Pflege hängt bei Digitalisierung hinterher
Die Pflege sollte längst flächendeckend an die Telematikinfrastruktur angeschlossen sein. Doch noch immer bestehen erhebliche Lücken. Der GKV-Spitzenverband fordert deshalb mehr Tempo – und will elektronische Patientenakte, Telepflege und perspektivisch auch KI stärker für die Versorgung nutzen.
Die Digitalisierung soll helfen, eines der zentralen Probleme der Pflege zumindest abzumildern: Immer mehr Pflegebedürftige treffen auf knapper werdende personelle und finanzielle Ressourcen. In einem neuen Positionspapier fordert der Verwaltungsrat des GKV-Spitzenverbandes deshalb, digitale Anwendungen schneller in die Versorgung zu bringen.
Der Handlungsdruck ist erheblich. Rund sechs Millionen Menschen sind nach Angaben des Verbandes derzeit in Deutschland auf Pflege angewiesen. Durch den demografischen Wandel könnten weitere zwei Millionen hinzukommen. Besonders stark dürfte der Pflegebedarf zwischen 2035 und 2055 steigen. Gleichzeitig erreichen auch viele Beschäftigte in der Pflege aus der Babyboomer-Generation das Rentenalter.
Digitalisierung soll deshalb nicht nur Verwaltungsabläufe vereinfachen. Der GKV-Spitzenverband sieht darin einen Hebel, um Pflegepersonal zu entlasten, Produktivität zu erhöhen und trotz Fachkräftemangels Versorgungskapazitäten zu sichern.
Pflege ist noch nicht vollständig an die TI angebunden
Wie groß die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist, zeigt der Stand bei der Telematikinfrastruktur (TI). Pflegeeinrichtungen waren gesetzlich verpflichtet, sich bis zum 1. Juli 2025 anzubinden.
Im Mai 2026 hatten jedoch erst 84 Prozent die für den sicheren Zugang erforderliche Authentifizierung beim elektronischen Gesundheitsberuferegister beantragt. Knapp zwei Drittel waren im TI-Adressbuch eingetragen und lediglich rund ein Drittel nutzte den sicheren E-Mail-Dienst.
Auch bei der elektronischen Patientenakte sieht der Verband Nachholbedarf. Pflegestatus und Pflegemaßnahmen werden darin bislang nicht abgebildet. Zudem fehlt eine einheitliche pflegerische Terminologie, mit der Informationen standardisiert und sektorenübergreifend verarbeitet werden können.
Der GKV-Spitzenverband fordert deshalb, Pflegeinformationen strukturiert in die ePA aufzunehmen und Pflegeeinrichtungen dauerhaft zur TI-Anbindung zu verpflichten. Auch Softwareanbieter sollen ihre Systeme so entwickeln, dass ePA und weitere zentrale TI-Dienste genutzt werden können.
Telepflege und KI sollen Pflegekräfte entlasten
Dabei geht es nicht allein um digitale Verwaltung. Der Verband nennt unter anderem Telepflege, digitale interprofessionelle Kommunikation, Pflegedokumentation, Abrechnung und Antragsverfahren als Bereiche, in denen digitale Prozesse stärker genutzt werden sollen.
Ausdrücklich nimmt das Positionspapier auch Künstliche Intelligenz in den Blick. Erste Versuche mit sprachgestützter Pflegedokumentation seien mit Blick auf eine mögliche Arbeitsentlastung vielversprechend. Denkbar seien zudem automatisierte Dienst- und Tourenplanung sowie digitale Plattformen zur Vermittlung von Pflegeangeboten.
Besonderes Potenzial sieht der Verband perspektivisch bei KI-Agenten. Sie könnten Prozesse optimieren und den Dokumentationsaufwand reduzieren. Belastbare Nutzenbewertungen gebe es für viele Anwendungen bislang allerdings noch nicht.
Digitale Pflege braucht digitale Kompetenz
Technik allein löst die Probleme allerdings nicht. Drei Viertel der Bevölkerung hätten Schwierigkeiten im Umgang mit digitalen Informationen. Gerade ältere Menschen und damit eine zentrale Zielgruppe der Langzeitpflege seien davon betroffen.
Auch bei Beschäftigten bestehen Lücken: Nach einer vom GKV-Spitzenverband angeführten Befragung aus dem Jahr 2023 fühlte sich lediglich die Hälfte der Pflegenden in der Langzeitpflege ausreichend für digitale Anwendungen geschult. Der Verband fordert deshalb, digitale Kompetenz stärker in Ausbildung, Studium sowie Fort- und Weiterbildung zu verankern.
GKV fordert „DigitalPakt Pflege“
Offen bleibt schließlich die Finanzierung. Derzeit unterstützt die soziale Pflegeversicherung Pflegeeinrichtungen einmalig mit bis zu 12.000 Euro für digitale oder technische Ausstattung und entsprechende Schulungen. Hinzu kommen Pauschalen für die TI-Anbindung. Nach Einschätzung des GKV-Spitzenverbandes kommen die Länder ihrer Verantwortung bei der Investitionskostenförderung jedoch sehr unterschiedlich nach.
Der Verband fordert deshalb unter anderem, den bisherigen einmaligen Digitalisierungszuschuss künftig alle drei Jahre zu ermöglichen. Bund und Länder sollen zudem nach dem Vorbild des DigitalPakts Schule einen „DigitalPakt Pflege“ auflegen. Pflegebedürftige sollen durch die Finanzierung der Digitalisierung ausdrücklich nicht mit höheren Eigenanteilen belastet werden.
Gleichzeitig setzt der Verband eine Grenze: Digitale Technik dürfe nicht pauschal als Ersatz für unbesetzte Personalstellen angesetzt werden. Vor einer entsprechenden Berücksichtigung müssten Nutzen, Wirtschaftlichkeit, Versorgungsqualität, Entlastung der Pflegenden und Folgekosten nachgewiesen werden.
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