Pflege zu Hause: Millionen Angehörige geraten zwischen Belastung, Beruf und Kostenfalle

Veröffentlichung: 12.05.2026, 13:05 Uhr - Lesezeit 7 Minuten

Die meisten Pflegebedürftigen in Deutschland werden von Angehörigen versorgt – oft über viele Jahre hinweg und parallel zum Beruf. Neue Studien von WIdO, DAK und AOK zeigen nun, wie hoch die körperliche, psychische und finanzielle Belastung vieler Pflegehaushalte inzwischen ist. Gleichzeitig wächst der Druck auf die Politik, eine grundlegende Reform der Pflegefinanzierung vorzulegen.

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Pflegende Angehörige übernehmen in Deutschland den Großteil der häuslichen Pflege – oft über viele Jahre hinweg und parallel zum Beruf. Die körperliche, psychische und finanzielle Belastung wächst dabei spürbar.Pflegende Angehörige übernehmen in Deutschland den Großteil der häuslichen Pflege – oft über viele Jahre hinweg und parallel zum Beruf. Die körperliche, psychische und finanzielle Belastung wächst dabei spürbar.Redaktion experten.de / KI-generiert

Die Pflege in Deutschland ruht weiterhin vor allem auf den Schultern von Angehörigen. Rund 86 Prozent aller Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt – meist von Familienmitgliedern, Partnern oder Kindern. Doch die Belastung dieser Menschen nimmt offenbar spürbar zu. Das zeigt eine neue repräsentative Untersuchung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Für den aktuellen WIdOmonitor wurden rund 1.500 pflegende Angehörige befragt. Demnach sind knapp 60 Prozent der pflegenden Angehörigen gleichzeitig erwerbstätig. Fast jeder zweite berufstätige Pflegende fühlt sich körperlich und psychisch hoch belastet.

Pflege verändert Erwerbsbiografien

Besonders deutlich zeigen sich die Auswirkungen bei der Vereinbarkeit von Pflege und Beruf. Fast die Hälfte der Teilzeitbeschäftigten gab an, ihre Arbeitszeit wegen der Pflege reduziert zu haben. Viele pflegen dabei über Jahre hinweg: Fast 40 Prozent der Befragten kümmern sich bereits seit mindestens fünf Jahren um Angehörige. Die Belastung betrifft dabei nicht nur die Organisation des Alltags, sondern oft auch die eigene finanzielle Absicherung. Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung sind aktuell rund 1,7 Millionen pflegende Angehörige rentenversichert – etwa 85 Prozent davon Frauen. Unter bestimmten Voraussetzungen übernimmt die Pflegekasse Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung. Ein Jahr Pflege kann dadurch zusätzliche Rentenansprüche begründen. Voraussetzung dafür ist unter anderem, dass mindestens Pflegegrad 2 vorliegt, die Pflege mindestens zehn Stunden pro Woche umfasst und die eigene Erwerbstätigkeit maximal 30 Stunden pro Woche beträgt. Dennoch bleibt die Pflege vielfach ein Karriere- und Armutsrisiko. Das WIdO verweist ausdrücklich auf einen fortbestehenden „Gender-Care-Gap“. Rund 60 Prozent der Pflegenden sind Frauen – mit Folgen für Einkommen, Erwerbsbiografien und Altersvorsorge.

Pflegearmut wird für viele zur realen Erfahrung

Parallel wächst offenbar die Angst vor finanzieller Überforderung durch Pflegekosten. Eine aktuelle Allensbach-Umfrage im Auftrag der DAK-Gesundheit zeigt, dass fast jede zweite pflegende Person sogenannte „Pflegearmut“ bereits im eigenen Umfeld erlebt hat. Gemeint ist damit, dass Ersparnisse aufgebraucht oder sogar Immobilien verkauft werden mussten, um Pflegekosten zu finanzieren. Auch in der Gesamtbevölkerung wächst die Sorge. Laut einer Civey-Umfrage im Auftrag des AOK-Bundesverbandes befürchten 86 Prozent der Bürger, durch die Eigenanteile im Pflegeheim finanziell überfordert zu werden. DAK-Chef Andreas Storm sprach deshalb von „sozialem Sprengstoff“ und forderte eine grundlegende Reform der Pflegefinanzierung.

Viele Hilfsangebote werden kaum genutzt

Bemerkenswert ist zugleich, dass zahlreiche Entlastungsangebote der Pflegeversicherung vergleichsweise wenig genutzt werden. Mehr als die Hälfte der ausschließlichen Pflegegeld-Bezieher nimmt laut WIdO keine weiteren Unterstützungsleistungen in Anspruch. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Häufig sehen Angehörige keinen Bedarf oder Pflegebedürftige lehnen fremde Hilfe ab. Gleichzeitig spielen aber auch finanzielle Hürden und Informationsdefizite eine Rolle. Besonders gering bleibt die Nutzung von Pflegeauszeiten zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Pflege. Nur rund jeder achte Erwerbstätige hat entsprechende Angebote bislang genutzt. Jeder vierte Befragte nennt finanzielle Gründe als Hindernis, viele kennen die Möglichkeiten gar nicht.

Pflegesystem gerät zunehmend unter Reformdruck

Die Diskussion fällt in eine Phase wachsender finanzieller Probleme der Sozialen Pflegeversicherung. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken arbeitet derzeit an einer umfassenden Pflegereform. Medienberichten zufolge geht es dabei unter anderem um Einsparungen bei Zuschüssen für Pflegeheimbewohner. Gleichzeitig wächst die Zahl der Pflegebedürftigen schneller als ursprünglich prognostiziert. Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung gibt es derzeit rund 5,7 Millionen Pflegebedürftige in Deutschland. Bis 2050 könnte die Zahl auf mehr als sieben Millionen steigen. Das WIdO sieht deshalb erheblichen politischen Handlungsbedarf. Gefordert werden niedrigschwellige Beratung, besser zugängliche Unterstützungsangebote und eine stärkere Ausrichtung der Pflegepolitik auf die tatsächlichen Belastungen pflegender Angehöriger.

Denn ohne Angehörige würde das deutsche Pflegesystem schon heute kaum noch funktionieren.

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