Zwei Millionen versicherte Tiere reichen noch nicht: Branche will Tierkrankenschutz stärker verbreiten
Die Tierkrankenversicherung wächst rasant. Doch die Versicherungswirtschaft will nicht nur mehr Hunde und Katzen absichern. Ein neues Leitbild des GDV zeigt einen weitergehenden Anspruch: Versicherer wollen die Marktdurchdringung erhöhen und zugleich eine größere Rolle bei Prävention, Telemedizin und im tiermedizinischen Versorgungssystem übernehmen.
Mehr als zwei Millionen Haustiere sind inzwischen krankenversichert, das Beitragsvolumen hat sich innerhalb von fünf Jahren mehr als vervierfacht. Doch für die Versicherungswirtschaft ist damit offenbar noch längst nicht das Ende der Entwicklung erreicht.
Das zeigt ein neues Leitbild zur Tierkrankenversicherung, das der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) gemeinsam mit seinen Mitgliedsunternehmen erarbeitet hat. Darin beschreibt der Verband nicht nur Grundsätze für Produkte und Leistungen. Er formuliert auch, welche Rolle die Tierkrankenversicherung künftig im Markt und innerhalb der tiermedizinischen Versorgung spielen soll. Ein Ziel wird dabei ungewöhnlich konkret benannt: Durch Aufklärung und gemeinsame Kampagnen sollen „Akzeptanz und Durchdringung des Produktes“ erhöht werden. Aus einem lange überschaubaren Nischenprodukt soll damit offenbar ein stärker etablierter Bestandteil der Absicherung von Tierhaltern werden.
Vom Nischenprodukt zum Wachstumsmarkt
Die Voraussetzungen dafür haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Nach aktuellen GDV-Zahlen waren 2019 rund 845.000 Tiere krankenversichert. 2024 waren es bereits mehr als zwei Millionen. Im gleichen Zeitraum stiegen die Bruttobeiträge von 173 auf 720 Millionen Euro. Wie stark sich dabei nicht nur der Bestand, sondern auch der Produktmix verändert, zeigt die aktuelle Marktentwicklung: Immer mehr Tierhalter entscheiden sich für eine umfassende Tierkrankenversicherung statt eines reinen OP-Schutzes.
Das neue Leitbild setzt nun eine Ebene darüber an. Der GDV definiert darin, welche Aufgaben die Branche übernehmen und nach welchen Grundsätzen sich der Markt weiterentwickeln soll.
Auch die Risikoprüfung gehört zu den Grundsätzen, die der GDV im Leitbild beschreibt. Bei Annahme und Tarifierung können die Versicherer individuelle Faktoren wie Alter, Rasse und Gesundheitszustand des Tieres berücksichtigen. Die konkrete Ausgestaltung bleibt Sache des jeweiligen Anbieters.
Versicherer wollen Marktdurchdringung erhöhen
Das Leitbild beschränkt sich allerdings nicht auf Produktgrundsätze. Die Branche formuliert ausdrücklich den Anspruch, mehr Tierhalter über Funktionsweise und Vorteile der Tierkrankenversicherung aufzuklären. Gemeinsam mit Tierärzten, Tierhaltern und weiteren Akteuren sollen nach Vorstellung des GDV Informationsangebote entwickelt werden. Noch deutlicher wird das Papier beim Vertrieb: Gemeinsame Kampagnen sollen dazu beitragen, die Akzeptanz und Durchdringung der Tierkrankenversicherung zu erhöhen.
Damit benennt der Verband ein wirtschaftliches Ziel offen, das angesichts der bisherigen Entwicklung erhebliches Potenzial besitzt. Trotz der starken Zuwächse ist nur ein Teil der Haustiere in Deutschland entsprechend abgesichert. Wie groß das noch erschließbare Marktpotenzial tatsächlich ist, lässt sich aus dem Leitbild allerdings nicht ableiten. Der GDV nennt darin weder eine angestrebte Versicherungsquote noch ein konkretes Wachstumsziel.
Nicht mehr nur Rechnungen erstatten
Noch interessanter ist deshalb ein zweiter Anspruch des Papiers. Die Versicherer beschreiben ihre Aufgabe zunehmend über die klassische Erstattung von Tierarztkosten hinaus. Im Leitbild werden unter anderem Prävention, Gesundheitsvorsorge, Aufklärung und Telemedizin genannt. Der Verband schreibt den Versicherern außerdem eine Rolle bei der Transparenz tiermedizinischer Abrechnungen zu. Durch die Prüfung von Rechnungen und die Kontrolle der Einhaltung der Gebührenordnung für Tierärzte könnten sie nach seiner Darstellung zu fairen und transparenten Strukturen im Versorgungssystem beitragen.
Damit zeichnet sich ein Rollenverständnis ab, das aus anderen Bereichen der Krankenversicherung bekannt ist: Der Versicherer versteht sich nicht ausschließlich als Kostenträger, sondern zunehmend als Akteur rund um Versorgung und Prävention.
Gerade digitale Angebote können diese Entwicklung verstärken. Telemedizinische Beratung schafft beispielsweise einen direkten Zugang zu tiermedizinischen Leistungen, noch bevor eine klassische Behandlung in einer Praxis stattfindet.
Zwischen Tierhalter, Tierarzt und Versicherer entsteht ein Dreieck
Mit wachsender Marktdurchdringung könnte deshalb auch das Verhältnis zwischen den beteiligten Akteuren wichtiger werden. Bislang entsteht die tiermedizinische Versorgung im Wesentlichen zwischen Tierhalter und Tierarzt; der Versicherer erstattet anschließend je nach Vertrag einen Teil der entstandenen Kosten. Werden Telemedizin, Präventionsangebote und Rechnungsprüfung ausgebaut, rückt der Versicherer näher an den eigentlichen Versorgungsprozess heran. Der GDV betont dabei die freie Tierarztwahl. Versicherte sollen grundsätzlich selbst entscheiden können, welche Praxis oder Klinik sie aufsuchen. Gleichzeitig spricht sich die Branche für einen kontinuierlichen Austausch mit Tierärzten, Tierhaltern und anderen Beteiligten aus. Wie weit sich daraus künftig tatsächlich eine stärkere Steuerungsfunktion der Versicherer entwickelt, lässt das Leitbild offen.
Die Branche fordert auch klare Spielregeln
Mit dem Anspruch auf eine stärkere Marktposition verbindet der GDV zugleich Forderungen an die Rahmenbedingungen. Der Verband spricht sich für klare gesetzliche und regulatorische Vorgaben aus, die einerseits Verbraucher schützen, andererseits aber Raum für Produktinnovationen und unterschiedliche Tarifmodelle lassen sollen.
Auch Datenschutz und Datensicherheit erhalten im Leitbild einen eigenen Stellenwert. Gesundheitsdaten von Tieren und personenbezogene Daten der Halter sollen nach den geltenden gesetzlichen Vorgaben verarbeitet werden. Das wird relevanter, wenn Versicherungen zunehmend digitale Services anbieten und neben Rechnungsdaten weitere Informationen über Behandlung und Gesundheitszustand eines Tieres verarbeiten.
Wachstum verändert die Rolle der Tierkrankenversicherung
Das Leitbild ist damit mehr als eine Sammlung unverbindlicher Produktgrundsätze. Es dokumentiert, wie die Versicherungswirtschaft einen schnell wachsenden Markt inzwischen selbst einordnet. Die Branche will die Tierkrankenversicherung stärker verbreiten, die Produktqualität weiterentwickeln und zugleich über die reine Kostenerstattung hinaus Leistungen rund um Prävention, Beratung und Versorgung anbieten.
Ob daraus tatsächlich eine stärkere Rolle der Versicherer im tiermedizinischen Versorgungssystem entsteht, wird nicht allein von den Versicherungsunternehmen abhängen. Tierärzte, Tierhalter, Regulierung und nicht zuletzt die Entwicklung der Behandlungskosten werden mitbestimmen, wo die Grenzen liegen.
Fest steht zunächst: Aus der Frage, wer die Tierarztrechnung bezahlt, entwickelt sich zunehmend die Frage, welche Rolle Versicherer bei der Gesundheitsversorgung von Haustieren überhaupt übernehmen sollen.
Tierkrankenversicherung: Das neue Leitbild
Das Leitbild zur Tierkrankenversicherung wurde vom GDV gemeinsam mit seinen Mitgliedsunternehmen entwickelt. Es beschreibt nach Verbandsangaben gemeinsame Grundsätze für Produktgestaltung, Leistungsversprechen, Kommunikation und den Umgang mit Tierhaltern sowie weiteren Beteiligten.
Zu den formulierten Zielen gehören unter anderem transparente Produkte, individuelle Risikobewertung, freie Tierarztwahl, Prävention und Telemedizin sowie eine stärkere Aufklärung über Tierkrankenversicherungen. Der Verband will außerdem die Akzeptanz und Marktdurchdringung des Produkts erhöhen.
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