Verzichten sie dagegen auf einen Teil der vorgesehenen Düngung, gefährden sie möglicherweise ihre Erträge und damit die wirtschaftliche Grundlage des Betriebs.
Warum die Getreidepreise erst später reagieren könnten
Die von Denton genannte Größenordnung eines möglichen Preisanstiegs um 80 Prozent verdeutlicht vor allem, wie empfindlich die internationalen Agrarmärkte auf länger anhaltende Produktionsausfälle reagieren könnten. Allerdings bedeutet ein Rückgang der Düngemittelexporte zunächst weder einen entsprechenden Rückgang der Erntemengen noch einen unmittelbar bevorstehenden Anstieg der Getreidepreise in gleicher Höhe.
Entscheidend ist vielmehr, ob vorhandene Lagerbestände ausreichen, alternative Lieferanten einspringen können und in welchem Umfang Landwirte ihre Anbau- und Düngeplanung verändern müssen. Solange bereits produzierte Getreidemengen verfügbar sind und bestehende Lieferverträge erfüllt werden, können die Auswirkungen auf die tatsächliche Versorgung begrenzt bleiben.
Die wirtschaftliche Wirkung einer anhaltenden Düngemittelknappheit entfaltet sich dagegen erst mit den folgenden Ernten. Fallen diese geringer aus, reduziert sich das verfügbare Angebot, während die Nachfrage nach Getreide für Lebensmittel, Futtermittel und industrielle Anwendungen weitgehend bestehen bleibt. Der daraus entstehende Preisdruck könnte sich über mehrere Produktions- und Handelsstufen fortsetzen.
Gerade diese zeitliche Verzögerung unterscheidet die drohende Agrarkrise von den unmittelbar sichtbaren Preisreaktionen auf den Energiemärkten. Ein Rückgang der Ölpreise nach einer möglichen Entspannung des Konflikts würde bereits eingetretene Ernteverluste nicht ausgleichen.
Steigende Lebensmittelpreise treffen nicht alle Länder gleichermaßen
Besonders schwerwiegend könnten die Folgen für Entwicklungs- und Schwellenländer ausfallen, deren Landwirtschaft stark von importierten Düngemitteln abhängig ist. Denton verweist gegenüber dem Wall Street Journal auf die Philippinen, die rund 90 Prozent ihres Düngemittelbedarfs aus dem Ausland beziehen. Steigende Beschaffungskosten oder ausbleibende Lieferungen treffen dort unmittelbar die landwirtschaftliche Produktion und können die ohnehin angespannte Versorgungssituation verschärfen.
In wirtschaftlich stärkeren Ländern wie Deutschland dürfte sich eine mögliche Getreideverknappung zunächst vor allem über höhere Produktions- und Verarbeitungskosten bemerkbar machen. Allerdings wäre es verkürzt, einen Anstieg der Getreidepreise unmittelbar auf die Lebensmittelpreise zu übertragen. Bei Brot, Backwaren und anderen verarbeiteten Produkten bestimmen neben den Rohstoffkosten auch Energie, Personal, Transport und Handelsspannen den Endverbraucherpreis.
Anders stellt sich die Situation in der Tierhaltung dar, in der Getreide einen wesentlichen Bestandteil der Futterkosten ausmacht. Steigende Preise können hier die wirtschaftliche Belastung der Betriebe erhöhen und sich mit zeitlicher Verzögerung auch auf die Preise für Fleisch und andere tierische Erzeugnisse auswirken.
Damit würde sich der Konflikt nicht nur auf einzelne Agrarrohstoffe auswirken, sondern möglicherweise auf weite Teile der Lebensmittelwirtschaft.
Der internationale Getreidehandel könnte sich verschieben
Eine weitere Konsequenz liegt in der möglichen Veränderung internationaler Handelsströme. Sollten die Ernten in besonders stark vom Düngemittelmangel betroffenen Regionen zurückgehen, müssten diese Länder ihren zusätzlichen Bedarf auf dem Weltmarkt decken. Die Nachfrage würde sich damit stärker auf jene Erzeugerländer konzentrieren, deren Landwirtschaft weiterhin ausreichend mit Düngemitteln versorgt ist.
Für exportorientierte Agrarregionen könnten sich daraus zwar zusätzliche Absatzmöglichkeiten ergeben, zugleich würden aber auch die Abhängigkeiten innerhalb des Welthandels wachsen. Denn wenn sich das verfügbare Exportangebot auf weniger Länder konzentriert, gewinnen regionale Wetterereignisse, Transportstörungen und staatliche Eingriffe in den Handel erheblich an Bedeutung.
Die Preisbildung auf den internationalen Getreidemärkten würde damit nicht allein von der tatsächlichen Erntemenge bestimmt, sondern zunehmend auch von der Frage, welche Mengen überhaupt für den Export zur Verfügung stehen.
Die eigentliche Belastung könnte erst mit den kommenden Ernten beginnen
Die Warnung der Internationalen Handelskammer macht deutlich, dass die wirtschaftlichen Folgen des Irankriegs nicht mit der Entwicklung der Energiepreise gleichgesetzt werden können. Während Öl und Gas auf geopolitische Veränderungen innerhalb kürzester Zeit reagieren, folgt die Landwirtschaft einem Produktionsrhythmus, der sich weder beschleunigen noch kurzfristig korrigieren lässt.
Ob die Getreidepreise tatsächlich in der von Denton beschriebenen Größenordnung steigen, bleibt offen. Dafür sind die Dauer des Konflikts, die Verfügbarkeit alternativer Düngemittellieferungen und die Entwicklung der kommenden Ernten von zu vielen Unsicherheiten abhängig.
Das grundsätzliche Risiko ist jedoch bereits erkennbar: Eine länger anhaltende Störung der Düngemittelversorgung kann aus einem zunächst regional begrenzten militärischen Konflikt eine weltweite Belastung für die Nahrungsmittelproduktion machen. Während die unmittelbaren Kosten des Krieges bereits heute sichtbar werden, könnten seine schwerwiegendsten Folgen für die Agrarmärkte erst dann eintreten, wenn die nächsten Ernten eingebracht werden.
Quelle: The Wall Street Journal, Berichterstattung über die Warnungen von ICC-Generalsekretär John Denton zu den Folgen des Irankriegs für Düngemittelversorgung und Getreidepreise, Oktober 2026
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