Teilzeit auf Rekordhoch: Macht der Mindestlohn aus Vollzeit immer öfter Teilzeit?
Deutschland arbeitet so viel in Teilzeit wie nie zuvor. Im zweiten Quartal 2026 erreichte die Teilzeitquote nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) mit 40,3 Prozent einen neuen Rekord. Während die Zahl der Teilzeitbeschäftigten gegenüber dem Vorjahr um 0,5 Prozent zunahm, ging die Vollzeitbeschäftigung um 0,9 Prozent zurück. Das IAB erklärt die Entwicklung vor allem mit dem Strukturwandel: Vollzeitintensive Branchen wie die Industrie verlieren Beschäftigte, während Gesundheit, Soziales und Bildung wachsen – Bereiche, in denen Teilzeit besonders verbreitet ist.
Doch ausgerechnet jetzt stellt sich noch eine andere Frage: Was passiert, wenn Arbeit durch einen immer höheren Mindestlohn teurer wird? Wird dann nicht zwangsläufig auch an den Arbeitsstunden gespart?
Höherer Stundenlohn, weniger Stunden
Ganz von der Hand weisen lässt sich diese Vermutung nicht. Seit seiner Einführung 2015 ist der Mindestlohn von 8,50 Euro auf inzwischen 13,90 Euro gestiegen. Das entspricht einem Plus von fast 64 Prozent.
Untersuchungen im Auftrag der Mindestlohnkommission zeigen, dass Unternehmen auf Mindestlohnerhöhungen tatsächlich auch über die Arbeitszeit reagieren. Bei der Erhöhung auf zwölf Euro im Oktober 2022 ging die bezahlte Wochenarbeitszeit in betroffenen Beschäftigtengruppen mindestlohnbedingt um bis zu drei Prozent zurück.
Besonders deutlich zeigte sich dieser Effekt schon zuvor bei Minijobs. Nach Daten des Statistischen Bundesamtes arbeiteten Minijobber im Mindestlohnbereich 2014 durchschnittlich neun Stunden pro Woche. 2022 waren es zeitweise nur noch 7,1 Stunden.
Die Rechnung dahinter war lange einfach: Solange die Minijobgrenze bei 450 Euro eingefroren blieb, bedeutete ein höherer Mindestlohn automatisch weniger mögliche Arbeitsstunden. Bei 8,50 Euro konnten für 450 Euro rund 53 Stunden im Monat gearbeitet werden, bei 10,45 Euro nur noch etwa 43 Stunden.
Aus Minijobs wurden nicht einfach mehr Minijobs
Naheliegend wäre die Vermutung, Unternehmen hätten die fehlenden Stunden einfach auf zusätzliche Minijobber verteilt. Genau das zeigen die Daten jedoch nicht.
Die Zahl der ausschließlich geringfügig Beschäftigten ging nach Einführung des Mindestlohns zurück. Ein Teil der Beschäftigung wanderte stattdessen in sozialversicherungspflichtige Teilzeit. Untersuchungen des IAB zeigen für die Jahre nach Einführung des Mindestlohns einen deutlichen Rückgang ausschließlicher Minijobs gegenüber dem vorherigen Trend und gleichzeitig einen über dem Trend liegenden Anstieg sozialversicherungspflichtiger Teilzeit.
Der Mindestlohn hat damit offenbar nicht einfach Arbeitsplätze vernichtet oder zusätzliche Minijobs geschaffen. **Er hat dazu beigetragen, die Beschäftigungsstruktur zu verändern.**
Der Teilzeitrekord hat trotzdem einen Haken
Wer aus den aktuellen 40,3 Prozent Teilzeitquote schließt, die Deutschen wollten schlicht immer weniger arbeiten, macht es sich zu einfach.
Denn Teilzeitbeschäftigte arbeiten heute im Durchschnitt sogar länger als vor zehn Jahren. Gleichzeitig verschwinden derzeit Vollzeitstellen schneller, als neue Teilzeitstellen entstehen. Allein dadurch steigt die Teilzeitquote.
Aus 60 Vollzeit- und 40 Teilzeitbeschäftigten werden beispielsweise 58 Vollzeit- und 40 Teilzeitbeschäftigte. Obwohl kein einziger zusätzlicher Teilzeitjob entstanden ist, steigt die Teilzeitquote von 40 auf knapp 41 Prozent. Genau dieser Effekt spielt derzeit eine erhebliche Rolle.
Und jetzt kostet die Arbeitsstunde mindestens 13,90 Euro
Damit wird die Entwicklung 2026 besonders interessant. Zum Jahresbeginn sprang der Mindestlohn von 12,82 auf 13,90 Euro – ein Anstieg um 8,4 Prozent innerhalb eines Jahres.
Aus früheren Erhöhungen wissen wir bereits, dass Unternehmen darauf mit einer Reduzierung von Arbeitsstunden reagieren können. Gleichzeitig erreicht die Teilzeitquote ausgerechnet jetzt ein Rekordniveau.
Das ist noch kein Beweis dafür, dass der Mindestlohn den Teilzeitboom verursacht. Es wäre aber ebenso voreilig, einen Zusammenhang auszuschließen.
Das IAB sieht momentan vor allem den Branchenwandel als Ursache. Dafür spricht insbesondere der Verlust von Vollzeitstellen in der Industrie. Die Erfahrungen früherer Mindestlohnerhöhungen zeigen jedoch, dass steigende Lohnuntergrenzen zusätzlich auf die Arbeitszeit wirken können.
Ob die 13,90-Euro-Erhöhung diesen Effekt 2026 erneut ausgelöst hat, werden erst detailliertere Arbeitszeitdaten zeigen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Deutschland immer mehr Teilzeitbeschäftigte hat. Das ist längst belegt. Spannender ist: Wird Arbeit tatsächlich weniger – oder wird sie aufgrund steigender Arbeitskosten zunehmend auf andere Beschäftigungsformen und mehr Köpfe verteilt?
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